Guardiola in Manchester

Die Verdienste des Strebers

Pep Guardiola mag als Trainer manchmal alle nerven. Die Spieler, die Klubbosse oder die Ärzte. Was sie an ihm hatten, merken Vereine oft erst, wenn er nicht mehr da ist.

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Es ist nicht überliefert, wie häufig Josep Guardiola dieser Tage noch an den FC Bayern denkt. Vermutlich nicht allzu oft. Guardiola ist weit weg, räumlich wie gedanklich. Rund eineinhalbtausend Kilometer trennen die Städte München und Manchester und sicher ist er auch schon wieder eins mit seiner neuen Arbeitswelt und viel zu beschäftigt, um sich Gedanken über Vergangenes zu machen.

Feilt wahrscheinlich in einem spartanischen Kellerzimmer ohne Fenster an neuen Konzepten, an neuen Strategien, die er dann nach zehn Minuten wieder verwirft und durch noch neuere Konzepte und noch neuere Strategien ersetzt.  

Doch nicht so verkehrt

Guardiolas Gestalt mag München längst verlassen haben und doch ist er noch sehr gegenwärtig rund ums Areal an der Säbener Straße, wo der bedeutendste Klub der Stadt seinen Sitz hat. Wurde der Trainer gerade in den letzten Wochen und Monaten seiner Münchner Etappe doch arg geschmäht, dürften die jüngsten Ergebnisse des FC Bayern dazu beigetragen haben, Guardiolas Renommee wieder zu steigern.


War dann eben doch nicht so verkehrt, dieser wild fuchtelnde, stets zweifelnde, teils entrückt wirkende Katalane, der mit seiner Ungeduld selbst den langjährigen Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt vertrieb. 

In Barcelona haben sie gar nicht erst versucht, Guardiolas Verdienste infrage zu stellen, obwohl er auch dort in seinem letzten Jahr aneckte und nicht wenige gegen sich aufbrachte. Mit dem damaligen Präsidenten Sandro Rosell war das Verhältnis irreparabel und so mancher Spieler sehnte des Trainers Abschied herbei.

Guardiola hat uns alle geprägt

Doch spätestens nach dem titellosen Jahr unter Gerardo Martino wurde Guardiolas Verdienst noch einmal deutlich. Mit Guardiola verhält es sich wie mit einem befreundeten Streber. Seine manchmal zur Besserwisserei neigende Klugheit mag nerven, was man an ihm hatte, merkt man aber erst, wenn man die Hausaufgaben plötzlich alleine machen muss. 

»Guardiola hat uns alle geprägt«, sagte Barcelonas Verteidiger Gerard Pique während der Pressekonferenz vor Citys Auftritt im Camp Nou. Luis Enrique, Barcelonas aktueller Trainer, wertete die Arbeit seines Vorgängers gar als historisch. Die Geschichte Barças müsse in eine Zeit vor und nach Guardiola geteilt werden, sagte er.

Eine Epoche geprägt

In Barcelona verehren sie ihren ehemaligen Trainer wie eh und je und natürlich wird das Camp Nou ihn auch heute begeistert empfangen, wenn er mit seinem neuen Ensemble von Manchester City versucht, jenes Stadion einzunehmen, das für beinahe drei Jahrzehnte seine sportliche Heimat war. Von 2008 bis zu seinem Abschied 2012 hat er 14 von 19 möglichen Titeln gewonnen und mit dem FC Barcelona eine Epoche geprägt. 

Als Guardiola ging, da stellte nicht nur er sich die Frage, inwieweit seine Ideen und sein Denken, beides so stark geprägt von der sportlichen Sozialisation in La Masia (Barças Jugendakademie) transportabel seien. Wie ein gigantisches Experiment wirkte sein Auszug in die große Welt damals.