Fußball schauen mit einem russischen Ex-Hool

Mediale Hysterie und Mangosaft

Parallel studierte Jewgeni Jura, promovierte sogar. Aber als Anwalt hat er nie gearbeitet. »Das kann man nicht in Russland«, sagt er. »Nicht in Putins Mafia-System.« Eines Tages ließ er es gut sein mit den Prügeleien. Er trat einem Kirchenchor bei und fand den Weg zu Gott. Heute, sagt er, assistiert er bei Exorzismen. Und weil das alles wirklich ein wenig verrückt klingt, sagt er: »Kein Scherz.«

Sei ja ein bisschen wie früher, als er seinen Kontrahenten auf der Straße die Seele aus dem Leib prügelte. So zieht er heute den Menschen den Teufel aus dem Körper.

Ein Festival der Gewalt?

Vor der WM war die Sorge groß, dass Hooligans in Russland alles kurz und klein schlagen. So wie in Marseille, bei der EM 2016, als 200 kampfsporterprobte russische Junghools 2000 Fans aus England durch die Stadt jagten. Einige Schläger kündigten danach für die WM 2018 ein »Festival der Gewalt« an. Einer sagte in einer BBC-Dokumentation: »Wenn du in dieses Land mit dem Schwert kommst, wirst du durch dieses Schwert sterben.«

Vor allem die britische Presse warnte beinahe täglich vor der Reise nach Russland. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb vergleichsweise wenige Fans aus England ihre Nationalmannschaft begleiten.

Zu groß, zu teuer, zu aufgeblasen

Jewgeni hat der medialen Hysterie von Anfang an nicht getraut. Er ist immer noch gut vernetzt in der Szene und bewegt sich durch die Stadt wie ein Pate. Er ist ein »Top Boy«, wie man im Hooligan-Milieu sagt. In der Fußballkneipe räumen sie die Tische frei, wenn er kommt. Sie nicken ihm ehrfurchtsvoll zu, wenn er sich setzt. »Ein Mango-Saft«, sagt er. Und in Sekundenbruchteilen steht jemand neben ihm und gießt ein.

Die WM-Spiele verfolgt er nicht im Stadion, zu groß, zu teuer, zu aufgeblasen. Aber klar, am Fernseher schaue er sich das alles schon aus, so wie heute, Uruguay gegen Portugal. »Ich hoffe, dass die Südamerikaner weit kommen«, sagt er. »Die Fans entspannen die ganze Situation mit ihrer positiven Art sehr.«