Hansa Rostock plant den Angriff von unten

Das Pokalspiel gegen Hertha ist ein Glücksfall

Kleines Pulverfass ist noch eine nette Umschreibung für das, was der Verein in den vergangenen Jahren erlebt hat. Unabhängig vom sportlichen Niedergang erlangte Hansa immer wieder zweifelhafte Berühmtheit, weil sich Teile des Anhangs einfach nicht zu benehmen wussten, insbesondere auf Auswärtstouren.

2006 zerlegten 450 gewaltbereite Fans den Stendaler Bahnhof. Vor drei Jahren lauerten Rostocker Hooligans am Schweriner Hauptbahnhof durchreisenden Hertha-Fans auf, und erst in dieser Woche verurteilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Verein erneut: Wegen unsportlichen Verhaltens in elf Fällen verfügte das DFB-Sportgericht einen Komplett-Ausschluss der Fans für vier Auswärtsspiele, darunter die hochbrisanten Begegnungen beim 1. FC Magdeburg und in Jena. Auch das Pokalduell mit Hertha BSC am Montagabend wird selbstverständlich unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.

Der Vorsprung ist längst aufgebraucht

Gerade weil das Spiel endlich mal wieder eine gute Plattform für den Verein bietet, hoffen sie in Rostock, dass alles ruhig bleibt. »Neben Bayern und Dortmund, die man sich als unterklassiger Verein immer wünscht, ist Hertha das beste Los, das wir kriegen konnten. Ich will nicht von einem Derby sprechen, aber Berührungspunkte gab es in der Vergangenheit ja immer wieder«, sagt Schneider. Etwa 1995, als Hansa – wie sollte es anders sein – wegen randalierender Fans für zwei Spiele ins Hertha-Wohnzimmer, ins Berliner Olympiastadion umziehen musste und jeweils knapp 60.000 Zuschauer kamen. Oder durch Spieler, die zwischen den Klubs hin- und herwechselten, Marko Rehmer etwa oder Stefan Beinlich. Letztmalig standen sich die beiden Klubs in der Bundesliga 2008 gegenüber, gute alte Zeit. Im neuerlichen Aufeinandertreffen ist Hansa, der Drittligist, klarer Außenseiter gegen den Europapokalteilnehmer aus Berlin. Andererseits haben sie sich in Rostock schon an diese Rolle gewöhnt.

Der Vorsprung auf die großen DDR-Traditionsklubs, den sich Hansa in zehn Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit zwischen 1995 bis 2005 erarbeitet hatte, ist längst aufgebraucht, schlimmer noch: viele Klubs haben die Rostocker sportlich und wirtschaftlich abgehängt. Volles Stadion, TV-Spiele, Top-Atmosphäre, geschichtsträchtige Duelle – das gibt es beim 1. FC Union in Berlin-Köpenick und Dresden regelmäßig. Selbst unter den anderen einstigen DDR-Oberligisten, mit denen Hansa heute in Liga drei konkurriert, waren die Rostocker in der abgelaufenen Saison die schlechteste Mannschaft.

Denkt hier jemand langfristig?

»Wenn ich das sehe, tut es mir in der Seele weh«, sagt Sebastian Rohde, 37, Hansa-Fan seit Kindheitstagen. Sein Großvater, erzählt er, habe beim Bau des Ostsee-Stadions noch selbst Hand angelegt, irgendwann Ende der 80er ging er dann zum ersten Mal mit seinem Vater zu einem Hansa-Spiel. »Ich glaube gegen Eisenhüttenstadt.« Als Jugendlicher richtet Rohde seinen Terminkalender am Spielplan des Vereins aus, ist auch auswärts immer dabei.

Heute geht er weiterhin zu jedem Heimspiel und zu ausgewählten Auswärtsspielen, Magdeburg etwa stand auf dem Plan, aber das ist ja nun hinfällig. Rohde sagt: »Ich würde auch in der sechsten Liga noch zu Hansa gehen. Aber ich erwarte auch, dass wir irgendwann wieder Zweite Liga spielen.« Für eine Stadt wie Rostock sei das nicht unrealistisch, findet Rohde. »Aber dafür muss man langfristig denken und darf nicht so planen, wie das hier über Jahre passiert ist.«