Geh` bitte nicht zu Schalke

Kringe verlängert beim BVB

Diese Schlagzeile würde BVB-Experte Sascha Roolf gerne in naher Zukunft noch einmal verwenden. Der Vertrag des Dortmunder Mittelfeldspielers Florian Kringe läuft zum Saisonende aus, doch die Westfalen sind nur eine von vielen Option. imago images
Neben den Blauen (würg) und Wolfsburg, wird vor allem Werder Bremen ein gesteigertes Interesse an ihm nachgesagt. Selbst die Bayern sollen in der letzten Saison die Fühler nach ihm ausgestreckt haben - beileibe nicht schlecht für einen Spieler, der im eigenen Verein bei einigen Fans immer noch oft als höchstens mittelmäßig betrachtet wird.

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Fangen wir mal von vorne an: `94/`95 von den Sportfreunden Siegen zum BVB gewechselt, dort die U-19 durchlaufen und den Sprung zu den „Amas“ geschafft. Da man sich anno 2002 beim BVB noch zu Höherem berufen fühlte, und der eigene Nachwuchs eher stiefmütterlich behandelt wurde, wurde Kringe für zwei Jahre zum 1. FC Köln ausgeliehen und sammelte dort Bundesligaerfahrung. Seine gezeigten Leistungen waren dort so gut, dass man ihn am liebsten am Rhein behalten hätte, aber die finanzielle Lage hatte sich in Dortmund grundlegend gewandelt, so dass man beim BVB nicht gewillt war, ihn ziehen zu lassen. Ein Glücksfall für den BVB, der ohne den Defensiv-Allrounder in den letzten Jahren so manches Mal alt ausgesehen hätte. Dede gesperrt? Kein Thema, Kringe sprang hinten rechts ein. Degen verletzt? Auch da stellte der beidfüssige Florian sich hin. Eine Vielseitigkeit, die sowohl Segen als auch Fluch war und ist.

Segen, weil er dadurch für jeden Trainer in Dortmund unverzichtbar wurde, und wohl auch mit ein Grund, warum andere Vereine ihn sehr gerne unter Vertrag nehmen würden. Fluch, weil er sich selbst im Mittelfeld am wohlsten fühlt, und seine Leistung irgendwann unter den ständigen Positionswechseln litt. Das merkt man deutlich in der laufenden Saison, in der er fast konstant im linken Mittelfeld auflaufen darf und zu einer echten Stütze der Mannschaft avancierte. Vielleicht ein Spieler, der selten der absolute Matchwinner ist, dafür aber fast nie als „Totalausfall“ auffällt. Konstanz in der Leistung -– in Dortmund ein seltenes Gut.

Sein Ex-Trainer Bert van Marwijk bezeichnete Florian Kringe einst als den „Dynamo“ des Spiels. Eine gute Charakterisierung für einen Spieler, der technisch zwar ab und an holprig wirkt, aber auf dem Feld mutig voran geht. Selbst in der schwächsten Phase seiner Karriere, der Hinrunde der letzten Saison, konnte ihm kein Kritiker den Willen absprechen. Auch nach dem fünften Ballverstolperer ließ er den Kopf nicht hängen und versuchte es fast sadistisch gegen sich selbst noch ein sechstes Mal. Erstaunlich ist dabei, dass man von Spieler aus vergangenen Zeit oft verklärt sagt: „Die haben zwar auch schlechte Spiele abgeliefert, aber wenigstens haben sie gekämpft“, während bei aktuellen Spielern, die ähnliche Tugend zeigen, die Meßlatte viel höher liegt.

Dabei ist Kringe nicht mehr nur als unermüdlicher Kämpfer auf der linken Mittelfeldseite wichtig für den BVB. Die interne Torschützenliste weist ihn mit 4 Saisontoren als drittbesten Schützen der Borussen aus. Nicht schlecht für jemanden, der noch vor kurzer Zeit als Chancentod galt. Für diesen Ruf sorgte auch der Wille, Verantwortung zu übernehmen. Wo andere den sicheren Querpass einer riskanten Schussmöglichkeit Marke „Isser drin, bist du König –- geht er daneben, bist du der Depp“ vorziehen, wählt Florian Kringe meistens die Schussmöglichkeit. Eben mit dem Ergebnis, dass zwar ab und an ein Tor wie vor zwei Jahren in Hamburg heraus sprang, er aber weitaus häufiger als der Depp da stand, weil der Ball das Tor deutlich verfehlte. Nicht zuletzt der Beharrlichkeit, nicht aufzugeben und es weiter zu versuchen, ist es zu verdanken, dass das Mittelfeld in dieser Saison deutlich torgefährlicher ist, als zuletzt.

Auch Kringes Verhalten den Fans gegenüber ist zu würdigen. Auch nach schlechten Spielen - sogar nach Spielen, in denen er gar nichts für die schlechte Leistung der Mannschaft konnte (Karlsruhe), ist er sich nicht zu schade, zu den Fans zu gehen, um sich für die Unterstützung zu bedanken. Ein Verhalten, das sich wohltuend abhebt von vielen anderen Profikickern, die Ruhm zwar gerne mitnehmen, bei drohender Kritik jedoch schnell in die Kabine entschwinden. Vor kurzem äußerte Kringe sich in den Ruhrnachtrichten zu diesem Thema so: „„Jeder Fan würde gerne mit mir tauschen. Da ist es nicht zuvielverlangt, sich nach den Spielen zu bedanken.““ Aufrichtig klingende, respektvolle Worte, statt den sonst üblichen Worthülsen von den „tollen Fans, die immer hinter uns stehen“. Und ein Respekt, der leider nicht immer erwidert wurde. Die Bierbecherwürfe von einigen Idioten gegen ihn in der letzten Saison zeugten sicherlich nicht von großer Intelligenz der Werfer. Dass er trotzdem weiterhin nach Abpfiff Richtung Fanblock geht, lässt sich im Ruhrpottdeutsch am besten mit „Arsch inner Buchse haben“ beschreiben.

Aber wie geht es nun weiter mit ihm? Sportlich und finanziell wird es der BVB schwer haben mitzuhalten, wenn Werder sein Bemühen intensiviert. Und man kann es Kringe nicht verübeln, wenn er der Aussicht auf die Champions-League erliegt. In Dortmund hat er allerdings die Perspektive, zum Führungsspieler zu wachsen. Bei einem Verein, in dem auch heute noch viele Fans den Kämpfertypen zu würdigen wissen. Sein Abgang würde den BVB auf jeden Fall schwer treffen und die hinterlassene Lücke schwer zu schließen sein.

So bleiben nur der Wunsch und die Hoffnung, dass sich Kringe für eine Vertragsverlängerung beim BVB entscheidet und dem Verein erhalten bleibt. Und leise in Gedanken sei hinzugefügt: „Und wenn du gehen musst, dann bitte nicht nach Gelsenkirchen. Dich beim Derby in blau-weiss auf der gegnerischen Seite zu sehen, das wäre unendlich bitter.“