Hannover 96 zu harmlos

Ohne Killerinstinkt im B-Derby

Gegen die Autoschlosser vom Mittellandkanal reichte es für Hannover 96 nicht zum Punktgewinn. 96-Experte Florian Pfitzner zeigt sich abermals enttäuscht von Benjamin Lauth, der ohne Durchschlgaskraft nicht zu überzeugen weiß. Hannover 96 zu harmlosImago Nach einer verkorksten ersten Rückrunden-Hälfte lebte vergangene Woche in Hannover immerhin noch die bescheidene Hoffnung auf die inoffizielle Niedersachsenmeisterschaft. Ein Auswärtsspiel später beim VfL Wolfburg können die »Roten« auch diesen Vorsatz zu den Akten legen. Dabei zeigte die Elf von Dieter Hecking in der ersten Halbzeit durchaus eine gute Partie. Doch bedauerlicherweise kann die Mannschaft ihr größtes Manko, das geschlossene Abwehrverhalten, nicht bereinigen.

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Gegen die Autoschlosser vom Mittellandkanal

Letztes Wochenende wurde es medial noch einmal allerorts bekräftigt: Das Aufeinandertreffen von Hannover 96 und den Autoschlossern vom Mittellandkanal ist allenfalls ein umkämpfter Nachbarschaftsstreit. Auf das Etikett »Niedersachsen-Derby« kann rund um die Landeshauptstadt ausschließlich das Duell mit Eintracht Braunschweig Anspruch erheben. Für ein ähnliches Spektakel mangelt es in der Autostadt schlichtweg an Tradition. Obendrein war die Wolfsburger Arena noch nicht einmal ausverkauft. Da erinnert sich der Beobachter prompt an den alten Uerdingen-Spruch: Es gibt Vereine, die haben weniger Anhänger als ein Güterzug.

Als färbte der etwas negative Retorten-Nimbus auf die Mannschaft ab, zeigten die »Wölfe« in den ersten 45 Minuten arg wenig von dem, was sie zuletzt stark gemacht hat. Lediglich Ashkan Dejagah wirbelte ab und an im Sturmzentrum. Gegen die einmal mehr indisponierte 96-Abwehr reichte das am Samstag: 1:0 nach beherzter Direktannahme. Fortan setzten die »Roten« aggressiver nach, um nicht auch im fünften Spiel in Folge sieglos zu bleiben. Schließlich nutzte Arnold Bruggink nach Madlungs verletzungsbedingter Auswechselung die vorübergehende Lufthoheit im VfL-Strafraum und köpfte den verdienten Ausgleich. Nur einige Sekunden später profitierte Marcelinho von einem Doppelfehler Ismaёls und Cherundolos – letzterer hätte sich bei regennassem Rasen besser gleich die langen Stollen untergeschraubt – und drosch das gelbe Leder eiskalt am chancenlosen Enke vorbei in die Maschen. Nach dem Spiel kommentierte Trainer Hecking korrekt: »Wolfsburgs Effizienz hätte ich mir heute für uns gewünscht.«

Odonkors Wild-Card für Dejagah

So aber kamen Magaths Männer zur zweiten Hälfte selbstbewusster aus der Kabine. Es schien, als hätte Hannover sein Pulver bereits verschossen. Zwanzig Minuten vor Schluss war es wieder Dejagah, der Keeper Enke bezwang. Der Deutsch-Iraner spielte nur, weil seine Sturmkollegen Grafite und Ljuboja gesperrt beziehungsweise verletzt fehlten. Nun hat Doppelpack-Dejagah zweifelsfrei bessere Argumente. Schon in der Hinrunde lieferte der ehemalige Herthaner, trotz Boulevard-Scharmützel, ordentliche Partien ab. Geht der Trend weiter nach oben, könnte er im Juni Odonkors Wild-Card vom letzten Nationenturnier übernehmen.

Von derartigen Ambitionen ist Benjamin Lauth noch weiter entfernt als von einem Werbespot für Nuss-Nougat-Creme. Was ist nur mit dem einstigen Sturm-Hoffnungsträger los? Lief es vor Jahren im Trikot der »Löwen« für »Benni-Bomber« noch wie geschnitten Brot, steckt er inzwischen seit mehreren Spielzeiten in einer der hartnäckigsten Formkrisen der Bundesligageschichte. Während die ersten von Verletzungen unterbrochenen Auftritte für den Hamburger SV noch Hoffnungen nährten, dass der vorher sogar von Bayern Umworbene die Kurve kriegt, zeichnet ihn nicht erst seit dieser Saison ein Phlegma aus, das an Konstanz nicht zu überbieten ist. Kommt Lauth zu einem seiner Joker-Einsätze, macht regelmäßig kollektives Stöhnen die Runde: »Ach, was will er denn mit dem?« Genau diese Unkenrufe gilt es endlich zu widerlegen!

Der Glaube an Lauth schwindet

Die Nummer 21 der »Roten«, im Sommer als Deutscher Meister in Teilzeit an die Leine gewechselt, hatte gegen Wolfsburg über eine halbe Stunde Zeit, in einem x-ten Versuch Trainer und Fans von seinem Können zu überzeugen. Bitter genug, dass sein Name noch nicht einmal Erwähnung findet, wenn Mike Hanke als etatmäßig erster Mittelstürmer gesperrt ausfällt. Gegen Wolfsburg folgten nach der Einwechselung gefühlte zwei Ballkontakte und ein, wenn auch guter, Schuss auf Benaglios Kasten. Das ist einfach zu wenig für jemanden, bei dem zumindest der unbedingte Wille erkennbar sein sollte, noch etwas im Spiel zu bewegen. Hannover galt dank Spielern wie Bobic und Brdaric lange Zeit als Auffangbecken für abgestempelte Stürmer mit Ladehemmungen, die fortan noch einmal an gewohnte Stärken anknüpfen konnten. Auch bei Benni Lauth war die Zuversicht groß, dass der zweifelsfrei hoch veranlagte Angreifer in einem vergleichsweise ruhigen Umfeld auf sein altes Leistungsniveau zurückklettert. So langsam allerdings schwindet der Glaube.

In der Situation zum Anschlusstreffer gegen den VfL offenbarte Jiri Stajner eben die Qualität, die seinem Kollegen seit langem abgeht: Einsatz, Durchsetzungsvermögen und der Instinkt für den zweiten Ball. Leider kam das 2:3 des Tschechen, der letzte Woche seinen Vertrag um ein Jahr plus Option verlängerte, zu spät. Wobei übrigens ein Vorteil der Stagnation im Mittelmaß zum Vorschein kommt: Hannover 96 hat Anfang April schon Planungssicherheit für die kommende Saison.