Hannover 96 wird legofiziert

Traumsturm aus dem Baukasten

Man kann soviele Dinge in seiner Freizeit tun: Musik hören, lesen, voltigieren. Einem 17-Jährigen aus Hannover sagt all das nicht zu. Er stellt stattdessen 96-Heimspiele mit Lego-Figuren nach. Wir haben den Filigrantechniker besucht. Hannover 96 wird legofiziertChristoph Zimmer Die roten Torwarthandschuhe liegen etwas lieblos auf der Holzbank vor dem Haus in der hannoverschen Vorstadt. Der Belag hat bei den nasskalten und unangenehmen Temperaturen spürbar gelitten, lässt sich beinahe mühelos und ohne großen Kraftaufwand abziehen. Grünes Moos beginnt sich langsam aber sicher darauf auszubreiten. Zum Einsatz kommen sie wohl nicht mehr.

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Und dennoch gibt die muffige Ausrüstung eines Ballfängers einen ersten winzigen Hinweis, womit Fabian Moritz, 17, reich gesegnet ist – mit Fingerspitzengefühl. Denn Fabian hat eine außergewöhnliche Fähigkeit. Für einen kurzen Augenblick hält er die Welt an, in einem Sport, der unaufhaltsam schneller wird und solche Momentaufnahmen in dem schnelllebigen Hochglanzprodukt Fußball selten sind. Der Schüler liebt das Detail; und stellt mit eben jenem Fingerspitzengefühl die entscheidenden Spielszenen der Heimpartien von der grauen Mittelfeldmannschaft Hannover 96, in mehrminütigen Videosequenzen, nach. In einer Art eigenen Sportschau im Internet – mit Legofiguren, in einem Legostadion.



Filigran streichelt Hannovers Internationaler Szabolcs Huszti das Leder von der linken Eckfahne in den Strafraum, direkt auf den Schädel des des wuchtigen Angreifers Jiri Stajner, der das Leder mit einem akrobatischen Flugkopfball an den rechten Außenpfosten drückt. Es ist die dritte Spielminute des 26. Bundesligaspieltags. Stuttgarts Fänger Sven Ulreich blickt dem Ball gebannt hinterher, Innenverteidiger Matthieu Delpierre gewährt dem Tschechen freies Geleit. Es ist keine der Szenen, die über Sieg und Niederlage an diesem Nachmittag in der niedersächsischen Landeshauptstadt entscheidet, die Partie endet torlos – aber für Fabian fängt hier die Arbeit, wenn man sie denn so nennen und nicht als besondere Form der Fußballbegeisterung bezeichnen will, erst an.

Bis zu 50 Bilder pro Szene

Das Drehbuch schreiben die mehr oder weniger beschlagenen Ballkünstler auf dem Feld. Zum Beispiel also Huszti und Stajner. Die Heimspiele, meist drei bis vier Spielsituationen, werden tausendfach auf Fabians Internetseite angeklickt. Die Vorlage liefert die Sportschau, anhand derer die wichtigsten Momente ausgewählt werden. Den Kommentar liefert sie in Form der Original-Töne auch gleich mit. Jede einzelne Bewegung der Spieler, Zuschauer und des Publikums stellt Fabian liebevoll in minutiöser Kleinarbeit nach und hält sie auf einem Foto fest. »Bis zu 50 Bilder mache ich pro Szene.« Vier aneinander gereihte Bilder pro Sekunde lassen die Spieler dann scheinbar wie von allein über das längliche, rechteckige Legofeld laufen und fast nach Belieben treffen – nur gegen den VfB aus Stuttgart nicht. Ihm scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Fallrückzieher hat er probeweise auch schon einmal nachgestellt – nur eben nicht von den manchmal etwas biederen daher kommenden Offensivspielern von Hannover 96.

Mehrere Nachmittage verbringt Fabian in dem abgedunkelten Raum im Dachgeschoss. Ein Strahler aus dem Baumarkt dient als eine Art Flutlicht, mit dem er das Stadion ausleuchtet und die Spieler, sie haben es selbst in der Hand, ins rechte Licht rückt. Mit dem furiosen 3:0-Vorbereitungserfolg von Hannover 96 gegen das an diesem letzten Julitag 2007 wenig galaktische Real Madrid fing alles an. »Ein geniales Spiel«, befindet Fabian, »das ich in besonderer Art und Weise festhalten wollte.« Kurzerhand baute er das ehemalige Niedersachsenstadion mit Legosteinen nach; einen Oberrang, Absperrungen, die die Nordkurve von dem Spielfeld trennen und einen kleinen Gästeblock. Auf der Tribüne sitzen und stehen Piraten, Astronauten, Postboten und Rennfahrer, insgesamt bis zu 400 Zuschauer, dicht gedrängt nebeneinander. Sie jubeln gemeinsam, sie ertragen bittere Niederlagen zusammen. Nur die Osttribüne fehlt. Denn mit Lego kann man schlecht rund bauen.

Legospieler im Leibchen der Königlichen hatte er einmal geschenkt bekommen, die Trikots seines Lieblingsvereins druckte er aus und klebte sie auf die Oberkörper der nicht einmal daumengroßen Protagonisten. Diese Prozedur wiederholt sich bei jedem hannoverschen Heimauftritt für die jeweilige Gastmannschaft. Auch die Fankurven werden den Vereinsfarben entsprechend gestaltet.

Die Winterpause hat Fabian sinnvoll genutzt, um den Oberrang um eine Reihe zu erweitern, blaue Sitzschalen, Werbebanden und Fanbanner zu installieren. Bei der EM will er die Spiele der deutschen Auswahl nachstellen – je nachdem wie weit es die löwsche Mannschaft in Österreich und der Schweiz Richtung Finale in Wien schafft. »Aber da sind die Rechte noch nicht geklärt.«

Die darstellenden Vorlagen werden auf dem Rasen gespielt, Fabian bleibt allein die künstlerische Umsetzung des Gebotenen. Auch Fallrückzieher wären zumindest theoretisch kein Problem, »das habe ich alles schon probiert«. Fingerspitzengefühl, Ruhe und Gelassenheit hatte er nur nach einem Heimspiel von Hannover nicht. Das 0:3 gegen den FC Bayern, Luca Toni traf dreimal, »war natürlich sehr deprimierend. Das hätte ich am liebsten anders verfilmt.« Denn: »Den Luca Toni und seinen arroganten Torjubel mag ich überhaupt nicht.«

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Mehr von Fabians Trickfilm-Zauber seht Ihr hier www.legofussball.com