Henrys Suche nach dem perfekten Fußball

Was ist los, Titi?

Am Ball kann Thierry Henry alles, was sich denken lässt. Er hat beinah jeden großen Titel gewonnen, ist reich, schön und beliebt. Und doch umweht ihn Melancholie. Die Geschichte eines Grüblers, der sein Glück bisher nicht gefunden hat. Imago

Nachts um Viertel vor zwölf, am Gate 28 des Glasgower Flughafen, erfüllt ein gewöhnlicher Computer den Traum aller Verteidiger: Er degradiert die legendäre Elf des FC Barcelona komplett zum Nichts. Er löscht sie einfach aus. Kein einziger Name mehr erscheint in der Passagierliste des Charterflugs, der die Mannschaft schon längst vomChampions-League-Spiel bei den Glasgow Rangers zurück nach Barcelona bringen sollte.

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So schnell werden aus Weltklassefußballern beliebige Touristen. Einer nach dem anderen muss nach dem Versagen der Informatik vortreten und seinen Pass zeigen. Eine kleine, kräftige Stewardess indischer Abstammung in schreiend blauer Uniform, die glänzenden Haare zum strengen Pferdeschwanz gebunden, nimmt die Namen erneut im Computer auf. Die Verspätung wächst, vor eins wird es nicht losgehen. An die Wand gelehnt, unternimmt Torwart Victor Valdés einen Rekordversuch in der Disziplin größtes Gähnen der Welt; ohne seine famosen Hände zu benutzen. Ronaldinho bewältigt die frische Oktobernacht wie ein echter Schotte im kurzärmligen Polohemd. Er telefoniert; ob das gut funktioniert, bleibt schleierhaft, er hält das Handy auf sein linkes Ohr, in dem weiterhin der Ohrstöpsel seines Musikplayers steckt. Thierry Henry, beflissen, ernst, steht schon vor der Stewardess am Schalter. Sie vergleicht sein Foto im Reisepass mit dem Gesicht vor ihr, als ob sie es noch niemals gesehen hätte. Es ist die Nacht, in der es so schwer wie nie fällt, Thierry Henry wiederzuerkennen.

Kann ein Spieler bei gleich drei Vereinen zur Legende werden?


Drei Stunden zuvor atmen in der luftfeuchten Dunkelheit 50?000 Fanatiker im Ibrox Park heißen Dampf aus. Ihre Rangers verteidigen sich mit allem, was sie haben, gegen das große Barça. Henry steht mit dem Rücken zum Tor. Es ist die natürliche Haltung des Stürmers, man vergisst es so leicht: wie viel Zeit sie damit verbringen, nach hinten zu schauen, zu warten auf den einen Pass, den plötzlichen Ball, der sie losschickt, der ihre Sinne rasend macht. Denn sie wissen, sie, nur sie, können in einem einzigen Moment die Welt verändern; oder zumindest die Illusion erzeugen, die Welt sei eine andere. Der Pass kommt, mehr als einmal. Aber das Warten hört nicht auf in dieser Nacht. Das Tor wendet sich Henry partout nicht zu. Er gilt, pauschal und für immer, als einer der besten Stürmer aller Zeiten, Welt- und Europameister mit Frankreich, Europas Fußballer des Jahres 2004, Europas bester Torschütze 2005 und 2006, Rekordtorschütze der französischen Nationalelf, die Aufzählung der Auszeichnungen ließe sich fortsetzen, bis der aufmerksamste Leser eingeschlafen ist. Thierry Henry, Meister aller Klassen, wird in Ibrox von seinen Mitspielern nicht gefunden.
Sie passen und passen, es ist das berühmte Barça-Spiel, el toque wird es genannt, die Berührung, weil die Spieler den Ball permanent berühren, stoppen und passen, passen, passen. Aber der letzte, der atemberaubende Pass zum Mittelstürmer verkümmert. Sie sehen Henrys Sprints zu spät oder er ist nicht in der Position, in der sie ihn erwarten. Dann, endlich, hat er einmal den Ball. Er will sich drehen, und schon hat der Unglaube 50?000 Stimmen, 50?000 schottische Schreie in der feuchten Luft. David Weir, 37 Jahre alt, ein Spieler aus der guten, alten Generation, als schottische Verteidiger noch mit Zahnlücken aus den Partien gingen, hat Thierry Henry einfach an seiner Brust abprallen lassen, ihm den Ball geraubt – ihn zum Nichts degradiert. Es ist Nacht, in der tintenschwarz und schreiend das Fragezeichen auftaucht. Was ist los, Titi?

So ruft es ihm in Großbuchstaben das Sportblatt »El Mundo Deportivo«, die respektable Hauszeitung des barcelonismo, nach dem 0:0 in Glasgow von der Titelseite entgegen. 100 Tage sind vergangen, seit Thierry Henry, genannt Titi, vom FC Arsenal in London für 24 Millionen Euro Ablöse zum FC Barcelona wechselte und die sensationellste Elf einer Dekade, das Barça des Zaubers und der Wucht, vor Eleganz und Elan zu platzen schien. Ein Sturm mit Ronaldinho, Eto’o, Messi und nun noch Henry. »Es ist nicht sehr schön, wenn ich das sage«, sprach Henry bei seiner Präsentation, »aber die Wahrheit ist: Du schaust dir die Namen an und sie machen Angst.« Alle vier auf ein Foto zu bekommen, war die journalistische Herausforderung des Sommers. Es dauerte bis zur dritten Trainingswoche, bis es ein Fotograf einfing; dass sich Henry gerade bückte, um einen Socken hochzuziehen, und also sein Gesicht gar nicht zu sehen war, spielte eine untergeordnete Rolle, der Schnapsschuss ging trotzdem um die Welt. Längst war ein Begriff im Umlauf: die Fantastischen Vier. 100 Tage später versteht man besser denn je, wie fantastisch der Fußball Barças ist – wenn selbst Thierry Henry enorme Probleme hat, sich in das einzigartig kunstvolle Angriffsspiel einzufügen.

Eingewöhnungsschwierigkeiten beim Wechsel von Land und Verein sind das Normalste der Welt. Henry wird sie überwinden, er wird wieder besser spielen, niemand käme auf die Idee zu behaupten, er sei nun, mit 30, am Ende. Doch niemand kann übersehen, dass hinter seinen nicht für möglich gehaltenen blutarmen Auftritten in der Anfangszeit in Barcelona tiefere, interessantere, Fragen stecken: Kann es sein, dass er nicht wirklich in diese Mannschaft des schwindelerregenden Kurzpassspiels passt; kann es sein, dass ein Spieler seiner Klasse in irgendeine Mannschaft nicht passt? Kann kein Fußballer in zwei verschiedenen Vereinen zur Legende werden? Was für ein Fußballer ist Thierry Henry überhaupt? Was ist los, Titi?

»Alles in Ordnung«, antwortet er – einige Tage vor Glasgow, als der Spruch Qué pasa, Titi? noch keine ernsthafte Schlüsselfrage, sondern eine harmlose Begrüßung im Tiefgeschoß des Stadion Camp Nou ist. Henry erscheint zum Pressegespräch mit einer golden glitzernden Krone. Allerdings trägt er sie nicht auf dem Kopf, sondern auf dem militärgrünen T-Shirt. Profifußballer haben eine Schwäche für schreiende Kleidung mit allerhand Aufdrucken, und dieses winzige bisschen Selbstinszenierung gestattet sich auch Thierry Henry. Nach 13 Profijahren als gekrönte Ausnahmebegabung hat er sich die Ausstrahlung eines bescheidenen Anfängers bewahrt. »Versteht mich bitte nicht falsch«, sagt er, als das Gespräch auf seine Präsentation in Barcelona kommt, zu der 30?000 Fans im Camp Nou erschienen, 30?000, nur um ihn in Person zu sehen. »Aber mir war es ein wenig peinlich. Ich stand da unten auf dem Rasen, sah hoch zu den Leuten und fragte mich: Und was soll ich jetzt überhaupt machen?«

174 Tore in 254 Spielen für Arsenal



Er lacht. Wie viele berühmte Fußballer, von denen alle Welt ständig flotte Sprüche einfordert, lacht er oft selbst schon über seine Sätze, bevor der Gegenüber die Chance hat zu schmunzeln. Als ob er dem eigenen Charme nicht traut und glaubt, seinen Witz mit dem Lachen verstärken zu müssen. Wenn seine kugelrunden Augen lachen, ist der böseste Mensch wehrlos: Dann muss ihn jeder mögen. Doch sein Lachen wird immer wieder auf die Schnelle eingefangen vom heiligen Ernst, der in ihm steckt. Ronaldinho?… »Ich weiß«, unterbricht er. »Ronaldinho lächelt immer während des Spiels. Und ich nie. Es liegt daran, dass ich nie absolut glücklich sein kann.« Für einen Moment, einen kurzen Augenblick, der ewig lange erscheint, ist es ruhig im Tiefgeschoß des Camp Nou, wo Ledersofas stehen und das Stadion wie eine misslungene Kreuzung aus Parkhaus und Hotel aussieht. Und die betretene Stille trägt die Gedanken sieben Jahre zurück nach Nord-London. Als ich ihm das erste Mal begegnet bin.

Es war im Mai 2000. Arsenals gläserner Trainingspalast liegt im Niemandsland bei London-Colney, nur ein weiteres Gebäude gibt es in der Nähe, eine Autowaschanlage. Die gehöre Torwart David Seaman, erzählte damals Arsenals deutscher Mittelfeldspieler Alberto Méndez. Thierry Henry erschien in der Klubcafeteria mit einem weißen Hemd unter einem grauen Pullover mit V-Kragen. Es war die Kleidung eines braven Schülers, und er sah darin aus wie ein Rapper, cool, selbstbewusst. Weil es England war, wo Humor und Selbstironie die höchsten Werte sind, begann das Gespräch in harmlos witziger Stimmung. Es bekam schleichend, automatisch, einen – seinen – pastoralen Ton. Selbst, als Thierry Henry noch immer witzig klang, war er längst ernst. »Ich sollte mehr Tore schießen, ich schieße nie genug, um mich zufriedenzustellen.« Er hatte damals, in seinem ersten Jahr bei Arsenal, gleich 17-mal getroffen. »Aber ich schieße nie einfache Tore, nie. So wie Gerd Müller. Er war ein großartiger Spieler, obwohl er nicht schnell oder technisch besonders gut war. Aber er hatte diesen unglaublichen Torinstinkt. Meine Tore sind immer gleich.« Tatsächlich erinnert man sich, wenn man an Henrys Tore denkt, an eines, das sich unendlich oft wiederholt: Von Linksaußen dringt er in den Strafraum ein und schießt den Ball mit dem rechten Innenrist flach, in leichter Kurve um den Torwart herum ins rechte Toreck. Es sind wunderschöne Tore. »Aber ich würde so gerne einmal einen einfachen Abstauber aus zwei Metern reinmachen. Zum Anfang meiner Karriere habe ich in Monaco mit David Trézéguet gespielt, und wenn ein Schuss vom Pfosten abprallte, landete er immer vor seinen Füßen, nie vor meinen. Ich sagte zu ihm: ›David, beim nächsten Mal stehe ich an dem Pfosten.‹ Natürlich prallte der Ball beim nächsten Mal vom anderen Pfosten ab, und wieder war er zur Stelle.«

Wir saßen ihm gegenüber, ein halbes Dutzend Journalisten, und wie auf Autopilot, ohne es zu merken, begannen wir plötzlich jede Frage mit »Aber?…?«. Aber wenige Spieler schießen so viele Tore wie du, Thierry. Aber, Thierry, kaum ein Stürmer verfügt über solch ein Arsenal an Fähigkeiten wie du. Journalisten, die gekommen waren, um kühl Fragen zu stellen, verteidigten ihn am Ende gegen sich selbst. Später sagte er in einem Interview mit »France Football«: »Ich kann nicht anders sein. Mein Vater hat mich so erzogen.« Er wuchs als Sohn von Einwanderern aus Guadeloupe in der Pariser Peripherie auf, »als Kind kam ich nach Hause: ›Papa, ich habe ein Tor gemacht!‹ Und er würde sagen: ›Ja, aber du hättest einen Pass spielen sollen.‹« Langjährige Weggefährten in der französischen Nationalelf wie Lilian Thuram sagten ihm damals oft: Titi, nimm nicht alles zu ernst. Und er nickte: Ich weiß, ich weiß.

Thierry Henry, das Arsenal-Trikot hing ihm aus Hose, brachte samstags um drei in Highbury mit jeder Bewegung auf den Punkt, was Eleganz ist. In einem rasenden Sport besaß er die Frechheit, sich einfach eine Pause zu nehmen: Er blieb, den Ball am Fuß, in Tornähe vom Gegner bedrängt, stehen. Alles tobte und er stand. Und nach einem scheinbar ewigen Moment der Pause schwebte er, als sei es das Leichteste, mit einem Haken, einer Finte am Gegner vorbei. 174 Tore in 254 Premier-League-Spielen erzielte er in sieben Jahren für Arsenal; einmalig. Für uns Zuschauer verkörperte sein Spiel mehr als alles andere die Schwerelosigkeit. Und Thierry Henry selbst konnte die wunderbare Leichtigkeit des Seins nie finden.

»Es liegt daran, dass ich nie absolut glücklich sein kann«


Er rief damals in London Journalisten an, wenn sie seiner Meinung nach etwas Unrichtiges geschrieben hatten und diskutierte sachlich und sanft mit ihnen darüber. Mit Oliver Holt, dem Chief Football Writer des »Daily Mirror«, kam er zunächst nicht weit. »Thierry«, sagte Holt, »ich stehe gerade barfuß an der Sicherheitskontrolle bei der Einreise in die USA, kannst du später anrufen?« Und Henry rief später an. Er engagierte sich in Fußballprojekten mit schwierigen Kindern, wollte aber auf keinen Fall, dass darüber berichtet wurde; aus Angst, es könnte als PR-Stunt missverstanden werden. Einmal führte er den FC Fulham in einem Ligaspiel alleine vor und schlichtete dann väterlich, als zwei frustrierte Fulham-Profis aufeinander losgingen. Als der deutsche Verteidiger Markus Babbel beim FC Liverpool sein Comeback nach einer Krankheit gab, die ihn zeitweise gelähmt hatte, war es Henry, der zu ihm kam und sagte: »Wir sind alle froh, dass du wieder da bist.« Er war dort angekommen, wo es für einen Fußballer nicht weiter hinauf geht, die Legende in einem der prestigeträchtigsten, erfolgreichsten Klubs. Und er konnte nicht anders als immer noch unbefriedigt weiterzusuchen, nach etwas Unbestimmten, nach einer Rolle, die es im Fußball nicht wirklich gibt. Er versuchte – ja, was? – zu sein: vorbildliches Vorbild, Überfigur – Bundespräsident des Fußballs? Die langjährigen Weggefährten gaben es auf, ihm zu sagen, Titi, nimm nicht alles so ernst.

Selbst wenn er zuhause in Hampstead, dem Viertel, wo London mitten in der Stadt ein Dorf ist, Fußball im Fernsehen schaute, konnte es ihm nie einfach nur ein Vergnügen sein. »Letztens sah ich Angers gegen Amiens«, französische 2. Liga, erzählte er einmal der Zeitung »L’Equipe«, »ich schaue das und suche nach guten Spielern. Das ist meine Art, diesen Spielern Respekt zu zollen.« Er schaut fanatisch Fußball. Er schaut englische 3. Liga, holländische Liga, Bundesliga. Als ihn 2004, zur Hochzeit des Spektakelfußballs der Galácticos bei Real Madrid, die spanische Zeitung »Marca« nach der Elf fragte, die er am liebsten sehe, antwortete er: »Es gibt eine Mannschaft, die mich begeistert. Sochaux. Niemand kennt sie, sie haben keine Stars, aber die Art, wie sie den Ball passen – wunderbar. Ah, und ich darf Stuttgart nicht vergessen! Diese Jungen spielen sehr gut.«

Nur sich selbst sieht er sich nicht an im Fernsehen. »Es ist merkwürdig – ich kann das nicht.« Nur einmal habe er eine Ausnahme gemacht, nach einem 5:1-Sieg mit Arsenal bei Inter Mailand. »Da habe ich das Video eingelegt, weil es so einen Sieg nicht alle Tage gibt.« Was er nicht erwähnt, ist Arsenals fünftes Tor in jener Partie. Ein Spieler rennt aus der eigenen Hälfte über den Platz, die Fernsehtechniker stoppen nachher mit und zählen nach: Thierry Henry ist neun Sekunden unterwegs, ohne dass ihn ein Gegner vom Ball trennen kann, er legt sich den Ball sechsmal selbst vor. Es ist etwas, was man heutzutage im Spitzenfußball kaum noch sieht: einen Spieler, der sich den Ball selbst vorlegt und hinterherläuft. Zwischen engen Abwehr- und Mittelfeldlinien ist dafür der Spielraum nicht mehr vorhanden, zudem haben sich die athletischen Fähigkeiten aller Profis mittlerweile auf höchstem Niveau so angeglichen, dass fast niemand mehr den anderen einfach davonlaufen kann. In diesem Spiel ohne Raum und Zeit ist es eine seiner Spezialitäten geblieben: Ball vorlegen und davonlaufen.

Joan Laporta sah diesen Spieler im Fernsehen. Laporta ist von Beruf ein rationaler Mann, Anwalt, er hat nach seiner Wahl zum Vereinspräsidenten im Juli 2003 mit seiner Führungsriege den zur melodramatischen Vorabendserie verkommenen FC Barcelona finanziell und sportlich saniert. Seine Ratio musste auch Laporta sagen, dass Barças verschwenderisch mit Angriffskraft bestückte Elf Henry nicht brauchte. Aber daheim vor dem Fernseher war Laporta auch nur einer von uns, den Fans. »Mein Traum«, gestand er im Herbst 2005 in intimer Atmosphäre, »ist es, Henry im Barça-Trikot zu sehen.« Ernsthaft konnte Laporta nicht glauben, dass der Satz geheim blieb. Denn so nett und unerfahren die jungen Studenten waren, denen er das Geständnis bei einem Gastvortrag machte, so viel Berufsinstinkt hatten sie doch schon, um den Wert der Nachricht abzuschätzen. Es waren Journalistenschüler der Universität Pompeu Fabra.

Der Fußball hat eine große Schwäche für Herzschmerzdramen. So führte er zum Ende der Saison 2005/06 in Henrys Geburtsstadt Paris Barcelona und Arsenal im Champions-League-Finale zusammen. Just, bevor Henry zu Barça wechseln sollte. Er habe bereits zugesagt, versicherten beim FC Barcelona in jenen Maitagen vor dem Finale verschiedene und berufene Quellen im Privatgespräch. Die Frage schien nur noch, wie er denn kommen würde: Raubte Henry im Finale von Paris mit einem Siegtor den zukünftigen Mitspielern den Lebenstraum; lief er nach einem entscheidenden Fehlschuss zu den Siegern über?

Sein Pflichtgefühl verbot ihm, Arsenal im Stich zu lassen


Endspiele sind nicht für großartige Auftritte gedacht, sondern dazu da, gewonnen zu werden. Es wurde ein Finale in dieser Tradition. Die frühe Rote Karte für Arsenals deutschen Torwart Jens Lehmann limitierte das Spiel. Arsenal verteidigte, Barça griff an, zunehmend hysterisch statt rational elegant. In diesem Schema waren die Konter von Thierry Henry die Schau. Er alleine zerriss Barças Abwehr. Schon bald wussten sich Barças Verteidiger, vor allem Carles Puyol und Oleguer Presas, in erster Linie noch mit verzweifelten Fouls gegen die drohende Lächerlichkeit zu wehren. Das Tor jedoch fand Henry nicht. Barças Torwart Victor Valdés flog, von der Inspiration geküsst. Es war die schreiende Ungerechtigkeit des Abends, dass nach Barças 2:1-Sieg alle Welt von Lehmanns Platzverweis redete und niemand von dem Torwart, der das Endspiel wirklich entschied. Der Europapokal kam vorbei, nachts in den Gängen des Stade de France, Juliano Belletti, der Schütze des Siegestores, trug ihn, »Ronaldinho hat es mir erlaubt!«, sagte er. Der Pokal roch nach abgestandenem Alkohol, Belletti sagte, »ich werde ihn ein wenig streicheln.« Und irgendwann, viel später, kam dann Thierry Henry aus der Umkleidekabine.

Etwas war passiert. Man sah es in seinem Gesicht. Dort war der Schmerz zuhause, mit seinem kleinen Bruder, dem Trotz. Jemand fragte Henry nach seinem Wechsel zu Barça und er antwortete mit einer Rede über die Tritte, die ihm Barças Verteidiger verpasst hätten. Zwei Tage später überraschte er alle mit der Ankündigung, er werde »für immer« bei Arsenal bleiben. »Nachdem, was am Mittwoch im Finale passiert ist, kann ich Arsenal nicht im Stich lassen. Ich denke mit dem Herzen und mein Herz sagt mir, bleib.« In dieser spontanen Entscheidung, den Wechsel nach Barcelona zu vergessen, offenbarte sich Henry wie vielleicht nie zuvor, nie danach: Sein verdammtes Pflichtbewusstsein eines Bundespräsidenten, er müsse dem nach der Niederlage daniederliegenden Arsenal beistehen; sein immenser, trotziger Stolz, nicht als Verlierer, nicht zu denen, die ihn getreten hatten, überzulaufen; sein berstender Ehrgeiz, jetzt erst recht mit Arsenal die Champions League zu gewinnen, den einen Pokal, der sich ihm standhaft verwehrt. All das macht ihn aus, macht ihn besonders. Aber all das war nicht genug, Barcelona zu vergessen.

Sportjournalisten verfallen oft in den Irrglauben, jede Geschichte sei rational und eindeutig erklärbar. So wurde gierig nach dramatischen Vorfällen gesucht, um logisch erklären zu können, warum Henry nur ein Jahr nach seinem ewigen Treueschwur von Paris doch von Arsenal zu Barça überlief. Aber es gab kein Drama. Was zwischen Arsenal und Henry passierte, geschieht jedes Jahr in zehntausenden der besten, langjährigen Arbeitsverhältnisse. Etwas nutzt sich ab, etwas verschleißt sich im täglichen Umgang miteinander, in gewissen Momenten häufen sich die Schwierigkeiten, und einer hat keine Lust mehr, um die Rückkehr des Glücks zu kämpfen. Auf einmal erscheint es als die viel simplere Lösung, einfach zu gehen. Henry war im vergangenen Jahr zum ersten Mal ernsthaft verletzt, ein Riss in den Adduktoren zog sich hin, er verpasste die halbe Saison. Er fand sich, zum ersten Mal bei Arsenal, in einer Elf wieder, die im Generationswechsel steckte, die statt um die englische Meisterschaft zu spielen, tastend ihren Weg suchte. Zuhause verstand er sich mit seiner Ehefrau Claire nicht mehr, im Juli würden sie die Scheidung einreichen. Bei Arsenal wurde sein Freund, Vizepräsident David Dein, in den Abschied gedrängt. Thierry Henry stand auf dem Spielfeld, schrie bitter die Mitspieler an und gestikulierte wütend mit den Armen.

Henry wird nie der eine Mann im Ein-Mann-Team sein

Und aus Barcelona schickte Laporta noch immer Blumen. Irgendwann will man nicht mehr kämpfen, sondern einfach wieder geliebt werden.
Es liegt daran, dass ich nie absolut glücklich sein kann. Die Stille verfliegt, die der Satz für einen ewig langen kurzen Augenblick hinterlassen hat im Tiefgeschoß des Camp Nou. Für die Öffentlichkeit kam er als Star nach Barcelona, als der vierte Fantastische. In Wirklichkeit kam er, um wieder auf die Beine zu kommen, um seine Londoner Probleme hinter sich zu lassen. Er redet weiter im Tiefgeschoß, er lacht weiter, wieder zu früh, er sagt, dass es für keinen Fußballer leicht sei, sich an einen neuen Spielstil zu gewöhnen, dass ihm nach der Verletzung noch etwas fehle, dass »ich auch wütend und frustriert bin, weil ich nicht das Nötige beitrage«. Und dann sagt er, der Ton bleibt ungezwungen, selbstbewusst, selbstverständlich: »Vergesst den Thierry Henry von Arsenal. Wir werden ihn nicht mehr sehen.« Im ersten Moment klingt es wie: Ich, Thierry Henry, werde nie mehr so gut sein wie ich einmal war. Tatsächlich meinte er es in dem Sinne, dass er in Barças Spielsystem nie mehr der eine Mann im Ein-Mann-Team sein, dass er in Barças Starsystem nie mehr der Bundespräsident sein wird. Aber ist das im Prinzip nicht dasselbe: Wird etwa er, Thierry Henry, bei Barça nie mehr so strahlen wie bei Arsenal?

Bei Arsenal agierte er zunächst mit Dennis Bergkamp im Sturm. Bergkamp, der aus der Kälte des Raums kam, fand sein natürliches Revier zwischen den Linien, im Niemandsland zwischen Angriff und Mittelfeld. Vor ihm hatte Henry die gesamte Breite des Angriffsdrittels für sich, um zu streunen, um Finten zu schlangen und losziehen, wenn ihn Bergkamp mit seinen ansatzlosen Pässen in den Raum auf die Reise schickte. In den späten Londoner Jahren dann, nach Bergkamps Karriereschluss, spielte Henry meist als einsamer Stürmer. Er lebte von seinem Spielraum. Er konnte von der Mittellinie aufwärts Fahrt aufnehmen, seine Schnelligkeit ausspielen. Die gesamte Mannschaft spielte für ihn. »Er schüchterte uns regelrecht ein«, sagt Arsenals heutiger Stern, Francesc Fàbregas. »Wir glaubten, immer zu ihm, immer so spielen zu müssen, wie er es wollte.«

Barça dagegen spielt mit drei Angreifern und zwei offensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern dahinter, er als nomineller Mittelstürmer kann sich nie zurückfallen lassen; da ist überall schon ein anderer. Jeder – und er als zentraler Stürmer besonders – ist viel mehr auf seine Position festgelegt. Bewegung entsteht weniger durch Sprints in den freien Raum als durch Passkombinationen. Während bei Arsenal die erste Möglichkeit zum Steilpass genutzt wurde, läuft bei Barça der Ball von links nach rechts, von rechts nach links und auf einmal entsteht ein Gewebe, in dem sich der Gegner verfängt, tut sich das Loch, der freie Raum auf. »Wir im Mittelfeld müssen ihn durch schnelleres Abspielen aktivieren«, kritisierte sich Xavi Hernández selbst. Es war nett gemeint. Aber Henry weiß, dass es so nicht sein darf: »Ich muss mich an Barças Stil anpassen und nicht Barça an meinen. Es ist mein Problem.«

Ein neuer Sonntag kommt, der erste nach Glasgow, es kommt ja immer ein neuer Sonntag im Fußball, selbst nach Tagen wie Glasgow. Abends um sieben im Camp Nou, wenn die Herbstdunkelheit überfallartig erscheint und sich das Stadion in einen gigantischen Lichtkegel verwandelt, trägt er die Nummer 14 auf dem Rücken. Es war schon bei Arsenal seine Nummer, aber hier in Barcelona wird es immer die Rückennummer von Johan Cruyff sein. Kein Barça-Spieler vor Henry hat sie je freiwillig gewählt. Die Angst, mit Cruyff, dem Mythos des barcelonismo, verglichen zu werden, die Furcht, als anmaßend zu gelten, waren übermächtig. Die 14 bekamen Spieler aus den Tiefen der Teamhierarchie, Amunike, Gerard, Ezquerro. Sie konnten sich nicht wehren; ihnen blieb keine andere Nummer.

UD Almería heißt der Gegner, ein Aufsteiger. 80?000 sind da, denn der Gegner spielt keine Rolle, sie kommen, um Barça zu sehen. Vergangene Saison hat die Elf alle Titel verjuxt, das Spiel war stumpf und kraftlos geworden. Dies ist die Saison der Wiederkehr. Henry sollte für den Neuaufbruch stehen. Die Fantastischen Vier. »Wer die Fantastischen Vier sehen will, muss ins Kino gehen«, sagt Henry. Hier im Stadion jedenfalls sind die Vier tatsächlich nicht zu sehen. Dass Eto’o, Ronaldinho, Henry, Messi alle gemeinsam spielen, war sowieso nie geplant. Das 4-3-3-System würde unangetastet bleiben. Doch nun kehrt das unwiderstehliche Barça langsam, aber sicher zurück, und es wird – welche Ironie – außer von Leo Messi in erster Linie von Unfantastischen getragen, Spielern wie Andrés Iniesta, Eric Abidal, Yaya Touré. Eto’o ist verletzt, Ronaldinho wie Henry eine melancholische Erinnerung an früher. Am sechsten Spieltag, auswärts bei UD Levante, hing noch ein mit zittriger Hand geschriebenes Bettlaken im Barça-Fanblock: »Henry, heute triffst du!« Und er schoss beim 4:1-Sieg gegen den Tabellenletzten prompt einen Hattrick, seine ersten Tore in der spanischen Primera División. Nun flattert im Camp Nou ein Plakat mit der Aufschrift: »Henry, du versagst öfter als mein Wireless-Anschluss zuhause!« Hat er Angst vor den Pfiffen der Fans? »Ich habe nur Angst vor dem Tod.«

Als Mittelstürmer steht Henry zu oft mit dem Rücken zum Tor


Es gibt keine Fankurve im Camp Nou. Einmal im Jahr schaut Real Madrid zum Klassiker vorbei, dann speit das Stadion Galle, ansonsten begleitet ein konzentriertes, nervöses Schweigen die Partien. Wenn ein Spieler im Camp Nou für ein gewöhnliches Abspiel mit Applaus bedacht wird, muss es ihm schon sehr schlecht gehen – dass die Zuschauer glauben, ihn aufmuntern zu müssen. Aber Henry gibt ihnen noch nicht einmal dazu oft die Gelegenheit, bis er nahe der Halbzeit das 1:0 erzielt. Es ist ein gewöhnlicher, ordinärer Abpraller. Er feiert, als habe ihn das Tor in den Wahnsinn getrieben. Er rennt zur Eckfahne und wirft sich bäuchlings, mit Karacho auf den Boden. Wie er sich damals in London solch ein Tor gewünscht hatte – welche Ironie: Nun heißt es, war doch nur ein Abstauber und Abseits dazu. Besonders irritierend ist, dass er in den Duellen eins gegen eins nicht mehr am Gegner vorbeikommt. Richtig taut er bei dem alltäglichen 2:0-Sieg erst – wie so oft in seiner Anfangszeit bei Barça – gegen Ende des Spiel auf, was als interessantes Detail gelten kann: wenn der Gegner, müde und im Rückstand, die Räume öffnet.

»Er versucht zwar permanent, sich mit kleinen Diagonalsprints freizulaufen, aber er muss bei Barça als Mittelstürmer einfach sehr oft mit dem Rücken zum Tor warten, das ist nicht sein optimaler Fußball«, sagt im Presseraum Albert Ferrer. Er diente als Außenverteidiger Barça jahrelang, später heuerte er beim FC Chelsea an, dort kreuzte sich sein Weg mit Henry. Nun schreibt er als Kolumnist für »Mundo Deportivo« und hat von uns Journalisten zumindest schon einmal die nachlässige Kleidung angenommen: Er trägt eine speckige Lederjacke. »Das war immer eine Hauptrolle, gegen Thierry zu spielen«, sagt er. »Und hinterher konntest du dich wenigstens damit rausreden, er sei einfach unaufhaltsam.« Heute kommt Trainer Frank Rijkaard in den Presseraum und sagt: »Henry muss sich wieder in den Ball verlieben.«

Auf dem Heimweg fliegen die Gedanken: von Diego Maradona über Roberto Baggio zu Andrej Schewtschenko; Maradona, an den wir uns nur im Napoli-Trikot erinnern, Baggio, der so richtig nur im Schwarz-Weiß von Juventus existierte, Schewtschenko, den wir wirklich doch nur im Milan-Dress gesehen haben. Gar nicht so viele Fußballer der absoluten Spitzenklasse haben in mehr als einem Verein triumphiert, Lothar Matthäus, der schon, bei Bayern München und Inter Mailand. Dies ist das Barça Ronaldinhos und Messis. Es wird nie das Barça Henrys werden. »Ich bin überzeugt, dass er uns noch viele bessere Auftritte als bisher zeigen wird«, sagt der alte Spieler und neue Journalist Albert Ferrer, »aber nicht auf dem Niveau, das er bei Arsenal hatte.« Barças Spiel wird nie auf ihn zugeschnitten werden, es wird nie das Beste aus ihm herausholen. Aber er wird sich, früher oder später, damit arrangieren. Er wird, zumindest für Momente, dem Unglauben 100?000 Stimmen verschaffen, wenn das Camp Nou sieht, wie alles tobt und er stehen bleibt und dann mit einer Finte, einem Haken vorbeizieht. Und vielleicht?…

Das Training läuft noch in Barcelona an einem beliebigen Vormittag im Herbst, zehn gegen zehn, ein Spiel. La Masía, der Trainingsplatz des FC Barcelona, ist spürbar kleiner als genormte Fußballrasen, Eckbälle kann man deshalb hier nicht trainieren, aber Eckbälle will diese Mannschaft
auch gar nicht trainieren, die nur tikitaki spielt, wie das in Spanien heißt: tik, berühren und tak, berühren. Da kommt doch einmal ein hoher Ball, Henry steigt hoch – und rammt versehentlich Silvinho sein Knie in den Rücken. Hart getroffen sinkt der kleine brasilianische Außenverteidiger zu Boden. Ronaldinho kommt lachend zu ihm. »Vorsicht mit Titi«, sagt er zu Silvinho, »der kommt aus England.« Henry, der noch wenig Spanisch kann, versteht allenfalls die Hälfte von solchen Scherzen. Was er wahrnimmt, ist das Gefühl der guten Laune, das diese Elf ausstrahlt. Er lacht mit, mit den kugelrunden Augen, mit den blitzenden Zähnen, mit dem ganzen Gesicht.

Und vielleicht?… wird er hier einmal absolut glücklich sein.
 

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