Gefallene Großklubs: Rayo Vallecano

Offensiv in den Abgrund

Rayo Vallecano zahlte jahrelang keine Ablöse für Spieler und mischte mit Offensivfußball, einem verrückten Trainer und einer Horde Namenloser ganz Spanien auf. Jetzt wurde ihnen die eigene Courage zum Verhängnis.

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Okay, so eine große Nummer ist Rayo Vallecano nicht. Waren sie nie. Werden sie auch nie sein. Zumindest nicht im Fußball. Daher drängt sich die Frage auf, warum in einer Serie über gescheiterte große Clubs nun der Verein aus einem Stadtteil Madrids auftaucht, dessen größter Erfolg der Neuzeit die Teilnahme am UEFA-Cup im Jahre 2000 gewesen ist. Wieso Rayo Vallecano in dieser Reihe seine Berechtigung hat? 

Ganz einfach: Weil sie sich über Jahre hinweg mit äußerst geringem Etat im Oberhaus Fußball-Spaniens befanden. Doch nun bröckelt das gesamte Projekt nicht nur – es droht der Selbstzerfall. Aber alles der Reihe nach.

In besagter UEFA-Cup-Saison 2000/2001 erreichte der Verein, der erst 1998 in die höchste spanische Spielklasse aufgestiegen war, immerhin das Viertelfinale, wo man dem späteren Finalisten Deportivo Alavés unterlag. Dies sollte der bis dahin letzte Auftritt der Madrilenen auf internationaler Bühne gewesen sein. 2004 stieg der Verein sogar in die dritte Liga ab. Fehlende Gehälter für bessere Spieler und ein Durchschnittsalter des Kaders, das sich stets um die 30 Jahre bewegte, sollten den Verein ständig verfolgen. Trotzdem gelang 2011 der Wiederaufstieg in La Liga. Die Debütsaison verlief durchwachsen und endete mit einem 15. Platz. Woraufhin ein kahlköpfiger Trainer nach Vallecas kam, der mit seiner mutigen und teils chaotischen Spielweise einer der wichtigsten Protagonisten in Rayos Vereinshistorie werden sollte: Francisco Jémez Martín – Paco eben.

Lieber 5:3 als 2:0 gewinnen

Der exzentrische Spanier formte seine Mannen zu einem Team, das dem FC Barcelona im eigenen Stadion(!) den Ballbesitz streitig machen konnte und gegen die großen Teams wie Real oder Atlético immer für eine Überraschung gut war. Neben Unentschieden oder langen Führungen bis kurz vor Schluss waren auch 10:2-Niederlagen wie gegen Real Madrid 2015 dabei. Denn auch das war Rayo: So sparsam sie immer auf dem Transfermarkt handeln mussten (der letzte Spieler, für den seit 2000 eine Ablöse gezahlt wurde, war Johan Mojica im Jahr 2014 [500 Tsd. €]), so spektakulär und ausgiebig widmeten sie sich dem Erzielen und Kassieren von Toren.

Unter Paco standen sie stets für Spektakel. Ein bisschen wie Werder Bremen unter Schaaf – lieber ein 5:3 als ein 2:0. In jeder Saison erzielten sie mindestens 46 Treffer, kassierten aber reichlich Treffer, wodurch die Tordifferenz stets im für die Tabellenregion hohen negativen Bereich lag. Dabei scheuten sie sich vor allem dank ihres Trainers nie, neue Dinge auszuprobieren. Paco wechselte Formationen, Intensitäten und Spieler je nach Situation.

Rayo Vallecano war über einen kurzen Zeitraum eine der sympathischsten Mannschaften Europas. Sie stellten als Mannschaft Oberflächlichkeiten wie Marktwert oder Prestige beiseite und machten einfach das, was sich die kleinen Vereine insbesondere aus der Bundesliga zum Vorbild nehmen sollten: sie spielten Fußball. Spielkultur hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit Konsequenz und Mut. Schade eigentlich, dass wir nicht mehr so schnell zu sehen bekommen, wie Rayo mit zwei Mann weniger offensiven Fußball im Estadio Santiago Bernabeu spielt.