Hauptsache Italien!

Die Welt ist ein Dorfverein

„Ob Mailand oder Madrid, das ist doch ganz egal, Hauptsache Italien!“ Für diesen Ausspruch wurde Andreas Möller über die Maßen gehänselt – zu Unrecht, wie unser Kolumnist Klaus Hansen beweist. Denn der Fußball hat seine eigene Geographie. Imago „Ob Mailand oder Madrid, das ist doch ganz egal, Hauptsache Italien!“
(Andreas Möller, internationaler Fußballstar)


Als Kind der Westeifel bin ich mit den Red Boys aus Differdingen aufgewachsen. Red Boys Differdingen, das klang nach großer weiter Welt, das war ein anderer Name für Ausland. Der Vater meines besten Schulfreundes spielte da, jenseits der Grenze in Luxemburg, wurde Vizemeister und Pokalsieger, und das als hauptberuflicher Bäcker. Fußball macht auf eigene Weise weltläufig. Ein Großteil meiner Kenntnisse über Gegenden und Orte in aller Welt habe ich in Kinder- und Jugendjahren nicht aus dem Erdkundeunterricht bezogen, sondern aus dem Fußballteil des „Trierischen Volksfreunds“, unserer Tageszeitung. Das hat sich im weiteren Leben fortgesetzt. Ohne Bernd Schuster, um nun jüngere Beispiele aus dem fortgeschrittenen Mannesalter zu nennen, wäre ich nie ins Donezk-Becken vorgestoßen. Die Beherrschung der Aussprache von Dnjepr Dnjeprpetrowsk machte mich fast so stolz wie im Sozialpsychologiestudium die artikulatorische Bewältigung des aus Ungarn stammenden Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi. Unser alter MSV-Verteidiger Didi Schacht nahm mich mit nach Korea, und Ali „the Hammer“ Albertz zeigte mir Shanghai. Ohne Sergio Zarate, der 1990 beim Club in Nürnberg anfing, wäre mir Vélez Sársfield wohl noch lange unbekannt geblieben. Als Rainer Rauffmann mit Omonia Nikosia Meister und Torschützenkönig wurde, entschloss ich mich, Ferien auf Zypern zu machen. Meine beste Eselsbrücke, um mir den Namen der Hauptstadt von Madeira in Erinnerung zu rufen, ist Cristiano Ronaldo, der in Funchal mit dem Fußballspielen angefangen hat. Mein Hebräisch verdanke ich allein der fußerzeugten Kunst: „Hakoah“ heißt „Kraft“, und „Maccabi“ und „Hapoel“ kenne ich auch. - Ich bin ein Fußball-Kosmopolit.

[ad]

Neulich sah ich einen Globus für Literaten. Die Arktis hieß „Pol des schlechten Geschmacks“. Die Weltmeere nannten sich „Lyrischer Ozean“, „Prosaischer Ozean“ usw. Die Südspitze Lateinamerikas hieß „Neruda-Dreieck“. Eine eigene Welt. Genau das, eine eigene Welt, verrät auch Andreas Möller, wenn er sagt: „Ob Mailand oder Madrid, das ist doch ganz egal, Hauptsache Italien!“ Als sich wieder einmal Wechselgerüchte um Andy Möller rankten, waren Real Madrid und AC Mailand als interessierte Vereine im Gespräch. Daraufhin lokalisierte Möller sein Traumziel in scheinbar geografischer Unbekümmertheit.

Der Rhetoriker Möller war bis dahin vor allem durch seine Neigung zur Tautologie aufgefallen: „Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl“ / „Ich bin sehr selbstkritisch, auch mir selbst gegenüber“ / „Elfmeter zu schießen, das kann man nicht trainieren, sondern nur üben.“ Aber zurück zu Möllers Welt! Im Zeitalter der Globalisierung ist es nun einmal so, dass du heute in Cottbus, morgen in Taschkent und übermorgen in Pjöngjang spielst. Fußball ist ein Sport, der auf der ganzen Welt verstanden wird. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Kontinenten, Sprach- und Ländergrenzen sind im Fußball unerheblich. Nicht das Englische ist die Lingua franca der modernen Welt, sondern der Fußball.

Wenn ein Fußballer „Island“ sagt, dann meint er auch Malta

Die Bedingungen jedoch, unter denen Fußball gespielt wird, sind nicht überall gleich auf der Welt. Für Fußballer besteht der Globus aus nur zwei Kontinenten, aus „Italien“ und aus „Island“. Leider ist das außerhalb der Fußballzunft, wo man besserwisserisch von fünf Kontinenten ausgeht, noch wenig bekannt. Darum tut Aufklärung not. Der Name „Island“ steht für kleinen Fußball, für geringen Zuschauerzuspruch und das frühe Ausscheiden aus internationalen Wettbewerben. Wenn ein Fußballer „Island“ sagt, dann meint er auch Malta und Zypern, Luxemburg und Albanien damit, um nur einige zu nennen. Hat sich ein Bundesliga-Fußballer entschlossen nach „Island“ zu gehen, dann heißt das, er ist in die Jahre gekommen und möchte seine Karriere gemütlich und doch gut dotiert ausklingen lassen, denn für „die da unten“ (oder „da oben“, je nachdem) ist er als Bundesligaprofi noch immer eine große Nummer, die sein Geld wert ist. Es kann durchaus sein, dass er dann in La Valletta landet oder in Tirana, Hauptsache „Island“!

Wenn nun Andy Möller von „Italien“ spricht, so benutzt er ebenfalls einen unter Fußballern klaren und unzweideutigen Sammelbegriff. „Italien“ steht für viel Sonne und blaues Meer, für Spitzenfußball, erstklassiges Gehalt, zweifelhafte Nebengeschäfte und die Vergötterung durch die leicht erregbaren Massen. Also für alles, was es auch in Spanien gibt. Darum lohnt es keinen Unterschied zwischen Mailand und Madrid zu machen. Und nur ein notorischer Besserwisser, der schon in der Erdkundestunde seinen Mitschülern unangenehm aufgefallen ist, besteht jetzt noch darauf, dass der doofe Möller einen Fehler gemacht habe. Wer so denkt, dem muss ich leider zurufen: Der Dumme, das bist du, Arschloch!