Gewinnt Ribéry die Champions League?

Die Ein-Mann-Elf

»Mit einem gesunden Franck Ribéry kann der FC Bayern München alles gewinnen - auch die Champions League.« Ein gern gesagter Satz. Doch stimmt er auch? Hier streiten die Autoren Hummel und Aumüller erbittert darüber. Gewinnt Ribéry die Champions League?Imago Pro

Beim FC Bayern beantworten die Verantwortlichen in dieser Saison häufig gleiche Fragen - und sie geben immer gleiche Antworten. Das hat fast religiöse Züge: Beim katholischen Rosenkranz-Beten wird repitiert, was das Zeug hält. Ebenso das Mantra im Buddhismus, wobei beim Thema Buddha bei Bayern jetzt gerne geschwiegen wird.

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Nun beten die Herren Hoeneß (Manager) und Rummenigge (Vorstandsvorsitzender) seit Monaten herunter, dass Herr Klinsmann auf keinen Fall in Frage stünde, dass er genau der richtige Trainer im richtigen Moment für diesen Klub ist. Trotz Zweiflern unter den Fans (Klinsmann als altes Bayern-Feindbild) und kritischer Kommentatoren (Klinsmann ist neu im Klubtrainer-Business) ist nach der Vorrunde keine entscheidende Tendenz sichtbar, ob sie recht behalten.

Auch Herr Klinsmann hat sein Mantra. Ständig beteuert er, seine Mannschaft sei nicht von Herrn Ribéry abhängig. Im Lichte der Vorrunde besehen, zeichnet sich hier indes eine Tendenz deutlich ab: Herr Klinsmann hat unrecht. Das Wohl und Wehe seiner Elf hängt allerdings davon ab, ob und wie der Franzose am linken Flügel dribbelt.

Zu deutlich korrespondierte zu Saisonbeginn die Malaise von Franck Ribéry und dem FC Bayern. Ribéry kehrte verletzt und deprimiert von der EM zurück - bis er vollständig hergestellt war, dümpelte der Rekordmeister im Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle herum. Erst mit Ribéry in voller Stärke begannen die Münchner ihre Siegesserie, die sie bis auf Platz zwei der Liga sowie in das Achtelfinale von DFB-Pokal und Champions League trug.

Ribéry ist Freigeist im Bayern-Spiel, der aus der Schablone fällt. Der die Abwehrketten auseinanderreißt und deren Mitglieder in den Wahnsinn treiben kann. An guten Tagen steht er auf einer Stufe mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Die Mitspieler wissen das, wodurch das Bayern-Spiel bisweilen extrem linkslastig ist. Ganz nach dem Motto: »Gebt Ribéry den Ball, und alles wird gut.«

Klinsmann hat recht, wenn er anmerkt, Ribérys Anarchie fuße auf dem Pflichtbewusstsein von Philipp Lahm und Zé Roberto. Allerdings können sich an einem Ribéry in Bestform Spieler wie Schweinsteiger, Altintop oder Klose weiter nach oben ziehen, sich mitreißen lassen, von den entstehenden Freiräumen profitieren. Vor einem FC Bayern mit Ribéry in Form müssen sich selbst die Besten in Europa in Acht nehmen. Der 25-Jährige ist nicht mehr nur ein anarchistischer Wirbler, er ist erfahren genug, um nicht nur den Unterschied auf nationaler Ebene zu machen. Der FC Bayern war die erfolgreichste Mannschaft der Champions-League-Vorrunde - auch dank Ribéry, siehe die erste Halbzeit in Lyon.

Sollte ihm allerdings das Schicksal eines Vedad Ibisevic ereilen, der mit Kreuzbandriss lange ausfällt, dann sollten die Herren Klinsmann, Hoeneß und Rummenigge schon mal einen Rosenkranz in die Hosentasche stecken.

Lesen Sie auf Seite zwei das Contra.

Contra

Keine Frage: Franck Ribéry ist der beste Spieler der Bundesliga. Seine Dribblings und sein Tempo sind hierzulande einzigartig, seine kreative Ader hebt das Niveau des FC Bayern, und seine Klasse ist der entscheidende Grund dafür, dass die Bayern auch am Ende der Saison 2008/09 wieder die deutsche Meisterschaft feiern dürfen. Der FC Bayern ist abhängig von Franck Ribéry, der bisherige Saisonverlauf hat das noch einmal nachdrücklich gezeigt: Alle Anfangsdebatten um Klinsmann, van Bommel und die instabile Abwehr verstummten in dem Moment, in dem Ribéry vollständig von seiner Verletzung genesen war.

Für manche Beobachter, angefangen von Matthias Sammer bis hin zur strengen Redaktion des Fachblattes Kicker, verkörpert der Franzose sogar »Weltklasse«. Normalerweise ist die Fußballwelt mit dieser Bewertung sehr zurückhaltend, weil das Wort »Weltklasse« die Aura des Perfekten und Vollendeten beinhaltet. Bei Ribéry vergibt sie es. Dabei hat sich der 25-Jährige den Großteil seines Glanzes nicht dann erspielt, wenn es wirklich um die Weltklasse-Frage ging (Champions League, Weltmeisterschaft), sondern vor allem in der Bundesliga und im Uefa-Pokal.

Und selbst dort stieß Ribéry an seine Grenzen. Im Uefa-Pokal-Halbfinale 2008 gegen Zenit St. Petersburg hießen die auffälligsten Spieler auf dem Platz Arschawin, Denissow und Timoschtschuk; Ribéry ging wie seine Kollegen im St. Petersburger Kombinationswirbel unter. Auch in seinen bisher 33 Länderspielen, bei der WM 2006 und der EM 2008, gelang es Ribéry nicht, der Équipe Tricolore seinen Stempel aufzudrücken, wie es etwa Zinedine Zidane getan hat.

Ribéry ist ein großartiger Spieler, doch ein Teil seines Status in Deutschland hängt auch mit der insgesamt mangelnden Qualität der Bundesliga zusammen. In einer anderen Liga würde er nicht so herausragen. Über die Klasse von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi etwa verfügt er nicht ganz, diese Spieler haben auch schon internationale Titel geholt. Es hat schon seine Richtigkeit, dass Ribéry bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres auf Platz 18 landete.

Das wichtigste Argument allerdings ist, dass die Bayern selbst dann die Champions League nicht gewinnen würden, wenn Ribéry der beste Fußballer der Welt wäre. Auf die besten Teams Europas, auf Manchester, Chelsea oder Barcelona, fehlen in jedem Mannschaftsteil ein paar Prozent. Von daher wird das bayerische Fußball-Jahr 2009 wieder so verlaufen wie schon so viele andere Fußball-Jahre verlaufen sind: National darf der FCB wieder jubeln, aber international reicht es nicht für den Titel. Dafür bedarf es noch einiger personeller Verstärkungen.