Hans-Joachim Watzke im Interview Teil 3

"Von Bewährung halte ich nichts"

Im dritten und letzten Teil unseres Gesprächs mit Hans-Joachim Watzke sprachen wir mit dem Geschäftsführer über Michael Zorc und die Kritik an dessen Arbeit, die Kartenproblematik und den zukünftigen Fanbetreuer.
Neben Ihnen zielte auch auf Michael Zorc sehr viel Kritik ab. Da gab es massive Schelte und die Forderung, ihn ablösen zu lassen. Wie ist das jetzt aktuell: Läuft Michael Zorc die kommende Saison auf Bewährung?

Hans-Joachim Watzke: Davon halte ich überhaupt nichts, von so einer „Bewährung“.

Sein Vertrag läuft ja aus.

Ja, aber das ist ja geklärt. Es laufen beide Verträge aus, der von Thomas Doll und der von Michael Zorc. Beide haben aber auch den Wunsch geäußert, dass wir uns im Winter zusammensetzen. Da hast Du dann auch die Möglichkeit, speziell die Zusammenarbeit Doll-Zorc ein bisschen zu reflektieren, und dafür werden wir uns dann zusammensetzen. Ich halte es grundsätzlich so, dass ich mich erst einmal vor jeden Mitarbeiter stelle, das ist ohnehin klar. Und ich habe nie verstanden, dass die gleichen Leute – oder ein Teil von ihnen –, die sich jetzt dermaßen schützend vor Lars Ricken stellen, dies nicht auch bei Michael Zorc getan haben. Dann der hat die gleichen - genau die gleichen – Attribute, die auch Lars Ricken hat. Er ist auch ein Ur-Dortmunder, hat nirgendwo jemals für einen anderen Club gespielt, aber auf ihn ist eine Kritik niedergeprasselt, die seiner Vita und seinem Profil in keinsterweise gerecht geworden ist. Und da habe ich dann natürlich auch mich in der Verantwortung gesehen, ihn massiv zu schützen. Ich habe ihm aber auch, was ich immer schon gemacht habe, den ein oder anderen Hinweis gegeben, denn es entsprach ja nicht der Tatsache, dass ich nicht Michael Zorc oft genug ermuntert hätte, auch in die Öffentlichkeit zu treten mit seinen Ideen und seinem Wirken. Aber er ist da eben auch ein anderer Typ, das war er schon als Spieler, und das hat er dann als Sportdirektor so weitergemacht. Er hat jetzt im Laufe dieses Prozesses das dann auch endlich sehr gut verinnerlicht, dass er sich auch verbal äußern und von der Öffentlichkeit her wahrgenommen werden muss. Aber Michael Zorc wird nie ein Populist. Und das ist eigentlich nach meiner Beurteilung für diese Position auch gut so. Aber er muss sich dann der Öffentlichkeit mehr stellen und das tut er mittlerweile auch.

Wie haben Sie diesbezüglich die Rolle des kolportierten „Schattenkabinetts“ wahrgenommen? Es hieß ja, dass es Bestrebungen gäbe, Michael Zorc durch Michael Rummenigge zu ersetzen.

Es ist natürlich klar, dass Du in so einer Position, in der ich jetzt bin, permanent Leute hast, die Dir versuchen, irgendwelche anderen zu empfehlen. Das gehört einfach zum Tagesgeschäft dazu, das ist völlig klar. Das ist ja dann auch in der Regel nicht direkt passiert, sondern indirekt, aber ich glaube, dass das auch nicht so manifest und durchdacht war. Grundsätzlich ist es einfach so, dass die Leute da möglicherweise auch unterschätzt haben, dass ich da doch auch ein gewisses Standvermögen habe. Auf der anderen Seite ist es auch so: Michael Rummenigge ist ein guter Typ, und ich habe mit ihm ein exzellentes Verhältnis, da hat ja das eine mit dem anderen nichts zu tun. Nur entscheidend ist, dass ich der Meinung war und bin, dass der Michael Zorc das ordentlich gemacht hat, aber das ist keine Disqualifikation für irgendjemand anders.
"Wenn Du in einer schwierigen Phase steckst gibt es keine Einflüsterei"

Hatte diese Situation damals nicht schon eine andere Qualität als andere in der Vergangenheit? War da nicht schon mehr dran?

Weiß ich nicht. Das kann ich nicht sagen. Es ist natürlich grundsätzlich so: Wenn Du in einer schwierigen Phase steckst, wie beispielsweise vor zweieinhalb Jahren, gibt es keine Einflüsterei. Da wollte keiner was mit der ganzen Geschichte zu tun haben. Als Zeichen der zunehmenden wirtschaftlichen Gesundung, die man ja jetzt auch am abgelehnten Transfer von Dede ermessen konnte, ist es natürlich auch klar, dass Borussia Dortmund wieder attraktiver geworden ist. Und da kommen automatisch auch Begehrlichkeiten. Das weiß man, und das muss man einschätzen können. Und dass der ein oder andere, der vielleicht vor zweieinhalb Jahren - wenn man nach seiner Mitarbeit gefragt hätte - schnell in die andere Richtung gelaufen wäre, nun versucht, sich in irgendeiner Weise wieder anzudienen, das ist auch klar. Aber ich halte immer etwas von schlanken Strukturen und nichts davon, wenn zu viele „rumquatschen“. Die Stärke von Borussia Dortmund hat sich in der Krise Ende März auch darin bewiesen, dass die handelnden Personen die uneingeschränkte Unterstützung der Gremien hatten – in kompletter Art und Weise und beispielhaft. Von Reinhard Rauball, aber auch von anderen. Wenn ich erlebe, wie das in anderen Clubs der Fall ist: Da hat dann jedes zweite Aufsichtsratsmitglied gemüßigt gefühlt, Interviews zu geben. Das ist immer ganz gefährlich, weil: Dann bist Du nicht mehr handlungsfähig und kannst das auch nicht mehr steuern über die Kommunikationsschiene. All das ist bei Borussia Dortmund beispielhaft. Intern wird bei uns sehr häufig und auch kontrovers diskutiert, aber das dringt dann nie nach außen bei uns. Und das ist auch gut so.

Mitten in der Harmonie und Euphorie zum Saisonstart gab es auf einmal Kritik an den hohen Dauerkartenzahlen. Die sind gerade nach der abgelaufenen Spielzeit zwar etwas sehr eindrucksvolles, aber haben auch zur Folge, dass die gesamte Südtribüne jetzt ausverkauft ist und es für Nicht-Dauerkarteninhaber nicht mehr möglich ist, an Süd-Karten zu kommen. Wie sehen Sie das? War das richtig?

Das haben wir im Vorfeld auch diskutiert. Aber genauso kannst Du ja auch Kritik daran üben, dass diejenigen, die das ganze Jahr dabei sein wollen, dann keine Karte mehr kriegen wegen denjenigen, die sich vielleicht nur die Rosinen rauspicken und die Karten vielleicht sogar bei Ebay reinstellen. Das ist ja das genaue Gegenteil. Es gibt für beide Seiten Argumente, das ist gar keine Frage, aber wir haben uns so entschieden, dass wir demjenigen, der sagt, „Ich will das ganze Jahr Borussia Dortmund auf der Südtribüne sehen.“, die Priorität zumessen. Ich kann auch denjenigen verstehen, der sagt, „Ich komme aus 400 Kilometern Entfernung und kann nur zwei- oder dreimal im Jahr kommen“, aber da halte ich dann auch gegen: Es wird nie das Paradies auf Erden geben. Dann muss man eben, wenn man nur zweimal oder dreimal im Jahr kommen kann, auch mal bereit sein, auf einen anderen Platz umzusteigen.

Es wurde dazu dann ja auch noch eine Sitzplatzregelung für verbilligte Jugendkarten geschaffen. Betrifft die jedes Spiel? Oder nur solche, bei denen sich die entsprechenden Karten ohnehin nicht verkaufen?

Diese 500 Karten betreffen jedes Spiel.

Mal ein bisschen etwas anderes, wenn es auch dieselbe Richtung geht: Wäre es nicht zu überlegen, die Kartenpreise insgesamt in den Ecken zu senken? Wenn man mal da oben gesessen hat und die Sicht mit Karten derselben Kategorie auf den Unterrängen vergleicht, ist da schon ein deutlicher Unterschied. Oder kurz: Die Karten in der Ecke sind überteuert.

Gut, wir müssen vielleicht insgesamt mal diese Preise überprüfen. Aber insgesamt sind wir im Bundesliga-Schnitt vielfach günstiger als die Konkurrenz, das muss man auch mal sehen. Wir werden das irgendwann mal genauer überprüfen, jedenfalls ist aber der Markt in den Ecken durchaus da, gerade bei denen, die der Südtribüne am nächsten liegen. Und die schwierigste Ecke ist sicherlich die Nordost-Ecke, die auch oft mit Gästen gefüllt ist und die viele dann auch meiden. Es gibt insgesamt natürlich immer Verbesserungspotential, aber allen gerecht wirst Du so oder so nicht. Das ist auch klar.

"Du kannst dann nicht mehr nur Fan sein"

Es soll in naher Zukunft ein Fanbeauftragter installiert werden. Wie kam überhaupt die Idee zustande, dass dieses Jahr endlich zu machen?

Das ist nicht nur eine Idee. Erstens schreibt die DFL das ja mehr oder weniger vor und macht da auch deutliche Hinweise, dass dieser Fanbeauftragte dann auch dafür da ist, dass er vor Ort bei Spielen tätig ist. Das ist ein anderes Anforderungsprofil, als das beispielsweise die Frau Stüker (aus der Fanclub-Betreuung des BVB, Anm. d. Red) hat, die ja nun auch noch ein paar andere Aufgaben hier im Hause hat und die ja nun auch nicht diese brachiale Durchsetzungsfähigkeit aufweist, die Du da vielleicht mal haben musst. Oder die anderen Fanclub-Beauftragten, die ehemaligen Spieler (Aki Schmidt und Siggi Held, d. Red.), die das auch nicht können. Die haben andere Aufgaben. Und deshalb ist da einfach eine Vakanz. Und weil wir auch in der letzten Saison gesehen haben, dass wir einen Hauptsponsor haben, der – ganz anders als früher – solche Dinge auch enorm fördert, ist da einfach organisatorisch viel Bedarf. Vor allem wenn solche großen Gruppen reisen, wie zuletzt nach Berlin oder Wolfsburg, ist es wichtig, dass vor Ort ein Ansprechpartner da ist. Und es ist ja so, dass wir in der schwierigsten Zeit hier jede Position überprüft und rigoros zusammengestrichen haben - alles, was für den Kreislauf nicht lebenswichtig war, ist eliminiert worden. Da sagen wir dann jetzt: Wir müssen auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die wir jetzt wieder haben, ein Stück weit dahingehend nutzen, dass wir uns auf diesem Gebiet nach vorne bewegen.

Wie sieht das konkrete Anforderungsprofil für so einen Mann oder so eine Frau aus?

Die Person muss mitbringen, dass sie das Wochenende dem Fußball „opfert“ – in Anführungszeichen, für mich ist das noch nie ein Opfer gewesen. Sie sollte ein gewisses Maß an Durchsetzungs- und Organisationsstärke haben, idealerweise in Fankreisen schon ein bisschen etabliert sein und auch eine klare Strukturierung haben in der Form, dass sich derjenige auch als Angestellter von Borussia Dortmund empfindet. Da braucht es dann auch ein gewisses „staatstragendes“ Denken. Das muss auch klar sein: Du kannst dann nicht mehr nur Fan sein. Du musst der Mittler zwischen beidem sein, musst Dich aber auch klar dazu bekennen, dass Profifußball auch ein Stück weit mit Kommerz und Organisation zu tun hat.

Neulich war bei Borussia Dortmund auch etwas von einer „Super Formula“ zu lesen. Einer Rennserie mit Formel-Rennfahrzeugen, bei der auch ein BVB-Auto mitfahren soll. Wie muss man sich das vorstellen? Stellt Borussia Dortmund da zukünftig ein komplettes Team? Oder geben Sie nur den Namen dazu her?

Nein, wir geben nur den Namen her, und die unterrichten uns dann immer, wie das läuft. Wir kriegen da einen deutlichen ökonomischen Wert für, und das ist alles. AC Milan macht da mit oder FC Porto auch, ehemalige Champions-League-Sieger. Wenn das in irgendeiner Weise etwas demonstriert, dann den Bekanntheitsgrad, den wir immer noch in Europa haben. Und ich hoffe mal, dass wir nicht immer Letzter sein werden.

In zwei Jahren steht bei Borussia Dortmund ein großes Jubiläum an. Gibt es da schon Überlegungen, was das Trikot angeht, in dem zu dieser Zeit gespielt werden wird?

Nein, aber wir werden sicherlich die Fans auch daran beteiligen. Das hat aber allein schon damit zu tun, dass im Sommer 2009 unser Nike-Vertrag ausläuft. Mal gucken, was da dann passiert. Wir werden uns natürlich insgesamt jetzt verstärkt mit dem Jubiläum beschäftigen.

Bei schwatzgelb.de haben wir zuletzt einen Trikot-Malwettbewerb gestartet zu diesem Zweck, bei dem wir einige gute Entwürfe bekommen haben und die besten auch bald zur Wahl stellen werden.

Das werde ich gut beobachten. Reinhard Rauball und ich, als jeweils die Spitzen des e.V. und der KGaA, werden jetzt in Kürze ein Festkomitee berufen und das wird auch im Herbst zum ersten Mal tagen, dass wir dann dieses Jubiläum auch mit der entsprechenden Wichtigkeit feiern.

Wie ist denn für 2009 die Tendenz? Bleibt es bei Nike?

Das ist völlig offen. Wir sind da nächstes Jahr in Gesprächen und Nike hat sicherlich das Erstzugriffsrecht, das ist klar, weil sie uns auch in den letzten Jahren immer zur Seite gestanden haben, aber alles Weitere müssen wir dann entscheiden.


Ein Mann im Stress: Das Interview ist kaum beendet, schon hastet Hans-Joachim Watzke zum nächsten Termin. Während wir noch die Treppen der Geschäftsstelle hinabsteigen, ist der Geschätsführer schon wieder außer Haus. Wir blicken aus dem Fenster und sehen, wie der dunkle Wagen in Richtung Ausfahrt steuert. Ob der eingeschlagene Weg der richtige ist? Am Ende der Saison wissen wir mehr.