Fußballprofi hier, Pornostar in Schottland

Der Hype in Schottland

Lehmann schaute sich danach einen kurzen Ausschnitt aus dem Film an, doch er fand nicht, dass er und Dirk Diggler eine große Ähnlichkeit hatten. Aber was sollte er machen, auch der Spitzname hatte sich da längst über die Grenzen Londons verbreitet, und so begrüßten ihn die Leute in Blackpool, Leeds oder Birmingham ebenfalls mit »Mr. Diggler«, während Freunde aus Deutschland anriefen und sagten: »Hey Diggler, wie geht’s?«
 
Der Spieler konnte drüber lachen. Als er mal mit einem Mitspieler im Taxi saß, erzählte er dem Fahrer, dass Kevin Keegan ihn tatsächlich aus dem Sumpf der Porno-Industrie gerettet habe. Der Fahrer war baff. Es stimmte also. Auch andere konnten irgendwann die Ironie nicht mehr fassen, die Geschichte war einfach zu gut. In der Disco folgten sie ihm nun immer häufiger auf die Toilette, um zu überprüfen, ob er wirklich 40 Zentimeter in der Hose habe.

Gefangen im Porno-Gag
 
Fußball spielte Lehmann in der Zeit auch, recht ordentlich sogar. Mit Fulham stieg er auf, und plötzlich lagen ihm über 25 Angebote aus England und Schottland vor. Er entschied sich – vielleicht auch, um dem Porno-Gag zu entkommen – für den Edinburgher Erstligisten Hibernian FC. Dort wurde es fast noch schlimmer. In der schottischen Hauptstadt konnte er kaum ungestört die Straße überqueren, ohne dass er von irgendwoher das Wort »Pornostar« vernahm. Das Trikot mit der Neun und der Aufschrift »Porno« war schon wenige Wochen nach seiner Verpflichtung das meistverkaufte.
 
Zugleich entwickelte sich ein neuer Trend: Kinder klebten nun freiwillig ihre Ohrläppchen mit weißen Pflastern ab, so wie es Lehmann im Spiel tat, um seine Ohrringe zu schützen. Vielleicht wurde es ihm da zu viel. Über Brighton & Hove Albion ging er zum schottischen Klub FC Motherwell. Nach seiner Ankunft sagte er: »ich habe nun meinen Schnauzer abrasiert, und ich trage nur noch zwei Ohrringe.« Langsam wurde es ruhiger um ihn.
 
Heute trainiert Lehmann den Kreisligisten Alemannia Bourheim. Auch die blonden Strähnen sind weg. Dennoch: Einen edlen Spitznamen wie »Dirk Diggler« wird man nicht einfach so los. Das weiß auch Lehmann. »Einmal Pornostar, immer Pornostar«, sagte er mal dem Spiegel. In Schottland und England nennen sie ihn immer noch Dirk Diggler. Dabei hat er den Film »Boogie Nights« bis heute noch nie komplett gesehen.