Fußball, meine Leben & ich: Bernd Patzke

»Kaum noch Zähne im Mund«

Der Rekordnationalspieler von 1860 München gewann in drei Ländern Meistertitel, überstand die Hitze des Jahrhundertspiels und die Wirren des Bundesligaskandals. Heute wird er 75. Hier blickt er auf seine Karriere zurück.

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Bernd Patzke, Sie haben in den siebziger und achtziger Jahren über 300 Spiele für den FC Schmiere absolviert, das Münchner Promiteam von Kabarettist Sammy Drechsel, dem Autor des Romans »11 Freunde müsst ihr sein«.
Wäre es nach Sammy gegangen, hätten wir noch viel öfter gespielt, so verrückt war der nach Fußball. Vor Spielen rief er oft nachts an, um mit mir die Aufstellung durchzusprechen. Ich sagte: »Sammy, lass mich schlafen, sag mir nur, wo ich morgen hinkommen soll.« 

Beim FC Schmiere spielte alles, was in Kunst und Fußball Rang und Namen hatte.
Sammy konnte schlecht verlieren. Er stellte immer so auf, dass wir die Besseren waren. Gegen starke Gegner holte er viele Ex-Profis dazu. War der Gegner nicht so stark war, spielten Leute wie der Schauspieler Maximilian Schell, Sterne-Koch Eckart Witzigmann oder Kabarettist Werner Schneyder. 

Ihre Profilaufbahn begann 1962, als Sie mit 19 Jahren von Minerva 93 Berlin zu Standard Lüttich wechselten.
Deren Trainer hatte mich bei einem Jugendturnier in Portugal gesehen, als ich in Berlin gerade meinen Gesellenbrief als Kaminkehrer gemacht hatte. Hertha BSC wollte mich zwar auch haben, aber die Belgier verdoppelten das Handgeld auf 40 000 Mark. 

Viel Geld für einen 19-jährigen Schornsteinfeger.
Mein Vater zuckte mit den Schultern und sagte: »Tja, musste selbst wissen, ob du das machen willst.« Ich hatte nichts zu verlieren. In Belgien bekam ich ein Nettogehalt ausgezahlt, Kost und Logis waren frei. Und wenn ich keinen Erfolg gehabt hätte, wäre ich zurück nach Berlin gegangen und hätte den Meisterbrief gemacht.

Was unterschied Belgien damals von Deutschland?
Dort war alles generalstabsmäßig organisiert. Wenn das Training um 10 Uhr begann, mussten wir um 9.45 Uhr umgezogen in der Geschäftsstelle stehen und unsere Anwesenheit per Unterschrift quittieren.

Wie wurden Sie als Deutscher empfangen?
Zu Hause in Lüttich feierten mich die Fans, aber auswärts schrien oft Leute »Adolf«, wenn sie mich sahen. Der Zweite Weltkrieg war ja gerade mal 17 Jahre her. 

Hat Sie das beeinträchtigt?
Ich konnte die Wut auf die Deutschen verstehen, auch wenn ich selbst nichts damit zu tun hatte. In Lüttich hatte ich eine Freundin, deren Vater Metzger war. Als ich sie eines Tages zu Hause abholte, hatte sie ihren Eltern offenbar erzählt, dass sie mit einem Deutschen verabredet ist. Als ich vorfuhr, stand plötzlich ein Mann vor dem Auto und schwenkte ein Beil. Ich sah zu, dass ich Land gewinne. 

Was waren Sie als Linksverteidiger für ein Spieler?
Abwehrspieler waren zu dieser Zeit eher rustikale Typen. Sepp Herberger sagte mal zu mir: »Bernd, für einen Verteidiger sind Sie eigentlich ein zu guter Fußballer.«

Hatte er Recht?
Denke schon. Ich hatte ein gutes Auge, die technischen Fähigkeiten, aber ich konnte auch zulangen. 

1964 wechselten Sie zu 1860 München, obwohl Sie erneut ein Angebot von Hertha BSC hatten.
1860 bot mir mehr Geld als Hertha.