Gladbachs Albtraum-Abend in Sevilla

Kein Halt nirgends

Auch in der Champions League zeigt Gladbach eine desaströse Leistung. Vor allem an einem mangelt es dem Team: Typen.

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Am Abend zuvor, als die Welt von Borussia Mönchengladbach noch vergleichsweise in Ordnung war, hatte Hans Meyer hübsche Schnurren aus seinem Trainerleben erzählt. Unten floss der Guadalquivir  vorbei, oben gab es bei der Einladung des Klubs leckeren Wein, Essen und Geschichten des Borussia-Vorstandsmitglieds und 11FREUNDE-Kolumnisten. Also erzählte Hans Meyer eine seiner Lieblingsstorys, die in seiner Zeit als Coach von Rot-Weiß Erfurt spielt und in der es um die komplizierte Verfassheit von Fußballprofis geht.

Als Meyer in Erfurt begann, führte ihn und sein neues Team das erste gemeinsame Trainingslager nach Polen. Engagiert schufteten sie dort, bis am vorletzten Tag der Mannschaftskapitän bei Meyer vorstellig wurde. »Trainer, wir haben hier gut gearbeitet und wollten Sie bitten, morgen auf das Training zu verzichten«, sagte er. Dazu lieferte er eine Begründung, wie sie Meyer von einem Fußballspieler nie erwartet hätte. »Das Konzentrationslager Auschwitz ist hier in der Nähe, und wir würden dort gerne einen Kranz niederlegen.« Meyer war begeistert über die charakterliche Integrität dieser Mannschaft, die er sowieso besonders mochte. Wenn er nämlich am eigenen Stadion in den Aufenthaltsraum kam, vertrieben sich ein Dutzend Spieler die Zeit zwischen den Trainingseinheiten mit Schachspielen.

Bemerkenswert freundliche junge Männer

Das Problem allerdings war, so erzählte Meyer weiter: Seine Zeit mit den ihm so sympathischen Schachspielern in Erfurt war eine der erfolglosesten seiner Trainerkarriere. Denn es fehlte in der Mannschaft mitunter an mentaler Schlichtheit und Stärke, um einfach Siege ins Ziel zu bringen. Was einen als Mensch auszeichnet, das wollte Meyer damit sagen, ist nicht automatisch eine Qualität auf dem Fußballplatz.

Als Meyer am Abend danach auf der Ehrentribüne des Stadions des FC Sevilla saß und der Mannschaft von Borussia bei ihrem ersten Spiel in der Champions League zuschaute, mag er an seine Erfurter Spieler gedacht haben. Nun ist die Borussia von heute keine Versammlung von Schachspielern, und es wurde auch kein Spieler bei Lucien Favre vorstellig, weil er lieber Flüchtlingen helfen würde als zu trainieren. Aber zweifellos ist sie eine, in der es sich bei den meisten Spielern um bemerkenswert freundliche junge Männer handelt, die in der Lage sind, sich den ein oder anderen Gedanken zu machen.