Helden der Unterklasse (78)

»Sammeln Sie Punkte?«

Jörg Böhme wird an der Tankstelle verpflichtet, ein Bezirksligist hat aktuell mehr Spiele als Real Madrid und bei Hertha Walheim setzt man auf geheimnisvolle Motivationsmethoden - sowas gibt es nur bei den »Helden der Unterklasse«.

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»Sammeln Sie Punkte?«
Ein ganz normaler Vormittag an einer Tankstelle in Westfalen. Carsten Lochmüller, sportliche Leiter der Spvg. Steinhagen, ist frustriert. Seine Mannschaft hat seit sieben Spielen nicht mehr gewonnen und steckt tief im Abstiegskampf der Landesliga. Ein neuer Impuls müsste her. In dem Moment grüßt freundlich Ex-Nationalspieler und Freistoßgott Jörg Böhme, der ebenfalls in der Gegend wohnt. »Dich wollte ich ja sowieso mal anrufen…«, sagt Lochmüller und in dem Fall ist es mehr als nur eine nett gemeinte Worthülse. Es ergab sich ein längeres Gespräch und seitdem ist Jörg Böhme der neue Coach des Landesligisten und absolvierte bereits sein erstes Punktspiel. Sein Einstand gelang: mit 2:1 wurde bei RW Mastholde gewonnen. Das zweite Tor fiel natürlich nach einem Standard. Bei seinem nächsten Tankstellenbesuch kann Jörg Böhme selbstbewusst antworten: »Ja, ich sammle Punkte.«

»So viele Spiele hat selbst Real Madrid nicht«
Der gesamte Amateurfußball litt unter dem nicht enden wollenden Winter, immer wieder wurden Spiele abgesagt. Jetzt trifft es manche Vereine richtig hart, denn die aufgeschobenen Spiele müssen natürlich nachgeholt werden. Neno Postic von der SV 09/35 Wermelskirchen trifft es besonders hart: «So viele Spiele hat selbst Real Madrid nicht – trotz der Champions League.« Der Bezirksligist muss im April und Mai 16 Spielen bestreiten. Aus diesem Grund wird eine Weisheit des Amateurfußballs in Wermelskirchen ergänzt. Künftig hört man dort bei jedem Foul nicht nur: »Ey, wir müssen morgen alle wieder arbeiten!«, sondern ebenfalls: »Und spielen auch noch!«

Rudolph watscht ab
Es war einfach sein Tag. Michel Rudolph, Kapitän des FC Wischhafen/Dornbusch, hat sich seine Erwähnung in den »Helden der Unterklasse« gleich aus drei Gründen verdient. Im Spiel gegen den SV Bliedersdorf II zeigte Rudolph zunächst perfektes Fairplay, als er einen zweifelhaften Handelfmeter für seine Mannschaft absichtlich daneben setzte. Dass dies nicht nur eine galante Ausrede für seine fehlende Zielgenauigkeit war, zeigte er kurz vor Schluss, als er binnen acht Minuten viermal netzte und damit den 12:1 Endstand erzielte. Damit aber nicht genug. Rudolph zeigte nach fairem Fehlschuss und Viererpack auch noch reichlich Empathie für die in Unterzahl angetretenen Gegner und watschte die Drückeberger ab: »Jedem einzelnen Spieler von Bliedersdorf, der heute auf dem Platz stand, gebührt großer Respekt. Wenn man von einigen seiner Teamkameraden so im Stich gelassen wird, weil es zu kalt ist oder andere Dinge vorgeschoben werden, können einem die Spieler, die über 90 Minuten wirklich Größe gezeigt haben, einfach nur leidtun. Viele andere wären vermutlich gar nicht erst angetreten. Der Gegner hatte es definitiv nicht verdient, so abgeschossen zu werden.« Gemacht hat er es dann trotzdem.

»Wir winken uns zwei Mal die Woche«
Vor wichtigen Spielen steigt die Anspannung. Treffen bei beiden Mannschaften auch noch Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder aufeinander, kann das schon mal zu schwierigen Situationen führen. Jörg Meinhardt, Trainer des FSV 1950 Thalau und Rodoljob Gajic, Coach des kommenden Gegners SpVgg Hosenfeld, haben ihre Arbeitsplätze nur wenige Meter voneinander entfernt. Ihre Taktik: »Wir winken uns zwei Mal die Woche.« Das ist dann aber auch genug. Wir hoffen dennoch auf ein Unentschieden. Ein gutes Arbeitsklima ist so wichtig.

»Wir haben in der Kabine Kerzen angezündet und einen Schamanen dazugeholt«
Fernab der Taktikanalysen und Abseitsfallen gibt es noch ein weiteres großes Feld der Spielvorbereitung: die Esoterik. Vor dem Auswärtsspiel beim FC Inde Hahn zog Trainer Daniel Formberg, Trainer von Hertha Walheim, alle Register und beschwor höhere Mächte: »Wir haben in der Kabine Kerzen angezündet und einen Schamanen dazugeholt.« Es wirkte: die bösen Geister der Auswärtsfahrt wurden vertrieben und das Spiel mit 2:1 gewonnen. Schönere Traineransprachen gab es nur bei Anstoss 3.