Hannover 96-Fans unter sich

„Bist Du schwul, oder was?“

Für Hannover 96-Fan Christian Wegener dürfte die Sommerpause seines Vereins ruhig ein wenig länger dauern. Er hat weder die Auswärtsfahrten vermisst, für die sich unsere Mütter schämen würden, noch die Heimspiele. Ich weiß nicht ob es anderen, unter euch Lesern, auch so geht wie mir: Früher war die Sommerpause eine schlimme fußballlose Zeit, die nicht vorübergehen wollte. Aber heute hält sich die Vorfreude auf die neue Saison, vornehm ausgedrückt, in Grenzen. Die Sommerpause hätte gern noch ein paar Monate länger sein können. Aber der Blick auf den Kalender lügt nicht.

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An Wochenenden musst Du deine „Freizeit“ wieder mit Menschen und menschenähnlichen Kreaturen verbringen, die einen Schlag in die Fresse als gelungene Argumentation verstehen. Du triffst auf stinkbesoffene Jugendliche, die dumpf rechtslastige Parolen grölen. Getoppt wird das ganze noch von ebenso besoffenen Mittdreißigern, die offensichtlich noch in den Achtzigern leben und sich erfolgreich jeglicher Weiterentwicklung verweigert haben. Besonders peinlich ist, wenn Dich letztgenannte auch noch lautstark namentlich grüßen und als einen der ihren vereinnahmen wollen. Sowas hast Du in der Sommerpause wirklich nicht vermisst.
Schon auf dem Weg ins Stadion wirst Du Deine Entscheidung, heute wieder zu 96 zu gehen, bereuen. Mindestens dreimal wirst Du angerempelt, angepöbelt oder schlimmeres. Auch die Ordner sind nicht Deine Freunde: Statt volltrunkenen Proleten den Zutritt zu verweigern, sehen sie nur zu, wie Du in der Schlange vor dem Einlass unter Gewaltandrohung abgedrängt wirst, damit Dieter Dorfschläger und Lutz Landei ohne Wartezeit ins Stadion gelangen, um dort ihr Unwesen zu treiben. Aber eigentlich tun Dir die oftmals erschreckend hühnerbrüstigen Ordnungskräfte leid. Während Dir nur ein Bruchteil der mittelniedersächsischen Proleten begegnet, müssen sie alle an den bedauernswerten Ordnungshütern in ihren gelben Westen vorbei.
Nach weiteren Schlangen vor Bierbude und Kartenaufladung endlich auf deinem Platz angekommen, fällt Dir schnell auf, das nach fünf Jahren erste Liga der Hype um 96 vorbei ist. Um dich herum sitzen Menschen, mit blau-weißen AWD-Schals behangen, die sich nicht damit abfinden können, dass für einen Verein wie 96 in dieser Größenordnung und mit jener ruinösen Vergangenheit schon Mittelmass ein Erfolg ist. Deiner Argumentation, dass zum Mittelmass nun mal zwingend auch verlorene Spiele und eben auch nur mittelmäßige Spieler gehören, können oder wollen sie nicht folgen. Diesen Zuschauern ist es egal, dass sich Altin Lala und Steven Cerundolo schon länger für 96 den Arsch aufgerissen haben, als diese neuartigen Kunden Dir den Sauerstoff im Stadion wegatmen. Mit der gleichen Vehemenz wie sie Deine Aufstiegshelden Carsten Linke oder Jörg Sievers nach einigen unglücklichen Aktionen ausgepfiffen haben, fordern Sie mal junge Spieler, mal einen echten Kracher für mehre Millionen Euro. „Wie Diego bei Werder, ne!“ In deinen Gedanken suchst Du Asyl in der Vergangenheit, die Du mehr und mehr verklärst. Doch tief im Inneren weißt Du, dass auch damals nicht alles in rosarot gefärbt war, sondern das Schlechte für immer geblieben ist.

Auf Auswärtsfahrten treten all die Probleme, die die besoffene Proleten verursachen, in einer gefährlichen Kompaktheit auf. Alle alkoholisierten Schläger und lauten Idioten verlassen, in einen Sonderzug gestopft, die Stadt. Schon beim Einsteigen dämmert Dir, diese Fahrkarte war nur deshalb so billig, weil die braven Menschen in der Heimat der Proleten wenigstens an 17 Wochenenden im Jahr Ruhe in ihrer Stadt haben wollen und deshalb den Fahrpreis gerne subventionieren. Im Gegensatz zu einem Besuch im heimischen Niedersachsenstadion gibt es aus dem Sonderzug kein Entkommen. Einmal eingestiegen, bist Du für die nächsten Stunden gefangen an einem Ort, der am ehesten einer der Vorhöfe zur Hölle aus Dantes Inferno gleicht.
Schon der Gang auf die Toilette erweist sich schwieriger als erwartet. Vor der einzigen noch funktionsfähigen Toilette (die anderen sind von Leuten, deren IQ selbst in diesen Zug noch unter dem Durchschnitt liegt, mutwillig zerstört worden) hat sich eine Schlange durch mehrere Wagons bebildet. Erfahrene Auswärtsfahrer wissen wie in solchen Fällen dem Problem der mangelnden Möglichkeiten der Blasenentleerung beizukommen ist.

Schon brüllt Dir ein zwei Meter großer Riese mit Bierbauch und Marinekurzhaarschnitt entgegen:
„Los, einer pisst ins Waschbecken!“
Schüchtern entgegnest Du:
„Und wenn sich jemand die Hände waschen will?“
„Bist du schwul, oder was?“
Zu seinen Kumpels: „Guck mal Atze, `n Schwuler.“

Dieses Argument ist unschlagbar. Um Deine Heterosexualität zu beweisen und weil der Druck auf deiner Blase langsam schmerzhaft wird, gehst Du mit zitternden Knien zusammen mit dem Nachwuchsgorilla aufs Klo. „Du nimmst das Waschbecken“, grunzt Dich Dein neuer Freund an. Du zwängst Dich zwischen den Arsch des Halbmenschens und das als Urinal missbrauchte Waschbecken, und da Du keine andere Möglichkeit hast, deine Stoffwechselendprodukte loszuwerden, pinkelst Du los. Wenn Deine Mutter Dich so sehen könnte, würde sie Dich mit Fug und Recht verleugnen.
Endlich ankommen in einer Stadt gleicher Größe wie Hannover, entfernst Du dich so schnell wie möglich vom Mob der volltrunkenen Botschafter deiner Heimatstadt. Nachdem es Dir erfolgreich gelungen ist, Dich durch das Spalier der wartenden Bereitschaftspolizisten zu mogeln, fällt Dir auf, dass sich diese Stadt kaum von Deiner unterscheidet. Nur C&A ist hier direkt beim Bahnhof und der Kaufhof dafür etwas weiter weg. Auch die so genannten Heimfans unterscheiden sich nur durch die Farbe ihrer vom Bierbauch gespannten Trikots von denen der Roten. Völlig desillusioniert wird Dir klar, warum die BILD-Zeitung so viele Leser hat. Aber, dass all diese entmenschlichten Alkoholzombies wählen dürfen, macht Dir Angst. Nur die vage Hoffnung, dass Sie das Wahllokal nicht finden oder am Tag der nächsten Wahl in irgendeinen Sonderzug kotzen, lässt dich einigermaßen beruhigt schlafen.