Fußball schauen mit einem russischen Ex-Hool

Keilereien abseits der Wahrnehmung

Tatsächlich ist vor allem Moskau voll von südamerikanischen Fans, selbst die Peruaner sind noch da, obwohl ihr Team längst ausgeschieden ist. Jeden Abend feiern sie mit tausenden Menschen aus aller Welt eine große Party auf der Nikolskaya Straße, die sich in der Nähe des Roten Platzes befindet. Sie tanzen, sie nehmen sich in den Arm, sie trinken Bier auf der Straße. Eigentlich ist das illegal, zumindest die Sache mit dem Bier. Aber was soll die Polizei machen?

»Viele Menschen spüren momentan eine große Freiheit. Eine Freiheit, die für viele völlig unbekannt ist«, sagt Jewgeni. »Ich sehe dort jeden Abend junge Hools von Spartak oder ZSKA, die überhaupt kein Interesse daran hätten, diese positive neue Atmosphäre zu zerstören.«

Mit Putin anlegen? Nein danke

Die meisten Hooligans sind eh nicht mehr in den WM-Städten. Vor dem Turnier bekamen sie Hausbesuche, einige erhielten sogar Drohanrufe. Die Ansage lautete: Datscha oder Sibirien! Was so viel heißt wie: Wenn ihr während der WM nicht in den Urlaub fahrt, geht’s ab ins Arbeitslager.

Auch Denis Nikitin hat das Weite gesucht. Der Betreiber der Neonazi-Klamottenmarke »White Rex« gilt in der russischen Hooliganszene als treibende Kraft, 2016 soll er maßgeblich an den Krawallen beteiligt gewesen sein. Wenige Tage nach Turnierstart schreibt er eine Nachricht: »Ich habe Moskau verlassen für die WM-Zeit.« Mit Wladimir Putin möchte auch er sich nicht anlegen.

Was, wenn die Russen ausscheiden?

Jahrelang haben Politiker die Schläger genährt und protegiert. Einige arbeiteten im Sicherheitsdienst von hochrangigen Politikern. Der Hooligan und Neonazi Alexander Schprygin, ein Duzfreund von Putin, fuhr sogar als russischer Fanbeauftragter zur EM 2016. Aber in diesen Wochen sollen Russlands Fassaden glänzen, das Land soll sich offen und bunt präsentieren, sogar die Regenbogenflagge darf mal hängen. Und da kann Putin keine Schprygins, Nikitins oder andere Schlägertypen gebrauchen.

Trotzdem kann heute natürlich niemand Garantien geben, dass es auch die nächsten zwei Wochen ruhig bleibt in Russland. Was passiert, wenn die Sbornaja ausscheidet? Wenn die Kroaten, die ebenfalls eine nicht gerade pazifistische Hooliganszene haben, im Viertelfinale auf die Russen treffen? Wenn sich Engländer und Russen im Halbfinale treffen? Wenn Männer am falschen Ort und zur falschen Zeit viel Alkohol trinken?

Gerüchte über Gerüchte

Es habe ja weitere Keilereien gegeben, die kaum jemand mitbekommen hat, sagt Jewgeni. Portugiesen etwa sind mit Spaniern aneinandergeraten. Ein West-Ham-Fan soll in einem Zug randaliert haben. Schwedische Fans hätten sich in Nischni Nowgorod ein wenig gekeilt. Aber es war nichts Ernstes bislang. Alles eher Kategorie B als C – der Gewalt also nicht abgeneigt, aber auch nicht unbedingt aktiv danach suchend.

Das Spiel Kolumbien gegen England könnte brisant werden, sagt Jewgeni schließlich, weil die Fans zusammen in der Metro zurück in die Stadt fahren. Und es gibt das Gerücht, dass das Fanfest am Sonntag nicht wegen des schlechten Wetters abgesagt wurde, sondern weil die Veranstalter Angst hatten, die Russen könnten ausscheiden.

»Aber das ist nur ein Gerücht«, sagt Jewgeni. »Und davon gibt es in Russland sehr viele.«