Heinz Müller über Erfolgsdruck

»Es ist kein einfaches Spiel«

Nicht Wiese, nicht Neuer, nicht Adler – der momentan beste Torwart der Bundesliga heißt Heinz Müller und spielt bei Mainz 05. Im Interview mit 11FREUNDE spricht der Schlussmann über Statistiken, Eitelkeiten und Robert Enke. Heinz Müller über Erfolgsdruck Heinz Müller, herzlichen Glückwunsch!

Danke. Wozu?

In der »kicker«-Rangliste »Topspieler der 1. Bundesliga« findet man Ihren Namen auf Rang drei, als bester Torwart hinter Arjen Robben und Stefan Kießling...

Das ist ganz nett, aber wirklich wichtig sind mir doch die Meinungen meines Trainerstabes und der Kollegen.

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Herr Müller, das ist jetzt aber eine Standartantwort von der Stange! Geben Sie es zu, jeder Torhüter ist eitel.

Ok, das stimmt. Torhüter sind eben Einzelkämpfer und brauchen die Bestätigung. Mir persönlich beweisen solche Ranglisten oder positive Medienkritiken, dass ich meine Arbeit gut mache und das ist was wert. Aber noch mal, auch wenn Sie es nicht glauben wollen, am wichtigsten ist mir die Bestätigung meiner Mannschaft.

Überzeugt. Sind Sie denn selbst überrascht über ihre Entwicklung und die dargebotenen Leistungen? Schließlich waren Sie als Neuzugang (Müller kam vom englischen Zweitligisten Barnsley) die Nummer Zwei hinter Dimo Wache...

(unterbricht)
Wer sagt denn eigentlich, dass ich als Nummer Zwei verpflichtet wurde? Ich glaube kaum, dass Mainz 05 eine ordentliche Ablösesumme für einen Ersatzmann bezahlt hätte! (laut transfermarkt.de 300.000 Euro, d. Red.) Dimo und ich waren von Anfang an gleichwertige Konkurrenten um den Stammplatz, alles andere ist Nonsens.

Zu Beginn Ihrer Karriere lief nicht alles so rund. Die Einsätze in den ersten Profi-Jahren kann man fast an einer Hand abzählen. Ihr Kollege aus Hannoveraner Zeiten, Jörg Sievers, wurde mal mit den Worten zitiert, sie seien »als junger Kerl nicht immer der Professionellste« gewesen. Lag es daran?

Ich bin mit angeblichen Zitaten immer vorsichtig, er hat mir dies nie persönlich gesagt. Ich wüsste auch nicht, worauf dies anspielen soll. Ich habe mir auch als junger Keeper nie etwas zu Schulden kommen lassen, habe sehr hart trainiert, eigentlich sogar intensiver als die damalige Nummer Eins (Jörg Sievers, d. Red.). Ich bin als junger Kerl sicher auch mal erst um ein oder zwei Uhr im Bett gewesen, aber am nächsten Morgen stand ich frisch und konzentriert auf dem Trainingsplatz. Vielleicht hat ein Torwart mit Anfang 30 damit seine Probleme.

Sie gelten als spezieller Typ, auch weil Sie sich für das St. Pauli-Stadionmagazin mal nackt fotografieren ließen und es mit einem ausgefallenen Werbe-Video während Ihrer Zeit beim norwegischen Klub Lillestrom zu einiger Berühmtheit im Internet gebracht haben. Stört Sie das Klischee?

Man behauptet ja, dass Torhüter immer eine Spur Verrücktheit besitzen, ich schließe mich da gerne an. So lange solche Klischees nicht unter die Gürtellinie gehen und sich gut verkaufen lassen, habe ich nichts dagegen. Meine Freunde und Kollegen wissen, welche Persönlichkeit hinter dem Spieler Heinz Müller steckt und das reicht mir vollkommen.

Warum sind Torhüter verrückter, als Feldspieler?

Du brauchst als Torwart eine sehr starke und ausgeprägte Persönlichkeit, um mit der besonderen Belastung und dem Druck umgehen zu können. Jeder Fehler wird bestraft und diese spezielle Situation musst du erstmal meistern können.

Am Samstag empfangen Sie mit Mainz Hannover 96. Nicht nur aus sportlicher Sicht ist dieses Spiel interessant. Wissen Sie noch, wann und wo Sie vom Selbstmord Robert Enkes erfahren haben?

Ich war gerade vom Training nach Hause gekommen, als das Handy nicht mehr still stand. SMS, Anrufe von Kollegen – das war so ein Schockmoment, wo man einfach nicht glauben kann, was gerade passiert ist. Ich kannte Robert ja sogar persönlich aus der U21. Erst als zwei Tage später die ganzen Details seiner Krankheit und seines Selbstmordes bekannt wurden, habe ich realisiert, dass er nicht mehr da ist. Roberts Tod hat aber auch gezeigt, wie sehr Bundesliga-Torhüter an jedem Wochenende unter Druck stehen. Von außen wird vielleicht immer die Meinung vertreten, dass Fußball ein einfaches Spiel ist. Das ist es aber nicht.

Nach Enkes Tod sind gleich Stimmen laut geworden, die eine andere Wahrnehmung von Profisportlern eingefordert haben, um den Druck zu verringern. Spüren Sie etwas davon?

Ich habe in Mainz den Vorteil, bei einem sehr familiären Verein zu arbeiten. Hier sind wir nicht die Nummern 1 oder 25, sondern Heinz Müller oder Andreas Ivanschitz. Unser Manager (Christian Heidel, d. Red.) und Präsident (Harald Strutz, d. Red.) sind jede Woche mindestens zweimal bei uns in der Kabine, wer ein Problem hat, findet immer ein offenes Ohr. Es menschelt hier sehr und das macht uns die Arbeit leichter, als vielleicht anderswo.

Ist das tatsächlich eine Ausnahme?

Blicken wir doch der Realität ins Auge: Fußball ist ein großes Geschäft geworden, es geht jedes Jahr um noch mehr Geld. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich profitiere ja davon. Aber je mehr Geld im Spiel ist, desto höher ist der Leistungsdruck. Und damit muss man umgehen können. Wenn dir der Verein den Rücken frei halten kann, ist das also ein enormer Vorteil.              

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