Gute Musik, wenn man schlechte Musik liebt

Mit Brdaric in der Schnulzenhölle

Es gibt keine rationale Erklärung dafür, warum so viele Fußballer zu singen beginnen, obwohl die räudigste Katze den Ton besser trifft als sie. Wir müssen da jetzt durch: Hier sind die schlechtesten Lieder, die jemals verzapft wurden. Gute Musik, wenn man schlechte Musik liebtImago Platz 1: Uli Borowka

Uli Borowka ist einer, den man einen »Pfundskerl« nennt – eine echt knorke Type, nicht abgehoben, sondern »down to earth« wie nur irgendwas. Zuletzt sahen ihn ausgewählte 11FREUNDE-Spione bei einem Berliner Kleinfeldturnier, das mit dem Titel »Bobic und seine Freunde laden ein« um Teilnehmer warb. Oder hieß es doch »Bobic und seine Freunde zum Anfassen«? Man steckt nicht drin. Der Uli jedenfalls war einer von diesen Freunden. Sah richtig gut aus mit seinen 46 Jahren, volles Haar, bräunlicher Teint und ein Bizeps wie Rambo John in »First Blood«. Immer dann, wenn Uli in dem Kunstrasenkäfig zur Attacke blies, nahmen seine Gegenspieler Reißaus. Verständlich. Denn in Gedanken waren sie beim Thon, beim Olaf, dem Uli einst versicherte: »Wenn du an mir vorbei willst, brech ich dir beide Beine.«

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Damals, in den 80ern, hieß Uli noch »Die Axt«. Zu Recht. Irgendwann hatte Uli aber die Schnauze voll vom aktiven Fußball, verabschiedete sich klammheimlich und trainierte fortan den Berliner AK und Türkiyemspor Berlin. Wie die Kollaboration mit der Bremer Punkcombo »Dimple Minds« zustande kam, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren, doch das ist eh Nebensache. Die »Dimple Minds« heißen so wie die Simple Minds - nur mit D. Das ist Anarchie. Unterwanderung. Anti-Pop. Punk. Helau. Der Sänger heißt übrigens Ladde. Textlich inspiriert ist Ladde von Knuppe und Rolle vonnem Imbiss umme Egge und von Kalle und Jensen aus der Nordkurve Südwest. Ladde singt: »Alles was wir wollen, ist Fußball, Rock und Bier und geile Frauen!« In der Retrospektive könnte man fast meinen: Dadaistisch angehaucht. Damals aber: »Die Kassierer« für Arme.

Uli nahm mit den »Dimple Minds« 1999 den Song »Barfuss oder Lackschuh« auf. Er wurde: kein Hit. Vielleicht weil er textlich keine George Best-Reminiszenz aufweisen konnte. Uli singt: »Barfuß oder Lackschuh, alles oder nichts, leg ich mir nen Frack zu oder komm ich vors Gericht«. Bekannt nicht nur aus Funk und Fernsehen, sondern auch vom jährlichen Harald Juhnke-Fantreff in Bad Bevensen oder vom feucht fröhlichen Schützenfest im niedersächsischen Diepholz. Ganz schön großartig.

Platz 2: Roque Santa Cruz

»Mag man das hier?«, fragte mich ein trinkfreudiger Texaner, der sich auf dem Weg zum Oktoberfest in München befand und im Bierzelt am Berliner Alexanderplatz hängen geblieben war. »Sportfreunde Stiller? Gewiss«, antwortete ich, der, nun ja, auf dem Weg zum Adorno-Lesezirkel ebenfalls irgendwie hängen geblieben war. Wir schunkelten durch das Zelt bis in den Morgengrauen, anfangs grölten wir, am Ende lallten wir, doch das war egal, denn die Texte der Sportfreunde Stiller-Songs waren nicht allzu schwer – wir kamen uns vor wie Bob Dylan und Jimi Hendrix in Woodstock, wie Che Guevara und Joaquín Vilo im bolivianischen Hochland, wie Baader und Meinhof im Frankfurter Kaufhof. Wir waren auf dem Weg. Aber so was von.

Als der Morgen dämmerte, dann das bittere Erwachen: Wir suhlten uns in Deutschland-Fahnen, eingewickelt wie einst Giovane Elber in der Bayern-Matte. Und ich blickte nach rechts zu meinem texanischen Freund. »Sportfreunde Stiller? Very good! Aber Dimple Minds auch good!!«

Roque Santa Cruz, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, erlitt ein ähnliches Schicksal. Doch wachte er nicht in einem schwarz-rot-goldenen Konfettimeer auf, sondern neben einem Vertrag mit seiner Unterschrift. Und so zerrten ihn die Schunkelbarden von den Sportfreunden ins Studio und der Roque musste den Refrain ihres musikalischen Gassenhauers einsingen: »Kein Wort zu niemandem, wie ich zocke, ich sag’s nur meinem Fanblock: Ich Roque!«

Platz 3: Toni Polster

»Besonderes Augenmerk«, so heißt es auf der österreichischen Musikinformationsseite musicchannel.cc, »möchte Toni Polster auf seine Sangeskarriere legen.« Wenn sonst nichts los ist: Bitte sehr! Bisher glänzte Toni vornehmlich als Ballermann-Barde mit den Songs »Toni, lass es polstern« und »Auf alle Fälle zwei Bälle«. Großes Hitpotential wies dabei vor allem der Bälle-Song auf - angelehnt an die großen Lyriker unserer Zeit – irgendwo zwischen dem späten DJ Ötzi und dem frühen H.P.Baxxter. Toni Polster singt: »Mal dunkle, mal helle oder auch im Wonderbra«. Er meint damit: Frauen.

Sein Song »Walk on«, den er zusammen mit der Band »Achtung Liebe!« produzierte, enttäuschte. Auch der »Music Channel« weiß: Kein Hit. Und mutmaßt, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn sich »Toni anstatt mit Achtung Liebe gleich mit den Sportis« zusammengetan hätte. Die Sportis! Richtig, das sind diese drei knuffigen Typen von den Sportfreunden Stiller.

Toni Polster ließ sich von der schlechten Presse aber nicht entmutigen. Anfang 2007 erschien eine neue CD, ein Hörbuch: Toni Polster liest die Bibel. »Mit dieser Hörbuch-CD will ich die Welt a bissl’ verbessern und den Menschen vermitteln dass die Quelle aus der wir die Kraft schöpfen nichts mit Flüssigkeit zu tun hat.« Man stellt sich schönere Dinge vor, als den Lebensabend im Schaukelstuhl zu sitzen und Hiobverse von Toni Polster vorgelesen zu bekommen.

Und sonst so? Vor kurzem trudelte eine neue Maxi-CD in der Redaktion ein. Vollblutmucker Herr Jürgens riss sie sich ratzfatz unter den Nagel – und ist seitdem verschollen...

Platz 4: Thomas Brdaric

Auf der Webseite von Thomas Brdaric gibt es den Menüpunkt »Wild Stuff«. Klickt man drauf, erscheint ein Untermenü mit dem Button »Hot Music«. Mehr möchte man eigentlich gar nicht wissen, doch die Maus ist schneller und schon summt es durchs Ohr: »Lieber Frank (Rost) es tut mir leid, deshalb mach’ ich mal ne Pause. Dass ich böse zu dir war, wird mir jetzt erst richtig klar. Du hast im Interview geweint und Mutti holte dich nach Hause. Fußball ist ja so gemein und im Tor fühlst du dich oft allein.«

Der Kopf nickt nicht, und die Tanzteerunde kommt nur mäßig in Gang. Warum? Thommy steht auf die ehrlich triefende Ballade. Er haucht seine Botschaft in die Welt, säuselt seine Worte in die Ohren der Verliebten, die zum »Extended Christmas Kuschel Mix« im Kerzenlicht durchs Zimmer schweben. Eitrig ist gar kein Ausdruck dafür.

Platz 5: Christian Pander

Unter dem Namen Funky Pee - deutsch: funkige Pisse - nahm Christian Pander einen semi-tighten Raptrack auf. »Meine Story« heißt seine Hymne und ist inspiriert von gar nicht tighten Rappern wie Sido oder Thomas D anno 1989. Pee erzählt seine Geschichte, berichtet von seinem Leidensweg in seinem Block. Rhymeflow, so hört man im Goldkettenbiz, ist nicht vorhanden. Den Beat hätte ein gefesseltes Tamagotchi besser produziert, er stammt aber von Pee-Homie DJ Dokker.

Textmäßig geht etwas mehr als bei Thommy Brdaric, allerdings lässt Pee jegliche Street-Credibility vermissen: »Ihr wisst wer es ist - Funky Pee! Mit dem eigenen Studio einen Traum erfüllt, und mit Hood Production die Hallen gefüllt.« Zwei Fragen bleiben: A. Hood Production? B. Welche Hallen? Die Trinkhallen in Bottrop-Süd?

Auf der CD klebt übrigens der Sticker: »Featuring Will Mercene und Cati Lima.« Eine Kaufempfehlung. Wie sagt man noch? Propz – mit z. Trotzdem: Es reicht nur zu Platz 5. Der MC-Name geht einfach nicht klar.