Genie und Wahnsinn auf dem Bökelberg

»Günter, mach dich fertig!« »Nein.«

Die Gegenwart ist trist in Mönchengladbach. Blicken wir lieber zurück auf die glorreiche Vergangenheit: die rauschhaften 70er Jahre, als das Gespann Netzer/Weisweiler die Borussia über ihre Genzen hinaus führte. Genie und Wahnsinn auf dem Bökelberg
Heft #46 08 / 2005
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Der 23. Juni 1973 ist ein heißer, schwüler Sommertag. Auf dem Rasen des Düsseldorfer Rheinstadions liegen die Spieler, sie japsen nach Luft, ihre Baumwolltrikots können den Schweiß kaum noch fassen. Das Finale um den DFB-Pokal, von dem es heißt, es sei das beste aller Zeiten, geht in die Verlängerung. 1:1 steht es zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln.

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»So muss Fußball sein«, hat Ernst Huberty in seiner Fernsehreportage gesagt. »Offensive auf beiden Seiten. Herzerfrischend.« Und doch gibt es einen Menschen im Rheinstadion, den das aufregende Spiel bisher ziemlich kalt gelassen hat: Günter Netzer. Der Kapitän der Gladbacher hat die 90 Minuten auf der Ersatzbank verbracht, weit weg von Hennes Weisweiler. Der Trainer der Gladbacher sitzt acht Plätze weiter links und raucht eine Zigarette nach der anderen. An diesem Tag haben beide gerade fünf Wörter miteinander gewechselt. In der Halbzeitpause hat Weisweiler gesagt: »Günter, mach dich fertig!« Netzer antwortet: »Nein.« Später wird er einmal erzählen, er habe Weisweilers Aufforderung »als ganz üble Attacke« empfunden: »Er wollte mich da opfern.«

»Ich spiele jetzt.«


Die Zuschauer ahnen davon nichts. Nach 70 Minuten fangen sie an zu rufen: NÄTTZÄRR! NÄTT-ZÄRR!! Weisweiler reagiert: Er schickt Uli Stielike zum Warmlaufen. Der Trainer der Gladbacher hat gute Gründe, seinen Kapitän nicht von Anfang an spielen zu lassen: »Er ist nicht fit«, sagt er. Außerdem hat Netzer gerade einen Vertrag bei Real Madrid unterschrieben, er hat einen Autounfall gehabt, und seine Mutter ist vor einer Woche gestorben. »Und wenn sie mich morgen steinigen: Ich stell ihn nicht auf«, sagt Weisweiler. Muss er auch nicht. Netzer stellt sich selbst auf. Vor der Verlängerung fragt er Christian Kulik. »Kannst du noch?« Kulik antwortet: »Ich bin völlig am Ende.« Netzer geht zu Weisweiler: »Ich spiele jetzt.«

Seine Trainingsjacke hat er bereits ausgezogen. Auf den Rängen bricht der Sturm los. Netzer führt den Anstoß zur Verlängerung aus. Zwei Minuten später kommt er zum zweiten Mal an den Ball. Eine Drehung, ein kurzer Sprint, dann spielt er weiter zu Rainer Bonhof. Der läuft ein paar Schritte und gibt den Ball zurück. Kurz hinter der Strafraumlinie kommt Netzer zum Schuss, mit dem linken Fuß schaufelt er den Ball ins linke Toreck. »Alle Glückszustände dieser Erde auf eine Sekunde zusammengefasst«, wird Netzer später über dieses Tor sagen, das Borussia Mönchengladbach zum zweiten Mal zum Pokalsieger macht.

»Ein Rausch, der nicht mehr zu stoppen war«

Günter Netzer kann es sich inzwischen erlauben, für die Öffentlichkeit den uneitlen Menschen zu geben; doch es gibt Themen, die an seinem Selbstverständnis rühren. Wenn man ihn zum Beispiel fragt, ob Borussia Mönchengladbach ohne ihn nicht den besseren und schöneren Fußball gespielt habe. Mit Netzer war Gladbach zweimal Meister (1970, 71) und einmal Pokalsieger, ohne ihn stand die Mannschaft 1977 im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister, sie gewann drei Meistertitel (1974 bis 76) und zweimal den UEFA-Cup (1975 und 79). »Erfolgreicher, ja«, sagt Netzer. »Aber besser? Um Gottes Willen! Diese rauschenden Fußballfeste wie beim 7:1 gegen Inter Mailand, die hat es nicht mehr gegeben.« Vermutlich hat Netzer nie besser gespielt als an jenem Abend im Oktober 1971, als die Gladbacher Inter Mailand im Achtelfinale des Europapokals regelrecht überrannten. »Plötzlich kamen wir in einen Rausch hinein, der nicht mehr zu stoppen war«, berichtet Netzer.


Es gibt wohl kein Spiel, das den Mythos Borussia Mönchengladbach besser erklärt: Das 7:1 war nicht nur ein großer Sieg, sondern zugleich die größte Niederlage der Gladbacher. Das Spiel nämlich findet sich in keiner offiziellenStatistik. Es wurde annuliert, weil nach einer halben Stunde eine leere Coladose auf das Spielfeld flog und Inters Stürmer Roberto Boninsegna traf wie der Schlag.

Für die Feuilletonisten atmeten Netzers weite Pässe den Geist der Utopie


Spätestens seit diesem Abend gehört das Scheitern zur Gladbacher Vereinsgeschichte. So wie die Verpflichtung zum schönen und offensiven Spiel, das zumindest als Erinnerung die Zeiten überdauert hat. Vielleicht hat Netzer Recht, dass sich 1973 mit ihm die Schönheit aus dem Spiel der Gladbacher verabschiedet hat. Wahrscheinlich aber ist die eigentliche Zäsur der Abschied von Hennes Weisweiler, der im Sommer 1975 zum FC Barcelona ging. Ohne den eigenwilligen Trainer ist der Aufstieg des Provinzklubs zu einem der beliebtesten Vereine in ganz Europa nicht vorstellbar. Weisweilers Denken kannte nur eine Richtung: immer nach vorne. Gladbach stürmte, manchmal auch ins eigene Verderben. Sehr viel später wird das wagemutige Spiel auch politisch überhöht und als Symbol für den gesellschaftlichen Aufbruch der verknöcherten Bundesrepublik gedeutet. Für die Feuilletonisten atmeten Netzers weite Pässe den Geist der Utopie. Borussia Mönchengladbach wäre demnach die Fortsetzung der 68er Studentenbewegung mit fußballerischen Mitteln gewesen.

In Wirklichkeit aber waren die Münchner Paul Breitner und Uli Hoeneß von den angeblich rechten Bayern sehr viel linker, als es Berti Vogts und Jupp Heynckes je gewesen sind. Und auch der 1919 geborene Weisweiler taugt nicht als Symbolfigur für den antiautoritären Geist der späten 60er. Als Weisweiler 1964 nach Mönchengladbach kam, spielten die Borussen noch in der Regionalliga. Ein Jahr später schafft er mit einer Mannschaft den Aufstieg, deren Altersschnitt bei nicht einmal 22 Jahren liegt. »Die Fohlen« werden die Gladbacher fortan genannt, weil die jungen Spieler Netzer, Heynckes, Laumen und Rupp so ungestüm über den Platz stürmen. An diesem Stil ändert sich bis 1975 wenig. Immer wieder entdeckt Weisweiler neue junge Talente und baut sie in die Mannschaft ein.

Und obwohl der Verein die besten Spieler verkaufen muss, leidet der Erfolg nicht. Auch unter Udo Lattek nicht, der 1975 Weisweilers Nachfolger wird. Aber Lattek verwaltet das Erbe nur noch, und als er vier Jahre später den Verein verlässt, ist es endgültig aufgebraucht. Die gealterte Mannschaft stürmt nicht mehr, sie spielt kontrolliert, effizient – und gerade dadurch erfolgreich. Aber sie rührt die Fantasie nicht mehr an. 1975, im Finale des UEFA-Cups, hatten die Borussen 5:1 in Enschede gewonnen. 1979 gewinnen sie den gleichen Wettbewerb durch ein dürftiges 1:0 gegen Belgrad nur dank eines umstrittenen Elfmeters. Noch am selben Abend wird Berti Vogts sagen: »Schaut euch diesen Pokal gut an: Es wird für lange Zeit der letzte sein.«