Hannover 96 verliert in Bremen

Ende mit Schrecken

Im Grunde war selbst die Qualifikation für den UI-Cup für Hannover 96 schon länger außer Reichweite gerückt, der Druck deswegen gering. Doch ein derart klägliches Auftreten seines Teams hätte sich Florian Pfitzner nie träumen lassen. Hannover 96 verliert in BremenImago Nur kühne Optimisten hatten im Vorfeld des 33. Spieltags noch an die Chance geglaubt, dass Hannover 96 auf den letzten Metern der Saison Rang sechs erreicht und damit über den Sommer auf UI-Cup-Mission durch Europa tourt. Für dieses Ziel hätte einerseits die Konkurrenz patzen und andererseits die Hecking-Elf drei Punkte erspielen müssen. Beides blieb aus. Nach der 1:6-Demontage von Bremen ist das Thema »Europa« endgültig vom Tisch. Der schmale Hintertürspalt zum Uefa-Pokal ist Samstag im Weserstadion mit einem lauten Knall zugeschlagen worden.

[ad]

Von der ersten Minute an präsentierten sich die »Roten« beim großen Nachbarn so uninspiriert und demotiviert wie selten in den vergangenen Jahren. Zu keiner Zeit hatte der Beobachter das Gefühl, dass die Hannoveraner zum Ende der Saison noch sportliche Ziele vor Augen hätten. Unerklärlich die Passivität, mit der man Werder Bremen über die komplette Spieldauer zu Torgelegenheiten einlud. Rätselhaft die mangelnde Fantasie, die zehn rote Feldspieler zu erschreckender Harmlosigkeit gelangen ließ.

Plötzlich fehlt die Technik

Schon nach einer Viertelstunde wurde es lächerlich: Bremens Naldo, mit dem Ball am Fuß das Mittelfeld durchquerend, erkannte exklusiv die Situation, dass der Gast aus Niedersachsen unnötigerweise auf Abseits spielte. Anstelle eines Passes in die Tiefe entschied sich der Brasilianer blitzartig für den Alleingang, indem er sich das runde Leder am Gegner vorbei selbst vorlegte, auf Enke zustürmte und den anschließend einnetzenden Almeida beispielhaft bediente. So gekonnt Naldo die Lage auszunutzen wusste, so dilettantisch ließ sich die komplette Hintermannschaft der »Roten« ausspielen. Werders Innenverteidiger – der in der »Traum-Elf« des 33. Spieltags der »Welt am Sonntag« bezeichnenderweise im Mittelfeld geführt wird – fand fortan Geschmack an der Arbeitsauffassung der Leinestädter und köpfte nach einer knappen halben Stunde frei und ungehindert das 2:0.

Nachdem sich der Champions-League-Aspirant zu Beginn der zweiten Hälfte etwas zurückzog und Hannover schüchterne Annäherungsversuche in Richtung Tor gestattete, brachen in der Hansestadt alle Dämme: Mit vier weiteren Treffern innerhalb von nur 15 Minuten besiegelte die Schaaf-Elf nicht nur die eigenen drei Punkte, sie demütigte die »Roten« zudem wie noch nie in dieser Saison. Ohne den Ansatz von Widerstand fügten sich die Gäste ihrer Unterlegenheit. Prophezeite 96-Trainer Hecking noch vor der Partie an der Weser, sein Team werde »mutig nach vorne spielen« und »offensiv rangehen«, wurde er während des Auftritts Zeuge eines rauen Debakels. Zu keinem Zeitpunkt kamen die Niedersachsen vernünftig in die Zweikämpfe.

Wenn der Spielfluss des Gegners gestört wurde, bediente man sich vorwiegend unfairer Mittel. Waren die Hannoveraner am Ball, fehlte aus unerklärlichen Gründen die spielerische Sicherheit, die sie im Verlauf der Saison ausgezeichnet hatte. Ein technisches Vergehen reihte sich an das andere, die Fehlpassquote schoss in ungewohnte Höhen und die wenigen Angriffe verpufften anlässlich stümperhafter Vorhersehbarkeit. Hannover präsentierte sich weit entfernt vom starken Hinrunden-Duell der beiden Nordklubs, welches die »Roten« spektakulär mit 4:3 für sich entscheiden konnten. Früh musste Dieter Hecking einsehen, dass seine Hoffnung auf »ein ähnlich tolles Spiel wie damals« der Realität nicht standhielt.

750 000 Euro als Trost

Immerhin wird 96-Boss Martin Kind, auch aufgrund des letzten Resultats, demnächst voraussichtlich einen beträchtlichen Zahlungseingang auf dem Vereinskonto verbuchen können. Einzahler: Werder Bremen. Verwendungszweck: Nachschlag Mertesacker-Deal. Für den Fall, dass Werder nach dem Transfer des langen Innenverteidigers 2006 wie in der ersten verklausulierten Saison Europas Königsklasse erreicht, würde nämlich noch einmal rund 750.000 Euro Extra-Ablöseforderung fällig.

Böse Vermutungen, dass die Begegnung deshalb verloren ging, kann man wohl getrost in den Wind schlagen. Nicht nur, weil Kind im Vorhinein betonte, das »Herz eines Siegers« zu haben, der stets gewinnen will. Unterstellen wir ’mal Selbiges allen anderen Beteiligten und lassen somit die Sportlerehre triumphieren. Angesichts des prestigevollen »Familientreffens« ist allerdings mancherlei individuelle Einstellung nicht zu begreifen: Rühmte sich der Ex-Werderaner Christian Schulz noch in der Woche vorm Spiel damit, dass man als ehemaliger Angestellter eines Spitzenklubs nach wie vor »immer gewinnen und sich nicht einfach nur gut aus der Affäre ziehen« möchte, verblasste diese Tugend am Samstag bis ins Unkenntliche.

Auch Valérien Ismaёl sah man keinerlei Ambitionen an, bei seinem früheren Verein gesteigert motiviert aufzutreten. »Wir sind frei im Kopf und fahren ohne Druck nach Bremen«, diktierte der Franzose in die Notizblöcke, bevor er sich bei Naldos Alleingang scheinbar gedankenlos wegdrehte und später unmotiviert Bremens dritten Treffer auflegte. Frank Fahrenhorst machte während der 90 Minuten die beste Figur der kleinen Kolonie ehemaliger Werderaner – nämlich auf der Bank.

Wiederholung vom letzten Jahr sollte vermieden werden

Im Spiel um die berühmte »Goldene Ananas« empfängt Hannover 96 kommendes Wochenende Energie Cottbus. Gegen die bereits geretteten Lausitzer gilt es, die Saison vernünftig zu beenden. Der hannoverschen Harmonie wäre dies zuträglich.

In der 34. Runde der vergangenen Spielzeit verloren die »Roten« zu Hause gegen den »Club« aus Nürnberg mit 0:3. Klassische »Schönwetter-Fans«, die sich den letzten 96-Akt nach einer erfolgreichen Saison nicht entgehen lassen wollten, fühlten sich in ihren ehrgeizigen Erwartungen enttäuscht – und quittierten die Vorstellung mit Pfiffen. Trainer, Team und treue Fans auf der anderen Seite erzürnte jenes unqualifizierte Verhalten, das schließlich zu einem ungebührlichen Saisonende geführt hatte.

Mit einem guten Auftritt können die »Roten« eine Wiederholung der negativen Ereignisse inklusive überflüssiger Nachklänge vermeiden. Allein das sollte Antrieb genug sein.