Heribert Bruchhagen über seine Laufbahn

Ein Torwart verschwindet

Nachtfahrt nach Hamburg

Ich glaube, dass Günter Eichberg heute oft ungerecht bewertet wird. Er hat Großes für Schalke geleistet, am Ende aber schwere Fehler gemacht. Deshalb bin ich 1992 zum HSV gewechselt. Am 30.6. habe ich meine Geschäfte auf Schalke übergeben, bin in der Nacht mit dem Auto nach Hamburg gefahren und habe am 1.7. morgens beim HSV angefangen. Der Kontakt lief über Bernd Wehmeyer und die Firma Adidas, die beide Vereine ausrüstete.

Den Ursprung hatte das Ganze aber in den Bundesliga-Tagungen, bei denen der HSV und Schalke nebeneinandersitzen, weil es dort nach dem Alphabet geht und Schalke unter Gelsenkirchen geführt wird. Links neben mir saß HSV-Präsident Jürgen Hunke, mit dem ich mich fruchtbar ausgetauscht habe. Außerdem war auch er alter Gütersloher, und sein Vater, der dort nach wie vor lebte, hat ihm wohl immer von mir erzählt.

Zwei Neue aus Sofia

Was den Fußball betraf, war Jürgen Hunke ein interessierter Laie, aber was ich von ihm gelernt habe, war der sorgfältige Umgang mit Geld. Gleichwohl waren das damals noch andere Zeiten, wie man an den Umständen sehen kann, unter denen ich 1992 Jordan Letschkow und Pawel Dotschew von ZSKA Sofia geholt habe. Die beiden wollten ein Gehalt, das etwas oberhalb von dem unserer Besserverdiener lag.

Das wollte ich aber nicht, aus einem einfachen Grund: Neuen mehr Geld zu geben als den besten Alten im Kader, so etwas tut man eigentlich nicht. Also haben wir einen Deal gemacht: Ich habe etwas mehr als die vereinbarte Ablösesumme überwiesen, wovon dann in Bulgarien verschiedene Ansprüche befriedigt wurden. Wenn ich heute da rüber nachdenke, war das vermutlich die klassische Form der Steuerhinterziehung. Damals hatte man dabei aber überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Ich glaubte etwas Gutes für Hamburg getan zu haben, mit dem alle zufrieden sind.

Ronny Wulff und das Ende

Jürgen Hunke trat zurück, und für seine Nachfolge gab es drei Kandidaten: Werner Klatten, Geschäftsführer bei Sat-1. Udo Bandow, Präsident der Vereins- und Westbank. Und Ronny Wulff, damals Schatzmeister und Fanklub-Vorsitzender in Hamburg-Bergedorf. Hunke hatte mich beauftragt, an der Regelung seiner Nachfolge mitzuarbeiten, und ich hatte mich früh auf Bandow festgelegt. Dann gab ich der »Welt« ein verhängnisvolles Interview, in dem ich sinngemäß sagte: »Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass der Fanklub-Vorsitzende von Bergedorf Präsident des Hamburger Sportvereins wird?« Leider bekam Bandow bald darauf Manschetten.

Er hatte Sorge, dass eine verlorene Wahl möglicherweise seiner Reputation in Hamburg schaden könne. So kam es, wie es kommen musste: Am Wahlabend gab es plötzlich nur noch einen Kandidaten: Ronny Wulff. Er hat mir dann noch am gleichen Abend gesagt, dass es für mich vorbei ist. Kann ich ihm nicht verdenken, hätte ich auch nicht anders gemacht. Am 15. Dezember 1994 haben wir den Vertrag aufgelöst, das einzige Mal in meinem Leben, das ich gefeuert wurde – obwohl wir in der Bundesliga an fünfter Stelle standen und eine richtig gute Mannschaft hatten.

Pleite in Bielefeld

Nach 14 Tagen als Manager bei Arminia Bielefeld habe ich gedacht, ich muss wieder weg. Weil die Verträge nicht zu erfüllen waren. Dabei hätte ich es bereits ahnen können, weil ich zu meiner Zeit als HSV-Manager Thomas von Heesen, Armin Eck und Jörg Bode nach Bielefeld verkauft habe. Die wollten unbedingt dorthin, weil sie dort im Vergleich zum Hamburger SV das Doppelte verdienen konnten. Nur dass Arminia Bielefeld damals noch in der dritten Liga spielte. Unfassbar! Als ich nun in Bielefeld mit den Folgen dieser Politik leben musste, hat mir Jürgen Hunke geholfen, mit einem ungesicherten Kredit, durch den wir Arminia, sage ich mal, auspendeln konnten. Dieser Kredit ist von Arminia in den folgenden Jahren auch zurückgezahlt worden, aber es war eine schwere Zeit. Unter anderem mussten Präsident Hans-Hermann Schwick und ich unser Eigenheim als Sicherheit für einen Bankkredit einsetzen. Das kann einem schon mal schlaflose Nächte bescheren.

Ein Torwart verschwindet

Wir sind mit Arminia in die Bundesliga auf-, aber sofort wieder abgestiegen. Der Abstieg wurde allgemein Trainer Hermann Gerland angelastet, was aus meiner Sicht völliger Blödsinn war. Den Leuten, die das so sehen, müsste doch zu denken geben, welche Reputation Gerland bis heute genießt. Damals aber war die Sache verfahren, auch intern gab es Querelen und irgendwann sogar einen Spieleraufstand gegen den Trainer. Die gerne kolportierte Geschichte, die Spieler seien auf Gerlands Pferdehof gefahren, um ihn mit ihren Vorwürfen zu konfrontieren, stimmt nicht, aber sie passt in die Mythologie.

In Wahrheit kamen die Rädelsführer zu mir ins Büro und haben gesagt, sie wollten nicht mehr mit Gerland arbeiten. Wir haben uns dann erst während der folgenden Zweitligasaison getrennt, allerdings mit einer bizarren Schlusspointe. Keeper Goran Curko wurde nach einigen unglücklichen Auftritten für die Fans zur Symbolfigur des Niedergangs, und im ersten Spiel nach Gerland ist die Sache eskaliert. Als Curko ausgepfiffen wurde, hat er mitten im Spiel seine Handschuhe weggeworfen und ist vom Spielfeld gestürmt. Torwarttrainer Kurt Kowarz ist ihm noch hinterhergerannt, aber da war nichts zu machen: Curko hat seine Sachen gepackt und ist ab nach Hause! Ich saß oben auf der Tribüne und dachte, ich sehe nicht richtig, konnte aber nicht eingreifen.