Hannover 96 verpasst Europa

Aus den Augen, aus dem Sinn

Hannover 96-Experte Florian Pfitzner sieht in dem 30. Spieltag eine Miniatur-Nachbildung des gesamten Saisonverlaufs: Nach ambitioniertem Start mit Blick auf den UEFA-Cup verliert man am Ende sogar den UI-Cup aus den Augen. Hannover 96 verpasst EuropaImago Zum Abschluss des Heimspiels der »Roten« gegen den Berliner Sport-Club Hertha zündeten viele Beobachter das große Plattitüden-Feuerwerk: Da war die Rede von der berühmten Butter, die sich 96 naiv vom Brot nehmen hätte lassen; vom noch populäreren Spieß, den die »Alte Dame« in einem Kraftakt zu drehen vermochte, weil Niedersachsens Hauptstadtklub nicht in der Lage gewesen sei, den Sack zu zu machen. Unterm Strich umrissen die abgedroschenen Bewertungen das im Endeffekt verdiente Remis doch relativ klar. Es war eben solch ein Spiel, in dem vor dem gegnerischen Kasten sorglos Möglichkeiten vergeben wurden und daraufhin der uralte, scheinbare Automatismus der späten Rache zur Anwendung kam.

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Unentschieden als gefühlte Niederlage

Plausible Erklärungen, warum man nach guter erster Spielhälfte zu Hause die Zwei-Tore-Führung gegen Hertha BSC noch verspielte, gab es in eher vager Version. Trainer Dieter Hecking legte den Schwerpunkt lieber auf die erste Halbzeit, die »in Ordnung war« und in der »wir gut gespielt haben«. Seiner Ansicht nach hätte die Elf erst nach dem Seitenwechsel eine höhere Führung verpasst. Manch ein Augenzeuge sah dafür bereits vor dem Kabinengang reichlich Gelegenheit. Doch statt den Sieg – ob vor oder nach der Pause – perfekt zu machen, »ging die Kompaktheit ein wenig verloren«, so der 96-Coach. Ausgehend vom unglücklichen Elfmeter, den der Berliner Sofian Chahed souverän in die Maschen setzte, seien die »Roten« fortan gehörig »ins Wanken geraten«.

So passte die Stimmung nach der Partie zur unentschlossenen Vorstellung auf dem Platz. Pfiffe blieben größtenteils aus. Zu groß war wohl die Ratlosigkeit der meisten Anhänger. Hinzu gesellte sich die bittere Erkenntnis, dass es vielmehr eigene Passivität denn ein wirklicher Kraftakt der Berliner Hertha war, die das Unentschieden zu einer gefühlten Niederlage machte. Obendrein beendete dieses Ergebnis die letzten Hoffnungen auf einen UI-Cup-Platz. Die Chance, auf Europas kleinster Fußballbühne internationale Erfahrung zu sammeln, wurde freilich nicht allein am Samstag verspielt, sondern einige Runden zuvor. Allerdings ist der 30. Spieltag ein Miniatur-Nachbildung der gesamten Saison: vom ambitionierten Beginn zum von Hoffungsschimmern durchbrochenen, jedoch ernüchternden Ende. Lobte ich vergangene Woche an gleicher Stelle noch die neue Cleverness der »Roten«, ist diese Qualität bereits wieder verflogen. Konstant ist bei Hannover 96 in dieser Spielzeit nur die Unbeständigkeit.

»Ich habe es nicht gepackt«

Dieser Wankelmut soll in der kommenden Saison sein Ende finden, um den nächsten Schritt in der Entwicklung und somit die folgende Stufe in der Tabelle zu erreichen. Der Transfer-Coup um Jan Schlaudraff bestätigt die gestiegenen Ansprüche in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Als das sportliche Führungsduo Hecking/Hochstätter vergangenen Sommer Mike Hanke für die stattliche Ablösesumme von 4,5 Millionen Euro nach Hannover holte, unterstrich der Verein das erste Mal sehr deutlich sein neues Selbstverständnis. Im nächsten Schritt streifte sich eine Halbserie später Valérien Ismaël das rote Jersey über. Ebenfalls ein Spielerwechsel, der vor wenigen Jahren noch nicht denkbar, geschweige denn realisierbar gewesen wäre. Nun verstärkt mit Schlaudraff der nächste »wichtige Baustein« (Hochstätter) das Teamgebilde von Hannover 96.

Noch vorm Saisonauftakt fragten sich wohl die meisten Fußballfans, wie der talentierte Ex-Aachener im Münchner Starensemble auf Einsatzzeiten kommen möchte. Eine Antwort fand Jan Schlaudraff bis zuletzt nicht. Dabei kam der schnelle Offensivmann noch mit einem Arbeitsnachweis von immerhin acht Toren in 28 Bundesligaspielen für die Alemannia an die Isar. Unvergessen bleibt sein überragendes Tor im Heimspiel gegen Werder Bremen. Nach einem knappen Jahr bei Bayern zieht der 24-Jährige trocken Bilanz: »Fakt ist: Ich habe es nicht gepackt.«

Doch wie so oft erwächst aus einem Misserfolg die Chance auf einen Neustart. Schlaudraff drückte letzte Woche auf »Reset« und entschied sich für einen Klub, dessen Trainer ihn aus gemeinsamen erfolgreichen Tagen am Tivoli kennt, der ihn hoch schätzt und ihn deshalb nie aus den Augen verloren hat. Hinzu gesellen sich im Vergleich zur Säbener Straße angenehme mediale Rahmenbedingungen, sodass sich das einst fokussierte Enfant terrible in Ruhe rehabilitieren kann. Vereins- und fanintern steht Jan Schlaudraff freilich mehr im Mittelpunkt als beim designierten Deutschen Meister. Er ist der neue Hoffnungsträger, laut Aussage des Sportdirektors »die perfekte Ergänzung« im Team der »Roten«. Dabei ist die Hecking-Elf zur kommenden Saison schwerer auszurechnen: In der Offensive kann der Nationalspieler die Rolle eines zweiten Angreifers, einer hängenden Spitze oder eines vorwärts orientierten Mittelfeldakteurs einnehmen. Ob ganz vorne oder etwas zurückgezogen: Wichtig ist, dass Jan Schlaudraff generell seinen Part in der Mannschaft findet und Hannover 96 zu mehr Konstanz verhilft. Es gilt, die Konsequenz der Einkaufspolitik auf das sportliche Geschehen umzumünzen, damit man am Ende – drei Euro ins Schwein – endlich reichere Ernte einfährt.