Haitis Team bei der WM 1974

Ein Quantum Trost

Haiti war nie ein strahlender Stern am Fußballhimmel. Dann aber schenkte Emmanuel Sanon bei der WM 1974 dem großen italienischen Torhüter Dino Zoff einen Treffer ein und wurde zum Helden einer gebeutelten Nation. Haitis Team bei der WM 1974 In einem neuen Land anzukommen, bedeutet oft eine totale Reizüberflutung der Sinne. Steigt man aus der hermetischen Eintönigkeit des Flugzeugs, schlägt einem eine Flut von Bildern, Klängen und unbekannten Gerüchen entgegen.

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In der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince kommt eine unmenschliche tropische Hitze dazu, die einem wie ein heißes, nasses Handtuch ins Gesicht schlägt. Es ist unmöglich, beim Anflug auf Hispaniola, die karibische Insel, die sich Haiti mit seinem wohlhabenderen Nachbarn, der Dominikanischen Republik, teilt, nicht nervös und angespannt zu sein. Europäische Reisende werden gewarnt, Haiti, das die Vereinten Nationen zum ärmsten Land der Region erklärt haben, nur dann zu besuchen, »wenn es unbedingt nötig ist«.

Streng genommen ist die abenteuerliche Reise nicht unbedingt nötig. Der Stürmerstar der Weltmeisterschafts-Mannschaft von 1974, Emmanuel »Manno« Sanon, hatte mir kurz vor seinem Tod Anfang 2008 am Telefon sein Herz ausgeschüttet. Außerdem stand ich mit mehreren anderen Spielern und Funktionären in regelmäßigem Kontakt per E-Mail. Doch Sanon hatte beharrt: »Du musst auf einen Besuch vorbeikommen, mein Freund, sonst kannst du unmöglich begreifen, welche Auswirkungen unsere Qualifikation damals auf Haiti hatte.«  

»Was willst du hier, Kumpel?«

Als mein haitianischer Kontaktmann mich am Flughafen trifft, schaut er kurz, schnaubt verächtlich und meint: »Du fällst hier auf wie ein bunter Hund. Wenn du nicht aufpasst, wirst du gekidnappt.« Zwar sagt er es halb im Scherz, doch werden Haiti-Besucher im Reisebüro gewarnt, sich vor »plötzlichen gewaltsamen Aufständen und illegalen Straßensperren« in Acht zu nehmen. Auch der Typ an der Passkontrolle beäugt mich skeptisch. »Was willst du hier, Kumpel?«, fragt er. »Bist du James-Bond-Fan? Ein paar von denen sind in letzter Zeit aus den USA und Europa hergekommen.« Trotz Typhus- und Ruhrepidemien hat Port-au-Prince von Daniel Craigs Dreharbeiten in der heruntergekommenen Hafengegend für »Ein Quantum Trost« profitiert. Als ich den Beamten über den Zweck meines Besuches informiere, wirft er mir einen amüsierten Blick zu. »Bis du auf Voodoo und die Duvaliers aus«, kichert er, »oder auf Musik und Sonnenschein? Kannst du hier alles haben, wenn du gut recherchierst.«

Während meines zweitägigen Aufenthalts erweisen sich die Worte des Kontrolleurs als geradezu prophetisch. Für die von politischen Umwälzungen, wirtschaftlichen Problemen und zwielichtigen Machthabern heimgesuchte Nation bedeutete die WM-Teilnahme mehr als nur ein sportliches Abenteuer. Die Geschichte ist voll mit Berichten über schwarze Magie, einer gottgleichen Verehrung der Starspieler, Musik und den Machenschaften der Geheimpolizei Tonton Macoute. Zwar war in Haiti schon lange Fußball gespielt worden, doch erst im Zuge der Machtergreifung Francois »Papa Doc« Duvaliers erlangte der Sport eine größere Bedeutung im Land, was vor allem der Tatsache geschuldet war, dass der Diktator ab Mitte der sechziger Jahre Unmengen von Geld in den Fußball pumpte. Als leidenschaftlicher Verehrer des italienischen und südamerikanischen Spiels wusste er, dass sich nichts anderes so sehr eignete wie der Fußball, um die Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, und dass er von einer starken Nationalelf immens profitieren könnte.

Papa Doc hatte Glück: Beim karibischen Jugendturnier von 1965 zog sich die haitianische Mannschaft achtbar aus der Affäre. Spieler wie der talentierte Linksaußen Roger St. Vil, Torhüter Henri Francillon und der spätere Kapitän Philippe Vorbe begannen, sich einen Namen zu machen und das Interesse europäischer Klubs zu wecken. Papa Doc war jedoch entschlossen, seine Rohdiamanten beisammen zu halten. Damit sie nicht wie viele ihrer Landsleute in der Diaspora verschwanden, untersagte er sämtliche Transfers ins Ausland. St. Vil, der heute in New York lebt, erinnert sich: »Wir bekamen bessere Trainingseinrichtungen, und wenn wir gegen einen karibischen Konkurrenten antraten, wurden wir in erstklassigen Hotels untergebracht und gut versorgt. Man muss bedenken, aus welchen Verhältnissen wir stammten. Viele von uns kamen aus armen Familien, und Francois Duvalier brachte etwas Licht in unser Leben.«

Die Nationalmannschaft arbeitete mit Hochdruck auf die WM 1970 in Mexiko hin. Dass sie letztlich in der Qualifikation scheiterte, ist bis heute in trauriger Erinnerung geblieben. Das Ticket löste damals El Salvador, dem Haiti in einem Entscheidungsspiel auf neutralem Boden in Jamaika mit 0:1 unterlag. Das Spiel war nötig geworden, nachdem das Team, das eine Woche zuvor noch mit 3:0 in El Salvador gewonnen hatte, im Rückspiel daheim 1:2 verlor. »Das war unglaublich bitter«, sagt Joe Namphy, der frühere Generalsekretär des haitianischen Fußballverbandes. »Die Anzahl der erzielten Tore spielte damals noch keine Rolle, sonst wären wir auch in Mexiko dabei gewesen. Dieser Jahrgang war mindestens ebenso stark wie der vier Jahre später.«

Der mutige Angriffsfußball, den der schlitzohrige Trainer Antonie Tassy spielen ließ, beeindruckte die Beobachter, und nach der verpassten Qualifikation gab das Duvalier-Regime eine Erklärung heraus, die besagte: »Wir geloben unserem Volk, dass die Nationalelf die WM 1974 erreichen wird, und dass Präsident Duvalier weiter die Fortschritte des Teams überwacht und die Spieler und den Trainer unterstützt, damit dieser Traum wahr wird.«

Nachdem er in einer weiteren Scheinwahl 28 Millionen Stimmen bekommen hatte (3000 unerschrockene Seelen stimmten gegen ihn), hatte sich Papa Doc 1964 zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Als überzeugter Verfechter der Négritude erhielt er viel Rückhalt aus der armen schwarzen Bevölkerung, die der mulattischen Elite des Landes mit Misstrauen begegnete. Manno Sanon erklärt: »Die Duvaliers förderten die Idee der Négritude, womit sie bei den Massen gut ankamen. Sie bedeutete, dass wir etwas wert waren und nicht nur irgendwelche Schwarzen. Die Duvaliers wie auch Trainer Tassy verstanden sich darauf, die Spieler zu begeistern. Ich wusste, dass ich sowohl Haiti repräsentierte als auch für die Idee der Négritude einstand, wenn ich das orangefarbene Trikot überzog. Doch es spielten auch einige Mulatten in der Mannschaft und das Team bildete eine Einheit, weil Tassy nichts anderes hätte gelten lassen. Ich denke deshalb, dass die Nationalmannschaft für ein ideales Haiti stand.«

Duvalier liebte allerdings nicht nur den italienischen Fußball, er bewunderte auch Mussolinis schwarze Hemden und nahm sich Il Duces Privatarmee als Vorbild für seine Geheimpolizei. Papa Docs Schergen wurden nicht bezahlt, sondern machten ihren Schnitt mit Erpressung und der Veruntreuung von Geldern, die für soziale Zwecke in Haitis ärmsten Gegenden vorgesehen waren. Sanon: »Das war die Seite des Regimes, der sich die Spieler nicht bewusst waren, obwohl ständig diese finsteren Typen mit der Mannschaft rumhingen, vor allem, wenn wir im Ausland antraten. Uns lächelten sie allerdings an. Ihre hässliche Seite sahen wir nicht, zumindest nicht bis zur Weltmeisterschaft 1974.«

»Ich habe die Duvaliers aus tiefstem Herzen gehasst«

Damals lebten die meisten Spieler Haitis noch in ihrem Heimatland. Was die Tontons Macoutes gerade der Landbevölkerung antaten, entging ihnen keineswegs. Papa Docs Männer beschlagnahmten einen Großteil des besten Ackerlandes und zwangen viele Menschen zur Flucht in die zunehmend gefährliche und von Seuchen bedrohte Hauptstadt. Ein Mitglied des damaligen Teams, das noch immer in Port-au-Prince ein kleines Elektrogeschäft betreibt, sagt: »Ich habe die Duvaliers aus tiefstem Herzen gehasst. Man brauchte nur die Augen aufzumachen, um zu wissen, was vor sich ging. Damals verschwanden einige meiner Angehörigen, und meine Cousins verloren ihr Land, für das sie jahrelang hart gearbeitet hatten. Doch als ehrgeiziger Fußballer war mir auch klar, dass mein Schicksal in Duvaliers Hand lag. Damals machte man sich selbst etwas vor und meinte, dass all das, was die Leute sagten, einfach nicht wahr sein konnte. Die Propaganda behauptete, dass nicht Papa Doc, sondern seine Feinde für die vielen Verschwundenen verantwortlich seien. Wenn man sich blind und taub stellte, konnte man fast daran glauben.«

Im April 1971 starb Papa Doc, und sein einziger Sohn, Jean Claude »Baby Doc« Duvalier, wurde mit zwanzig Jahren der jüngste Präsident der Welt. Zwar scherte sich Baby Doc herzlich wenig um innenpolitische Belange und war eher auf das süße Leben eines Playboys aus, dennoch war ihm klar, dass er bald gestürzt werden würde – etwa durch eine von der CIA gelenkte Verschwörung –, wenn er sich nicht ein wenig vom autokratischen Führungsstil seines Vaters verabschiedete. Auf Druck der USA führte er ein etwas gemäßigteres Regime als sein Vater. Er ließ politische Gefangene frei, lockerte die Pressezensur und veranlasste Reformen. Als Akt des guten Willens nahm die US-Regierung daraufhin Ende 1971 ihr Hilfsprogramm wieder auf. Dank dieser Finanzspritze erlebte Haiti eine Art kleines Wirtschaftswunder. Historiker Jean Antoine: »Natürlich lag noch immer vieles im Argen, doch viele Haitianer blicken auf diese Zeit mit nostalgischem Stolz zurück. Die Zahl der Plünderungen, Morde und Epidemien ging zurück, und die Regierung unternahm gezielte Anstrengungen, jedem Kind eine vernünftige Schulbildung zu ermöglichen. Auch die Nationalmannschaft profitierte enorm.«

Baby Doc öffnete seine Schatulle und richtete für den haitianischen Fußballverband ein eigenes Bankkonto ein. Joe Namphy erzählt: »Er finanzierte alles, unter anderem das Nationalstadion Sylvio Cator, das zum CONCACAF-Turnier 1973 für eine Million Dollar komplett überholt wurde. Er hatte alles im Griff und unter Kontrolle, ein wenig wie Silvio Berlusconi beim AC Mailand.« Emmanuel Sanon meint: »Er ließ keinen Zweifel daran, dass es seine Mannschaft war und sein Geld, welches uns dahin gebracht hatte, wo wir waren. Er war wesentlich umgänglicher als sein Vater, schaute beim Training vorbei und rief mich und andere Spieler regelmäßig an, um zu hören, ob es uns gut ginge. Einigen war nicht wohl dabei, Jean Claude ständig in der Nähe zu haben. Obwohl er noch so jung war, war er so etwas wie ein Vater für uns. Er sorgte dafür, dass es uns gut ging, konnte aber auch bestrafen, wenn ihm danach war.«

Der CONCACAF-Nationscup von 1973 diente zugleich als Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Sämtliche Spiele wurden im 30000 Zuschauer fassenden Sylvio Cator von Port-au-Prince ausgetragen, das als Hexenkessel berüchtigt war. Manno Sanon räumt die Bedeutung des Heimvorteils ein: »Das Publikum veranstaltete einen Höllenlärm und schüchterte den Gegner ein. Spiele in Mittelamerika oder der Karibik sind meist laut, doch bei uns ging es manchmal geradezu giftig zu, Gegenstände wurden aufs Feld und auf gegnerische Spieler geworfen. Es gab auch Berichte von gegnerischen Spielern, die auf dem Stadionparkplatz schikaniert wurden. Das hätte keiner von uns gutgeheißen, aber ich kann auch nicht leugnen, dass es uns geholfen hat.«

»Dirigenten« im Publikum

Wie schon seinem Vater wurde auch Baby Doc Manipulation vorgeworfen, insbesondere vor der wichtigen Partie gegen Trinidad & Tobago, die Haiti mit 2:1 gewann. Trinidads Stürmer Steve David behauptete, dass »schwarze Künste Haiti zum Sieg verhalfen«. Seine Zweifel an der Leistung des Schiedsrichters Enriquez aus El Salvador, der vier Treffern Trinidads die Anerkennung verweigerte, schienen sich zu bestätigen, als Enriquez später wegen der Annahme von Schmiergeldern gesperrt wurde. Mittlerweile ist außerdem herausgekommen, dass Baby Doc »Dirigenten« im Publikum platziert hatte.

Kneipenbesitzer Pierre Dierdiste, in den Siebzigern ein bekanntes Gesicht bei Spielen der haitianischen Nationalmannschaft, behauptet, von einem Regierungsbeamten dazu beauftragt worden zu sein, bei den Spielen das Publikum anzuheizen. »Man gab mir ein Megaphon, stellte mir ein paar Trommler zur Seite und befahl mir, für Stimmung zu sorgen. Im Stadion befanden sich mehrere solcher Dirigenten, außerdem waren Hexendoktoren da, die Geister beschworen und die Gegner verzauberten.«




Der bekannte haitianische Musiker Bob Lemoine schrieb »Toup Pou Yo« (»Schieß ein Tor«), das von den Kickern eingespielt wurde und bis heute das populärste Fußballlied des Landes ist. Der frühere Mittelfeldspieler Jean Herbert Austin erinnert sich: »Diese drei Wochen waren die unglaublichsten, die ich in Port-au-Prince je erlebt habe. Nach jedem Sieg gab es Karneval in den Straßen und in der ganzen Stadt ging gar nichts mehr. Das entscheidende Spiel fand gegen Guatemala statt. Vor dem Anpfiff kam Duvalier in die Kabine und beschwor uns, für Haiti zu siegen. Und genau das taten wir.« Als beim Stand von 2:1 der Schlusspfiff ertönte, sank Manno Sanon »auf die Knie und dankte Gott für diese Chance«.

Andere weinten oder brüllten wie die Irren, das ganze Land war in Aufruhr. Nachdem die Polizei die Menge zerstreut hatte und die Spieler das Stadion verlassen konnten, feierten sie mit Baby Doc. »Ihr seid Helden, jeder einzelne von euch«, strahlte der Wohltäter. Er hatte den Traum seines verstorbenen Vaters verwirklicht.

Zwei Wochen vor Turnierbeginn flog die Mannschaft nach Deutschland und bezog ihr Quartier in der Sportanlage Grünwald in München, wo sie ihre schweren Gruppenspiele gegen Italien, Polen und Argentinien austragen musste. Die meisten Spieler waren zum ersten Mal in Europa. Jean Herbert Austin erinnert sich, dass »einige von uns sich sehr isoliert fühlten, fernab von allem, was sie kannten«. Dennoch konnten sie es kaum erwarten, gegen Italien zu spielen, wie Austin sagt: »Die Italiener hatten seit 1100 Minuten kein Gegentor bekommen, was damals Weltrekord war, doch sie waren schon ein wenig in die Jahre gekommen, und wir wollten versuchen, es ihnen so schwer wie möglich zu machen.«

Die italienische Elf um Torhüter Dino Zoff praktizierte seinerzeit ihren Catenaccio in Vollendung. Es war Sanon, der die Italiener kurz nach der Pause schockte, als er nach einem millimetergenauen Zuspiel von Philippe Vorbe durch die Verteidigung brach, Zoff umspielte und den Ball ins Tor schoss. »Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen«, sagt er.




»Ich wusste, dass ich die italienische Abwehr mit meiner Schnelligkeit in Schwierigkeiten bringen konnte. Mit diesem Tor hat sich Haiti internationales Ansehen erworben, ganz egal, was danach passierte. Psychologisch waren wir damit wohl etwas überfordert und verloren unsere Konzentration. Doch das Tor war der größte Moment meiner Karriere. Zoff war stinksauer auf seine Vorderleute und ich freute mich einfach riesig, weil ich wusste, dass daheim alle ausrasteten.«

Zwar drehten die Azzurri das Spiel noch und gewannen mit 3:1, aber die italienische Presse machte keinen Hehl aus ihrer Empörung, dass ausgerechnet das kleine Haiti dem Zoff’schen Rekord nach 1147 Minuten ein Ende gesetzt hatte. Sanon und seine Mitspieler waren die Helden des Tages. Am nächsten Morgen marschierten sie bei strahlendem Sonnenschein durch den Münchner Zoo und genossen die mediale Aufmerksamkeit. Baby Doc, der Haiti nur selten verließ, übermittelte seine Glückwünsche.

Dann aber geschah etwas, was die Laune des Wohltäters schlagartig kippen ließ. Ernst Jean-Joseph, der mulattische Mittelfeldspieler, wurde bei der routinemäßigen Dopingprobe positiv getestet. Jean-Joseph beteuerte, er habe Pillen wegen seines Asthmas nehmen müssen, doch der Mannschaftsarzt gab gegenüber der Presse zu Protokoll, dass das Unsinn sei und der Spieler »zu dumm, um zu wissen, was er tut«.

Am nächsten Tag gingen die Bilder von Jean-Joseph, der wie ein Häufchen Elend in der Lobby des Penta Hotels kauerte, durch die Weltpresse. Dann zerrten Teamoffizielle den schreienden Spieler aus der Sportanlage Grünwald, schlugen ihn vor den Augen der Journalisten, stießen ihn in ein Auto und setzten ihn in den Flieger zurück nach Haiti. Jean-Josephs Mitspieler waren entsetzt. »Ich erinnere mich an die finstere Miene eines Offiziellen, der zuvor immer nur gelächelt hatte«, sagt der heute in Miami lebende Fritz Plantin, damals Innenverteidiger. »Jetzt erlebten wir die Schattenseite des Regimes, vor der wir als erfolgreiche Fußballer immer geschützt gewesen waren. Vor dem Match gegen Polen hatten wir eine schlaflose Nacht, und ehrlich gesagt dachte ich nur an Ernst und nicht an das Spiel.«

Plantins Mannschaftskameraden ging es vermutlich ähnlich, und so wurden sie von den bei diesem Turnier allerdings sehr starken Polen mit 7:0 vorgeführt. »Zur Halbzeit lagen wir 0:5 zurück«, meint Plantin, »und hätten sie zweistellig gewonnen, hätten wir uns auch nicht beschweren dürfen.«

Jean-Joseph wurde später angewiesen, im Teamquartier anzurufen und Kapitän Philippe Vorbe mitzuteilen, dass er noch am Leben sei. Das beruhigte die Mannschaft, und sie schlug sich beim 1:4 gegen Argentinien im dritten Spiel durchaus achtbar, wobei erneut Sanon als Torschütze erfolgreich war.

Jean-Joseph, der zuvor nie über die zweifelhafte Ehre gesprochen hat, als erster Spieler überhaupt wegen eines positiven Dopingtests von einer Weltmeisterschaft ausgeschlossen zu werden, verspricht mir vor meiner Ankunft in Haiti ein Interview, ist aber wie vom Erdboden verschluckt, als ich schließlich in Port-au-Prince eintreffe. Ein Freund der Familie erklärt sich zu einem Treffen bereit und dementiert Berichte, wonach Jean-Joseph von den Tontons Macoutes beide Arme gebrochen worden seien. »Er hatte das Glück, einer der Lieblingsspieler von Baby Doc zu sein, und das weiß er auch«, sagt der Freund. »Er spricht über die Ereignisse von damals nicht gerne, weil er glaubt, Schande über Haiti gebracht zu haben. Damit muss er bis heute leben.« Hat Jean-Josephs Bestrafung dem WM-Abenteuer ein wenig von seinem Glanz genommen? »Ein wenig vielleicht«, räumt Sanon ein, »aber Ernst kehrte ins Nationalteam zurück und setzte seine Karriere fort. Es gibt also kein tragisches Ende oder so etwas. 1974 war unser Moment, unsere Zeit. Eine Zeit, in der Haiti so stabil war wie lange nicht.«

In Port-au-Prince wird besonders Manno Sanon vergöttert wie Diego Maradona in Neapel oder Luigi Riva auf Sardinien. In zahlreichen Cafés und Kneipen hängt sein Bild, und in den klapprigen Bussen, den Tap Taps, wird noch immer Bob Lemoines Lied gespielt. Anders als vielen Spielern des anderen Außenseiters Zaire ist es den meisten Haitianern nach dem Turnier von 1974 gut ergangen. Generalsekretär Joseph Namphy: »Viele konnten sich durch ihre Auftritte für ausländische Klubs empfehlen. Sanon spielte in Antwerpen, Torhüter Francillon bei 1860 München und Joseph, Matthieu und Antoine in der NASL für Chicago Sting. Der Großteil des Teams blieb bis zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1978 zusammen, bei der wir Zweiter wurden. Damals konnte sich leider nur ein Team aus unserer Region qualifizieren.«

Einige Spieler leben heute wieder in Haiti, andere sind ins Ausland gegangen und halten nur wenig Kontakt zur Heimat. Sie alle aber kamen noch einmal zusammen, als Sanon im Februar 2008 einem Prostatakrebsleiden erlag. Bei der Beisetzung in Port-au-Prince trugen Mitglieder der Mannschaft den Sarg. Sämtlichen Akteuren des Kaders wurde zu diesem Anlass von der Regierung eine Rente auf Lebenszeit zugesprochen, was für manche ein Segen war.

Baby Doc war bei der Beerdigung nicht zugegen. Der frühere Machthaber lebt im Pariser Exil und kommt eher schlecht als recht über die Runden, nachdem er fast sein gesamtes Vermögen verschleudert hat und der Rest einer kostspieligen Scheidung zum Opfer fiel. Hin und wieder tönt er, in seine Heimat zurückkehren zu wollen, doch die Angst, von seinen Landsleuten für die Verbrechen seines Clans verantwortlich gemacht zu werden, hält ihn davon ab. Der Diktator wurde 1986 durch einen Militärputsch entmachtet, aber bis heute haben die Duvaliers zahlreiche unverbesserliche Anhänger, die behaupten, dass die siebziger Jahre trotz aller wirtschaftlicher Not, Berichten über Folter und der Verschwendung öffentlicher Gelder für viele Haitianer ein goldenes Zeitalter war.

Es gibt einige Fußballer, die dem nicht widersprechen würden.