Fußball-Familie Burchert

Die Jungs von nebenan

Der Fußball und seine Brüder: Die Torhüter Sascha (Hertha BSC) und Nico Burchert (Paderborn) reihen sich ein in eine illustre Reihe an verwandten Profi-Fußballern. Wir haben die Fußballer-Familie aus Berlin besucht. Kaffe, Kekse, Anekdoten. Fußball-Familie Burchert
Es wird viel gelacht und sehr viel geredet in dem Raum auf dem Vereinsgelände des SV Wartenberg. In gemütlicher Runde erinnern sich Detlef Genz und Dieter Müller. An die beiden Jungs, die sie vor Jahren trainiert haben. Die immer mit vollem Einsatz dabei waren. Und beide von Anfang an im Tor stehen wollten. An ihre Eltern, von denen immer einer beim Training dabei war. Daran, dass die Eltern die Jungs unterstützt, aber eben nicht gezwungen haben. Ob klar war, dass aus den beiden was werden würde? Von Anfang an. »Der Große« und »der Kleine« waren ehrgeizig.  Die beiden Trainer denken zurück, wie »der Kleine« schon damals seine Vordermänner zusammen geschrien hat. Der Trainingsplatz liegt ein Stück entfernt vom Vereinshaus, aber seine Anweisungen konnte man dort trotzdem noch hören. Damals war er zehn Jahre alt.

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»Der Kleine« ist Sascha Burchert (20) und spielt heute bei der frisch abgestiegenen Hertha aus Berlin. Sein Bruder Nico Burchert (22) ist »der Große« und steht beim SC Paderborn unter Vertrag. Beide Brüder in den höchsten deutschen Spielklassen. Da müssen die Eltern doch bestimmt sehr stolz sein. Dieter Müller nickt. Sind sie auch. Ganz liebe Leute. Wohnen immer noch um die Ecke. Eigentlich könnte man ja auch mal vorbei schauen. Wenn Licht brennt, gehen wir auf nen Kaffe hoch, wenn nicht, dann eben nicht. Also rein ins Auto und auf zur Familie Burchert. Wir haben Glück, es brennt noch Licht. Lars, der älteste Bruder, öffnet die Tür. Dieter Müller erklärt und schon geht’s rein, zum Gespräch auf die Couch. Es gibt Kaffe, Kekse und viele Anekdoten.  

Er kommt oft zu Besuch – Sky funktioniert bei ihm nicht

Frau Burchert erzählt, wie die drei Brüder auf die Sportschule gekommen sind. Nacheinander und nicht wirklich geplant. Aber sie wollten es, also bekamen sie elterliche Unterstützung. Die drei Jungs haben ein enges Verhältnis, sie telefonieren fast jeden Tag. »Ich erfahr immer alles als Letzte«, sagt Frau Burchert und lächelt. »Manchmal muss ich Sascha oder Lars fragen, wie es Nico so geht.« Sascha sehen die Eltern dann doch noch relativ häufig. Wenn er bei den Amateuren im Tor steht, gehen sie zum Spiel. Und zum Fußball gucken kommt er auch zu Ihnen. Bei ihm funktioniert Sky nicht. Frau Burchert zählt auf: Bundesliga, Champions League, Europa League und DFB-Pokal. Viele Möglichkeiten, das eigene Kind zu sehen. Und Nico? Der kommt nach Berlin, wenn es mal passt. Trainingsfreie Tage und natürlich an den Feiertagen. Wenn es doch mal nicht klappen sollte, fahren die Eltern eben nach Paderborn und besuchen ihn. »Nach sechs Wochen fangen meine Mutterbänder an zu ziehen.«, verrät Frau Burchert. Sie ist stolz auf ihre Jungs. Auf das, was aus den »kleinen Menschen« geworden ist. Trotzdem wundert sie sich. Über die Fans. »Die behandeln die Jungs ja wie Götter, dabei sind das doch auch nur normale Jungs.«

Wenn sie Sascha ärgern wollen, sprechen sie vom St. Pauli-Spiel. Seinem ersten Spiel im großen Tor. Ausgerechnet bei der Sichtung von Hertha. Natürlich bekam er da einige rein. Wie viele, wissen die beiden nicht mehr genau. Hertha hat ihn trotzdem genommen. Die Jungs besorgen Ihnen auch Karten für den VIP-Bereich. Das sei ganz lieb. Aber eigentlich sitzen sie lieber im normalen Bereich. »Wir leben Fußball und das kann auch mal ein bisschen lauter werden.« Von der Couch geht es ins Nachbarzimmer. Das früher mal Nico gehört hat. Inzwischen ist es eine Ehrenhalle. Trikots, Pokale, Medaillen, Poster und Fotos der Jungs hängen und stehen im Zimmer verteilt. Blickfang ist jedoch der Kickertisch. Mit selbstbemalten Figuren. Im Blau der Paderborner und den schwarz-roten Auswärtstrikots von Hertha. Originalgetreu mit Werbung auf den Banden, Tornetzen, Bildern. Alles selbstgebastelt, sogar die Tornetze. Darauf werden bei Familientreffen dann Turniere ausgetragen. Welche Mannschaft gewinnt am häufigsten? Frau Burchert verrät es. Mal schauen, was die Jungs dazu sagen.  

Sascha sitzt im Wiener Caféhaus, vor ihm eine Apfelschorle und er erzählt. Davon, wie er mit Nico zusammen gespielt hat in der U23 von Hertha. Dass es eine schöne Zeit war. Sie konnten zusammen trainieren und haben auch oft länger gemacht. Heute wäre es nicht mehr so einfach, mit ihm in einem Verein zu spielen. Damals wollten sie eben voneinander lernen und sich gegenseitig auch etwas beibringen. Als Konkurrenten geht das ja nicht mehr, schließlich will man seinem Gegenüber keinen Vorteil verschaffen, der ihn dem heißumkämpften Platz im Tor näher bringt. Also lieber in unterschiedlichen Vereinen.

Sechs Tore beim Bewerbungsspiel

An das St. Pauli-Spiel kann er sich auch noch erinnern. Sogar an das Ergebnis. 6:5. Er musste sechs Mal hinter sich greifen. Aber er war gut genug, um von Hertha genommen zu werden. Und er plant mit Hertha. Schließlich hat er gerade seinen Vertrag verlängert. Und noch spielt auch sein großes Vorbild hier. Jaroslav Drobný, von dem er unheimlich viel lernen konnte. Generell ist das seine Stärke. Das umzusetzen, was er verbessern kann. Was man ihm sagt. Er nimmt sich die Ratschläge und Tipps zu Herzen und macht es dann am nächsten Tag besser. Schließlich ist er Profi. Irgendwann hat er sich entscheiden müssen, ob er Fußball weiter mit Freunden zum Spaß spielt oder den Weg eines Profis einschlägt. Sascha hat sich fürs Profidasein entschieden. Er lehnt sich nicht zurück und schaut, was er geschafft hat. Er arbeitet daran, noch viel weiter zu kommen. Er ist auch kein typischer Jungprofi, der mit Partys Schlagzeilen macht. »Seit ich meinen Profivertrag habe, bin ich eigentlich nicht mehr feiern gewesen. Da geh ich lieber ins Kino oder mach mir einen gemütlich Abend auf der Couch.«

Mit seinem Bruder versteht er sich gut. Wenn er mit Nico telefoniert, dann reden sie über Torwarthandschuhe. Kommt Nico nach Berlin und es ist trainingsfreie Zeit, dann laufen die beiden zusammen. Schließlich muss man sich fit halten und wie ginge das besser, als mit jemandem, der dasselbe macht wie man selbst? Unter Konkurrenzdruck haben sie nie gestanden, Nico ist zwei Jahre älter, da kam es selten vor, dass Sascha in den höheren Klassen aushelfen musste. Bis auf die 4 oder 5 Spiele bei der U23 von Hertha haben sie nie zusammen gespielt. Es kommt auch die Frage nach dem Sieger der Tischkickerturniere. Natürlich Hertha. Gut zu wissen.  

Früher S-Bahn, heute Auto

Nico ist am Telefon. »Ich bin der einzige Burchert, mit dem Sie noch nicht gesprochen haben.« Das wird sich ändern. Er findet nicht, dass er viel erreicht hat. Ebenso wie sein Bruder ist er der Meinung, noch viel arbeiten zu müssen, bevor er das von sich behaupten kann. Trotzdem genießt er, was er hat. »Schon verrückt, wenn man mal zurückdenkt. Früher mussten wir nach der Schule rennen, um unsere S-Bahn zu kriegen und pünktlich zum Training zu kommen. Heute kann man ganz gemütlich mit seinem eigenen Auto nach dem Training nach Hause fahren.« In Paderborn sind die Straßen ja auch etwas weniger hektisch befahren, als in Berlin. Allerdings fehlt ihm Berlin. Besonders natürlich seine Familie. Aber auch die »Alte Dame« hat immer noch einen Platz in seinem Herzen. Denn er ist ein Berliner Jung. Trotzdem behauptet er, dass Paderborn am Kickertisch die Gewinnermannschaft sei, nicht Hertha. Aha.

Obwohl Paderborn ruhiger als Berlin ist, kommt Nico dort mehr zum Feiern, als Sascha in der Großstadt. Schließlich gibt es Karneval und Aufstiegsfeiern. Die verbringt Nico dann nicht auf der Couch, sondern lieber mittendrin.

Wir kommen auf die Torwarthandschuhe zu sprechen. Ein Lieblingsthema? Auf jeden Fall. Er ist da sehr akribisch, denn die Handschuhe sind schließlich wichtig für einen Torwart. Nico sammelt auch Handschuhe anderer Torhüter. Seine ersten bekam er damals noch von Martin Pieckenhagen. Inzwischen hat er auch welche von Király und Hildebrand. Doch die Jungs reden nicht nur über Fußball. Sondern auch über Autos. Sie schrauben daran rum und reden darüber. Männer, Fußball und Autos. Da hatte Frau Burchert eindeutig Recht: Das sind doch auch nur normale Jungs.