Helden der Unterklasse (5)

Was Du am Wochenende alles verpasst hast

Ein Spieler, der seinen Trainer mit einer Waffe bedroht, ein Remis mit fünf Mann und ein Verein, der seine Mannschaft entlässt. Hier kommt alles, was du am Wochenende in der Fußballwelt verpasst hast. 

Riccardo Müller

Kälber, wir brauchen Kälber

Im Leben wie im Fußball geht es bekanntlich darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Viele Entscheidungen fällen wir unbewusst, manche von leichter Hand. Und dann gibt es Situationen, in denen es fast aussichtslos erscheint, zwischen falsch und richtig zu entscheiden. Wie im folgenden Fall.

Man stelle sich nur einmal vor, man sei französischer Bauer, Torhüter seine Dorfvereins und inmitten eines wichtigen Auswärtsspiels beim Lokalrivalen. Man stelle sich weiterhin vor, es liefe nicht besonders gut. Nach 25 Minuten führt der Gegner mit 5:0, als einen vom heimischen Hof der Anruf ereilt, das lang ersehnte Kalb sei auf dem Weg, das Licht der Welt zu erblicken.

Für den Torhüter des AS Marly-Gomont war der Fall klar. Er zögerte keine Sekunde, ließ sich auswechseln und eilte heim zu seiner trächtigen Mutterkuh. Dumm nur, dass der Klub ohnehin ersatzgeschwächt angetreten war. Ganze 14 Spieler fielen im Vorfeld der Begegnung verletzt aus, zu zwölft trat der Verein die Reise ins benachbarte Turpigny an. Ein Ersatztorhüter war leider nicht darunter. Und so erbarmte sich schließlich der 61 Jahre alte Präsident des AS Marly-Gomont zwischen die Pfosten. Mit überschaubarem Erfolg. Mit 0:10 ging es in die Halbzeit. In der Kabine schlugen jüngere Spieler einen Spielabbruch vor, die Mannschaft entschied sich jedoch im Sinne des Fairplay durchzuhalten. Nach 90 Minuten hieß es 0:20. 

»Wir hätten abbrechen können. Aber was ist besser? Die bittere Pille schlucken, weitermachen und lernen? Oder aufgeben?«, fragte Präsident Alain Braghéri in einer Stellungnahme auf der vereinseigenen Homepage. Es war die richtige Entscheidung. Der Gegner gratulierte ob der sportlich fairen Einstellung, der Verein war zumindest in Frankreich in aller Munde und auch das Kalb des Torhüters startet so halbwegs reinen Gewissens ins Leben. 

Torhüter bedroht Trainer mit Waffe - wird vermöbelt

Düsseldorfer Kreisklasse, A-Jugend. Rhenania Hochdahl gegen den SV Oberbilk - 15:0. Zuviel für die Gemüter der Gäste aus Oberbilk. Als Trainer Göcer Bülent seinen Torhüter vor der Kabine zu Rede stellt, zückt dieser plötzlich eine Waffe. Erst später stellt sich heraus, dass es sich dabei »lediglich« um eine Pfefferspraypistole handelt. Diese Form der Bedrohung lässt der Trainer allerdings nicht auf sich sitzen. Zusammen mit seinem Sohn, so lauten die letzten Erkenntnisse, prügelt er auf den jungen Torhüter ein. Erst durch den Einsatz von Spielereltern der Heimmannschaft, dem SEK (!) und sieben Polizeiwagen kann die Situation unter Kontrolle gebracht werden. 

Die traurige Bilanz des Spiels: Der Torhüter, der am Sonntag 18 Jahre alt wurde, verbrachte seinen Geburtstag im Krankenhaus, Trainer Bülent wurde entlassen und die A-Jugend des Vereins vom Spielbetrieb abgemeldet.

Der ehrgeizige Cousin von Jefferson Farfan

Bryan Orbegozo Chang Kau. Wer glaubt, dass man nur mit griffigen Namen Karriere machen kann, glaubt nicht an den Cousin von Jefferson Farfan. Und tut dem 19-Jährigen womöglich unrecht. Denn der junge Peruaner in Diensten des Oberligisten SV Zweckel 1923 mag fußballerisch nicht so talentiert sein wie Farfan, verfügt aber über eine gesunde Einstellung, die so manchem Profi gut zu Gesicht stehen würden: »Jefferson unterstützt mich wirklich gut und sagt mir immer was ich an meinem Spiel noch verbessern kann. Ich werde wirklich alles geben, um in einigen Jahren auch einmal vom Fußball leben zu können. Aber wenn es nicht klappt, möchte ich trotzdem auf jeden Fall hier bleiben. Und einen ganz normalen Beruf erlernen und damit mein Geld verdienen«, sagte der flinke Stürmer der Zeitung »Reviersport«.

Im Alter von elf Jahren zog es den in Lima geborenen Orbegozo Chang Kau nach Spanien. Dort schaffte er es bis in die U19 eines ambitionieren Drittligisten. Doch seinen Lebensunterhalt konnte er damit nicht bestreiten. Das Angebot seines Cousins, bei ihm Unterschlupf zu finden und sich im deutschen Fußball zu versuchen, kam da wie gerufen. Und auch wenn er sich bescheiden gibt, ist er doch von sich überzeugt: »In der deutschen 2. oder 3. Liga Fuß zu fassen, das traue ich mir mittelfristig zu.«

Momentan scheint aus mittelfristig eher langfristig zu werden. Der SV Zweckel ist Vorletzter der Oberliga Westfalen, Orbegozo Chang Kau kommt nur sporadisch zum Einsatz. Doch der junge Peruaner hat noch einen letzten großen Trumpf. Denn er ist nicht nur der Cousin von Jefferson Farfan und angenehm bodenständig, sondern zudem in Besitz eines der besten Youtube-Bewerbungsvideos aller Zeiten. Das macht den wenig griffigen Namen locker wieder wett.