Gareth Bale, Hoffnung der Insel

Virtuos am Flügel

Vor einem Monat stand Europas Fußball Kopf – nicht weil Inter 4:3 gegen Tottenham gewonnen hatte, sondern weil Gareth Bale die beste Defensive der Welt aussehen ließ wie ein Seniorenheim. Heute spielt er gegen Clemens Fritz. Ein Porträt. Gareth Bale, Hoffnung der InselImago Der Brasilianer Maicon, keine eineinhalb Stunden zuvor noch einer der besten Rechtsverteidiger der Welt, war sichtlich angeschlagen. »Es war unmöglich, ihn zu kontrollieren«, sagte er mit dünner Stimme und der Respekt für seinen jungen Gegenspieler mischte sich mit einem leichten Schwindel. 90 Minuten lang hatte der 21-jährige Waliser Gareth Bale zum Tanz gebeten.

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Es war ein ungleiches Duell. Tottenhams Flügelstürmer war für Inters Verteidiger zu keiner Zeit greifbar und seine Pässe schnitten mit chirurgischer Präzision in Inters Viererkette. Nachdem er bereits im Hinspiel im San Siro einen 0:4 Rückstand mit einem Hattrick noch kosmetisch korrigiert hatte, inszenierte er nun die Tore durch Crouch und Pavlyuchenko. Jede Vorlage dabei ein Kunstwerk aus Technik, Übersicht dem instinktiv richtigen Timing bei der Hereingabe. Nach dem Spiel huschten Vergleiche mit Messi und Cristiano Ronaldo durch die Mixed-Zone und Tottenhams Regisseur Rafael van der Vaart lachte in die Kameras und sagte nur: »Gareth hat Maicon gekillt.«

Keiner, der im Scheinwerferlicht badet

Gareth Bale stand etwas versetzt hinter dem Holländer und wusste nicht so genau, was er jetzt noch sagen sollte, wo doch schon alles über ihn gesagt war. Er fuhr sich verlegen durch das noch nasse Haar und erinnerte eher an einen verschüchterten Konfirmanden, als an einen kommenden Weltstar. Gareth Bale, den sein Trainer Harry Redknapp, als einen »netten Jungen« bezeichnet, ist keiner, der im Scheinwerferlicht badet. Weil er genau weiß wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Absturz sein kann. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Bale, derzeit einer der aufregendsten Fußballer der Premier League, ein Talent war, das nach einer schweren Verletzung um seine Karriere kämpfen musste.

Als er im Mai 2007 aus Southampton nach Tottenham wechselt, gilt er als großes Versprechen. Ein Jahrhunderttalent. Mindestens. Ein Jahr zuvor hatte er mit 16 Jahren als jüngster Spieler aller Zeiten für Wales debütiert. Der Durchbruch, auch in der Premier League scheint nur eine Frage der Zeit. In den ersten fünf Spielen erzielt er gleich drei Tore, darunter eines im Londoner Derby gegen Arsenal. Doch im Dezember 2007 reißen die Bänder im rechten Sprunggelenk. Bale muss operiert werden, fällt acht Monate aus. Auch ein Ende seiner Karriere scheint möglich. Sie hängt an einem Nagel in seinem Knöchel. Bale kämpft, hat aber Schwierigkeiten, sich einen Stammplatz zu erspielen.

Dazu scheint ein Fluch auf ihm zu lasten. In seinen ersten 24 Premier League Spielen für Tottenham gelingt ihm kein Sieg. Im Fußball, einem fruchtbaren Nährboden für Aberglauben jeglicher Art, wird diese Negativ-Serie schnell zum Stigma. Selbst Teammanager Harry Redknapp beginnt zu zweifeln, erlöst Bale aber schließlich auf seine Art. Gegen Burnley wechselt er ihn in der 85. Minute beim Stand von 4:0 ein. Tottenham siegt und Bale streift sein schlechtes Karma ab wie ein zu enges Trikot. Der Sieg gegen Burnley ist sein Neuanfang. Der Beginn einer Entwicklung zu einem der besten linken Mittelfeldspieler Europas, die gegen Inter seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Die Sehnsucht der Fans nach dem britischen Moment

Seit dieser Nacht ruhen auch in England die Hoffnungen auf dem Waliser. Der Premier-League gehen die lokalen Helden, die Identifikationsfiguren aus. Noch vor wenigen Jahren bestimmten unberechenbare Exzentriker wie der Ire Roy Keane, Robbie Fowler oder Paul Gascoigne, Spieler zwischen Genie und Sperrstunde, das Gesicht einer Liga, die längst unumkehrbar globalisiert worden ist. Da kommt einer wie Bale gerade recht. Ein Künstler am Ball, aber doch ein Star ohne Allüren. In den Lobeshymnen für Bale spiegelt sich deshalb auch die Sehnsucht der Fans nach dem britischen Moment im Fußball auf der Insel.

Und Bale ist durchaus in der Lage, diese Sehnsucht zu stillen. Auch, weil sein virtuoses Spiel auf dem Flügel und besonders seine Persönlichkeit unweigerlich an Ryan Giggs erinnern, den Waliser von Manchester United, der seine Karriere voraussichtlich nach dieser Saison beenden wird. Giggs ist Bales großes Vorbild, er wird auf absehbare Zeit in dessen Fußstapfen treten. Für die Engländer liegt aber genau darin eine gewisse Tragik. Genau wie bei Giggs leiden sie nun auch bei Bale daran, dass er in Cardiff, auf der falschen Seite der innerbritischen geboren wurde. Und Bale selbst teilt Giggs’ Schicksal als bester Spieler des kleinen Landes wahrscheinlich nie an einer Welt- oder Europameisterschaft teilzunehmen. Die Champions League ist für ihn als internationale Bühne deshalb umso wichtiger. Bisher hat er sie eindrucksvoll genutzt. Die nächste Tanzeinlage soll nun gegen Bremen folgen.