Hannover 96 erreicht Saisonziel doch noch

Stempel drauf, Haken drunter

Hannover 96 legte am Wochenende die beste Saisonleistung seit 40 über Jahren zu den Akten. Es wird weiter nach vorne geschaut, nach oben geschaut. Mit den Neuzugängen für die kommende Spielzeit wurde bereits ein Zeichen gesetzt. Hannover 96 erreicht Saisonziel doch nochImago Ausgerechnet am zweiten August-Wochenende des vergangenen Jahres gingen sie in ihre letzte Saison: talentfreie Ex-Nationalkicker, Medaillen behängte Torwart-Legenden, populäre Welt-Schiedsrichter und renommierte Fußballlehrer. Da blieb am Samstag, zum Abschluss der 45. Bundesliga-Spielzeit, wenig Platz für verdiente 96-Haudegen, die wie Kahn und Konsorten ihren Kabinenschrank ausleerten. Unter dem Eindruck der restlichen acht Partien schien Hannovers Heimauftritt gegen Energie Cottbus nicht nur sportlich relativ bedeutungslos. Während anderswo die Tränen kullerten, verabschiedeten die „»Roten« ohne großes Getöse altgediente Spieler.

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»Hausmeisterkittelgrau gegen Müllmannanzugorange«

Darunter die Abwanderer Vahid Hashemian und Sören Halfar sowie Dauerkniepatient Thomas Brdaric samt den beiden Ersatzkeepern Richard Golz und Frank Juric, die ihre Laufbahnen voraussichtlich beenden werden. »Darek« Zuraw wurde von Coach Dieter Hecking sogar noch eine knappe halbe Stunde eingesetzt. Der 35-jährige Aufstiegsheld hatte es wohl von allen Beteiligten nach sieben Jahren und 129 Bundesligaspielen für Hannover 96 besonders verdient, noch einmal für die Niedersachsen auf dem Platz zu stehen. »Ein besseres Abschiedsspiel hätte ich mir nicht wünschen können«, sagte der Pole nach dem Abpfiff. »Dass die Fans mich so verabschiedet haben, war wirklich schön.«

Passend zu den Blumen feierten die »Roten« einen stattlichen Kantersieg gegen müde wirkende Lausitzer. Hässlich waren an diesem Nachmittag nur die Trikots: »Hausmeisterkittelgrau gegen Müllmannanzugorange«, wie der scharf beobachtende Reporter des Norddeutschen Rundfunks später treffend spottete. Nach dem Saisonfinale fliegen hoffentlich beide Kollektionen in die Tonne.

Zum Sportlichen: Entweder hatte die Elf von Trainer Bojan Prasnikar den letzten Heimerfolg über den Hamburger SV zu übertrieben begossen, oder es war schlicht weg ein Rückfall in alte Zeiten. In jedem Fall verlegte sich Energie nahezu über die gesamte Spieldauer auf die Defensive. Nachdem Brugginks Freistoß zum 1:0 im Kasten der Ostdeutschen landete, ließen sich lediglich Skela und Rivic zu Torgelegenheiten vor Robert Enke blicken. Noch vor der Pause machte Jiri Stajner nach einem sehenswerten Spielzug über Balitsch und Cherundolo den Deckel drauf. In Hälfte zwei war es wieder der US-Amerikaner, der zum Torerfolg auflegte. Zunächst für Vinicius’, später für Balitschs Kopfball aus Nahdistanz zum gerechten 4:0.

Zur Unausgeschlafenheit der Cottbuser gesellte sich am Samstag die angenehme Tatsache, dass die Hecking-Elf schon größere Drucksituationen zu meistern hatte. So erlebten 46.632 Zuschauer, im Gegensatz zur letzten Saison, das gebührende Ende einer erfolgreichen Runde. Mit dem Torfestival haben sich die »Roten« nicht nur eindrucksvoll von der jüngsten Werder-Schmach sowie der 1:5-Hinspielschlappe im Stadion der Freundschaft rehabilitiert, sondern sich auch ordentlich von ihren Fans verabschiedet. Das abschließende Ergebnis mit 49 Punkten und Platz acht in der Tabelle ist gleichbedeutend mit dem besten Abschneiden der »Roten« seit über 40 Jahren. Darüber hinaus habe man »in der Außenwahrnehmung einen großen Schritt nach vorne gemacht«, bilanzierte Hecking. Dies sei eine Herausforderung für die kommende Spielzeit, in der es aufgrund der gasgebenden Konkurrenz und den starken Aufsteigern eh schon schwer genug werde. Für den Moment sei es gelungen, »unser Ziel zu erreichen und einen positiven Saisonabschluss hinzulegen«, freute sich Hannovers Trainer, bevor er den 96-Fans das etwas übermütige Versprechen gab, dass »wir nächstes Jahr die fünf Punkte holen, die uns diese Saison noch gefehlt haben, um international zu spielen.«

»Nichts gegen Elze, aber ...«

Robert Enke erinnerte noch einmal an das vergangene Jahr: »Da hat uns das abschließende 0:3 gegen Nürnberg die Saison ein bisschen vermasselt.« Das wollten er und sein Team dieses Mal unbedingt vermeiden. Unterm Strich könne man mit dem Erreichten durchaus zufrieden sein. »Hier passiert etwas und wir werden alles dafür tun, nächstes Jahr international dabei zu sein.« Enke persönlich ist schon diesen Sommer über die Grenzen im Einsatz, bei der EM in Österreich und der Schweiz. Nachdem sich der starke René Adler mitsamt gewichtiger Fürsprecher mächtig aufgedrängt hatte, war davon nicht zweifelsfrei auszugehen. Genau wie von dem Schachzug, die bisherige Nummer zwei, Timo Hildebrand, aus der Dreier-Rangfolge herauszustreichen. Damit haben Joachim Löw und seine Assistenten nicht nur Mut, sondern auch Geradlinigkeit bewiesen. Lautete doch eine Maxime des sportlichen DFB-Führungsteams: »Weg vom blockierenden Sicherheitsdenken«. Daraus lässt sich unter anderem interpretieren, dass der jahrelange Thronfolger des Nationaltorhüters nicht automatisch in der Hierarchie aufsteigt. Diese bittere Erfahrung musste nun Hildebrand machen, der sich wohl für den Geschmack der A-Team-Troika Löw/Flick/Köpke in der Vergangenheit manchmal zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte.

Anders als Mitbewerber Enke. Stets bescheiden, sportlich fair und vor allem hochklassig, rechtfertigte er immer wieder seine Position. »Ich freue mich sehr auf die Zeit. Im Nationalteam herrscht eine tolle Gemeinschaft«, sagte die neue Nummer zwei im deutschen Tor, bewegt von der lautstarken Wertschätzung der 96-Fans. »Wenn sich die Anhänger für einen mitfreuen, ist die Nominierung umso schöner.« Für Trainer Dieter Hecking hat die EM-Teilnahme seines Torwarts eine Strahlkraft für den gesamten Verein: »Diese Entscheidung zeigt auch, dass die positive Entwicklung von Hannover 96 gewürdigt wird.«

Wenn es mit seiner Nominierung nicht geklappt hätte, wäre er Montag eben mit nach Elze zu einem Freundschaftsspiel gefahren, hielt Robert Enke nüchtern fest. Doch: »Nichts gegen Elze, aber ich finde es schon besser, mit der Nationalmannschaft in die EM-Vorbereitung zu gehen.« Währenddessen hofft sein Coach, »dass wir Robert bei unserem ersten Training als frisch gebackenen Europameister begrüßen können.« Darüber würde man sich nicht nur in Hannover freuen.