Hannover 96 befreit sich

Im Sturm nur ein Lüftchen

Nicht nur Torwart Robert Enke sah gegen den VfB Stuttgart eine verbesserte eigene Mannschaft. Auch die Anhänger von Hannover 96 feierten nach Abpfiff ihre Mannschaft. Das Unentschieden gegen den Meister ist ein Erfolg. Hannover 96 befreit sichImago Torlose Unentschieden bedürfen stets einer genaueren Erklärung. Bei der Zerlegung dessen, was sich in solch einem Fall auf dem Platz zugetragen hat, ist oftmals von einem »trostlosen Kick« die Rede, in dem »eigentlich keine Mannschaft einen Punkt verdient gehabt hätte«. Dann ist da das »klassische 0:0-Spiel«, nachdem der Fachmann schwärmt, wie sich »beide Teams auf ungeheuer hohem Niveau neutralisierten«. Eine weitere Gattung beschreibt jene Partie, die den Makel davonträgt, dass »der letzte Pass in die Spitze« oder auch gerne »das Quäntchen Glück« gefehlt hat, um drei Punkte einzufahren. Letzteres passierte Sonntag in Hannover.

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Auf die Frage, ob er denn mit dem Ergebnis zufrieden sei, antwortete Robert Enke: »Die Tatsache, dass wir das erste Mal in der Saison zu Hause zu Null gespielt haben, spricht im Grunde schon für sich.« Nicht nur der 96-Torwart sah gegen den VfB Stuttgart eine Steigerung, auch die Anhänger feierten nach Abpfiff launig ihre Mannschaft. Gerade weil dieser Leistungszuwachs nicht unbedingt zu erwarten war. Immerhin stand auf der anderen Seite der amtierende deutsche Meister. Obendrein fehlten bei den »Roten« eine Handvoll Stammkräfte in der Startelf – das schlägt bei den Hannoveranern deutlich mehr ins Gewicht als bei den meisten Mannschaften aus der ersten Hälfte des Tableaus.

Vor der Begegnung gab Trainer Hecking die Marschroute vor, sich nicht ausschließlich auf den momentan in Real-Madrid-Form auftrumpfenden Mario Gomez zu konzentrieren. Eine weise Entscheidung, haben die Schwaben doch insgesamt eine starke Offensive. Davon war jedoch am Ort des alten Niedersachsenstadions bis auf zwei kritische Situationen nicht viel zu sehen. In der ersten Halbzeit auch ein Verdienst des gerade 18-jährigen Debütanten Konstantin »Koka« Rausch. Bereits seit Monaten ein herber Verlust für die A-Jugend der »Roten«, nahm die Nummer 34 jene Ruhe mit in die Bundesliga, die ihn schon zuvor im Oberligateam ausgezeichnet hatte. Rausch ist seit Sören Halfar der jüngste Akteur, der für 96 jemals in der deutschen Eliteklasse auf dem Feld gestanden hat. Allein Auftreten und Spielwitz lassen den Schluss zu, dass sich hier ein durchaus erstligatauglicher Linksverteidiger entwickelt. Im Gegensatz zu seinem, wenn auch von vielen Verletzungen geplagten, einstigen Vorgänger.

In einer insgesamt sehr kompakten Mannschaft, deren Abseitsfalle Gomez und Cacau schnaubende Wutanfälle bereitete, stach neben dem souveränen Ismaёl besonders Vinicius hervor. Zuletzt machte dieser häufig seinem Erscheinungsbild alle Ehre, indem er die Sportarten verwechselnd körperlos wie ein litauischer Basketballspieler agierte. Doch gegen den VfB fand er, anfangs in der Innenverteidigung, nach der Pause links hinten, zu alter Robustheit zurück. Ebenfalls in prächtig ansteigender Form präsentierte sich Mittelstürmer Jiri Stajner. Der Tscheche pendelt immer seltener zwischen den Extremen, spielt seine Flexibilität hervorragend aus und vertrat durch Engagement und Leidenschaft eindrucksvoll den gesperrten Mike Hanke. So fehlten, um noch einmal die Marke der torlosen Begegnung zu ermessen, bereits in der Anfangsphase nur Zentimeter für seinen dritten Torerfolg in Serie. Durch Vinicius’ falsch justiertes Kopfball- sowie Stajners und Lauths unpräzises Zusammenspiel wurde Ulreichs Puls auch zum Ende nur Kurz in Schwung gebracht. Damit stand die Null nach 90 Minuten leider auch vorne.

Hannover 96 – das stimmt nach der Zu-Null-Premiere ebenfalls hoffnungsvoll – hat sich nach drei Spielen ohne Niederlage stabilisiert. Umgerechnet erscheinen unterm Strich zwar lediglich drei Punkte, der spielerische Trend geht jedoch deutlich nach oben. Gerade in der heimischen Arena offenbarte die Abwehr in dieser Saison mit 24 Gegentreffern bedenkliche Mängel an Struktur und Konsequenz. Im Ganzen kassierten die »Roten« bislang gar 42 Buden. Eine Quote, die sonst nur im unteren Tabellendrittel anzufinden ist. Diese Schwächen der Verteidigung wurden zuletzt mit zehn Mann in Duisburg und am Sonntag gegen den VfB Stuttgart abgestellt.

In Richtung Kasten des Gegners bleiben die Aktionen allerdings häufig zu harmlos. Fällt Hanke aus, fehlt in vorderster Linie der kopfballstarke Mann für Flanken – Stajners Tore mit der hohen Stirn sind für ihn eher untypisch und werden nicht allzu oft wiederholt werden können. Unter diesen Umständen sind zahlreiche hohe Hereingaben über außen das verkehrte Mittel. Schon am kommenden Samstag in Wolfsburg sollte Dieter Hecking seinem Team bodenständigere Maßnahmen für den Torerfolg nahe legen. Gegen die aus Costa und Madlung bestehende VfL-Innenverteidigung sind die Luft-Möglichkeiten aus dem Spiel heraus für Stajner, Huszti und Co. überschaubar.

Ebenso karg scheinen die Aussichten der »Roten« in der Tabelle zu sein. Während sich der Blick nach unten erfreulicherweise erübrigt, kann es sachlich betrachtet auch nach oben nicht viel enger werden. Doch ein Ziel kann 96 getrost ins Auge fassen: Der Volkswagenverein ist nur fünf Punkte entfernt. Im günstigsten Fall sind die in zwei Wochen aufgeholt. Also nichts wie auf zur Niedersachsenmeisterschaft!