Hat Sandro Wagner die Benimmregeln des Fußballs nicht verstanden?

Post von Wagner

Sandro Wagner sorgt mit einer Jubelarie bei Hertha-Fans und Medien für Entrüstung. Aber warum? Die Bundesliga braucht viel mehr Typen, die ab und zu die Beherrschung verlieren.

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Seit wann sind Provokationen auf dem Fußballplatz eigentlich verpönt? Wer hat das verfügt? In der Jugend gehörte es zum guten Ton, dass einem der Gegenspieler unmittelbar nach dem Sportgruß im trauten Zwiegespräch erst einmal mitteilte: »Halt dich von unserem Sechszehner fern, sonst wachst Du später im Krankenhaus auf!«

Wenn der Schiri nicht in der Nähe war, gab es einen Tritt auf den großen Onkel. Krakeelten auf Gegners Platz zwei Dutzend Zuschauer bierselig ihre Abneigung auf den Rasen, lief man nach dem Abstaubertor grimassierend und mit geballten Fäusten die Reihen ab und bölkte: »Der war für Euch, gaaanz allein für Euch.«

Auf Dorfsportplätzen sind archaische Verhaltensformen seit jeher feste Bestandteile des Rituals. Neunzig Minuten sind zwei benachbarte Gemeinden furchtbar böse aufeinander. Ein Bauerntheater nach festgelegten Regeln. Der Siegtorschütze ist je nach Sichtweise ein »Held«, ein »Rotzbengel« oder schlicht ein »Arschloch«.

Echauffiert sich der Betreuer zu sehr über das Zweikampfverhalten eines Spielers, wird er kurzerhand abgekanzelt: »Willy, halt endlich die Schnauze.« Und nach dem Match treffen sich dann alle gemeinsam in der Vereinsgaststätte und trinken Bier.

Effe, Diego und Zidane

Auch in den großen Arenen gehörte die Drohgebärde stets dazu. Andreas Möllers vorgestreckte Hühnerbrust nach dem entscheidenden Elfmeter gegen England im EM-Halbfinale 1996. Stefan Effenberg, der nach zwei Minuten im San Bernabeu Roberto Carlos über die Bande grätschte und, statt sich zu entschuldigen, wie ein Gockel nach getaner Arbeit im Hühnerstall von dannen stolzierte. Maradona, der nach einem Tor bei der WM 1994 die TV-Kamera auffraß. Zidane und Materrazzi.

Wie arm an Erinnerungen wäre die Fußballwelt ohne Provokationen. Ohne die großen Gefühle von Sieg und Niederlage, Triumph und Versagen, Heldenhaftigkeit und Furcht. Ohne den situativen Hass, der nicht zuletzt auch von den Rängen auf den Rasen schwappt. Für Typen wie Oliver Kahn war die Antipathie der Zuschauer ein Katalysator. Erst die wüsten Beschimpfungen, die fliegenden Bananen, die Affengeräusche pushten ihn zu Höchstleistungen. Das Publikum hat sich an ihm abgearbeitet, sein Verhalten war lange Zeit ein großes Thema an den Stammtischen. Wenn heute angemerkt wird, dass es keine »Typen« mehr im Fußball gäbe, haben viele als Blaupause einen wie Kahn im Hinterkopf.

So gesehen überrascht es, wie übel die Jubelarie von Sandro Wagner am vergangenen Samstag nach seinem Siegtreffer gegen Hertha BSC vielen aufgestoßen ist. Wagner hatte in der 83. Minute den Ball zum 1:2 für den SV Darmstadt 98 in die Maschen gestochert und war anschließend wie ein Berserker vor die Ostkurve des Berliner Olympiastadions gestürmt, hatte sich auf die Brust geklopft und den Anhängern seines früheren Vereins ziemlich ausgelassen – manche werden sagen aufreizend – an seiner Freude teilhaben lassen. Was etliche in der Kurve postwendend mit einem Bierbecherhagel Richtung Wagner quittierten.

Darüber hinaus sah der Profi für seinen Veitstanz vor dem Hertha-Fanblock die Gelbe Karte, was sich nur wenige Minuten später als der Prolog für einen Platzverweis entpuppen sollte.

Einige Hertha-Anhänger erklärten ihn für die Aktion nach dem Spiel im Internet postwendend zur Unperson. Völlig okay, wenn man bedenkt, dass Wagners Treffer dafür sorgte, dass die Berliner nun endgültig ihren Traum von der Champions-League-Qualifikation begraben müssen. Warum aber auch Medien ein geballtes Entrüstungsinstrumentarium in Anschlag brachten und in Richtung des Darmstädter Mittelstürmers abfeuerten, bleibt unklar.

Da wurde Wagner als »übergeschnappt« und »dumm« beschrieben, als Wüstling, der offenbar die Benimmregeln des schönen Spiels nicht verinnerlicht hat. Offenbar kam einigen Kollegen da kurzzeitig die journalistische Objektivität abhanden. Denn Sandro Wagner entschuldigte sich noch in der Mixed Zone sichtbar beschämt von seinem Verhalten vor den Sky-Kameras für den selbstbewussten Auftritt.

Darüber hinaus muss man sich fragen: Wieso tun wir uns so schwer, das Empfinden eines Mannes in dieser speziellen Gemengelage nachzuvollziehen? Nur zur Erklärung: Da schießt einer in der Schlussphase eines allenfalls mittelmäßigen Bundesligaspiels am 33. Spieltag seinen Klub zum Klassenerhalt, der von seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten eigentlich gar nicht in der Bundesliga spielen dürfte.

Wagner hatte vorher drei Jahre lang bei Hertha BSC weitergehend unter seinen Möglichkeiten gespielt, am Ende sogar mehrfach bei der Amateurmannschaft, aber vermutlich zu deutlich besseren Bezügen als in Darmstadt. Mit dem Nichtabstieg endet seine Mission in Hessen, er wird voraussichtlich in der nächsten Saison in der Premier League spielen.