Fußball

Die zwölfte Runde

Bereits nach dem dritten Spieltag ist die Bundesliga den ersten Trainer los. Hannover trennt sich von Peter Neururer und begibt sich auf die Suche nach einem Typ Klinsmann, der die historische Misere beenden soll. 96-Boss Martin Kind möchte, da er sich nicht selbst um alles kümmern kann, außerdem einen zweiten Schweizer verpflichten: René C. Jäggi. Sein Landsmann Ilja Kaenzig steht aufgrund seiner eher durchwachsenen Einkaufspolitik im Zentrum der Kritik. Imago Es war der schlechteste Saisonstart seit 35 Jahren: drei Spiele, zwei Heimniederlagen, darunter die jüngste Klatsche gegen den Aufsteiger aus Aachen, elf Gegentore und kein einziger Punkt. Eine äußerst fatale Bilanz, wie sich herausstellen sollte. Bereits am Samstag waren die Zeichen der Resignation kaum zu übersehen. Schier ratlos, den Kopf schüttelnd, und wie an der Träge einer Zeitlupe leidend, verließ Peter Neururer, Trainer von Hannover 96, seine Bank. Begleitet von unüberhörbaren Pfiffen der enttäuschten Fans. Am Dienstag und am Mittwoch übernahm Co-Trainer Thomas Kristl vorsorglich das Mannschaftraining, während Neururer von Interview zu Krisensitzung und wieder zurück raste. „Hannover ist mein zwölfter Job als Trainer. So wie hier habe ich das noch nie erlebt“, fasste er die Erfahrungen zusammen, die er seit dem 9. November, dem Tag als er das Erbe Ewald Lienens antrat, gesammelt hatte. „Grundsätzlich möchte ich weitermachen“, sagte er an anderer Stelle, doch da war die Entscheidung bereits gefallen. Die Liga vermeldet die erste Trainerentlassung der Saison. Das ist Nummer 297 seit dem Gründungsjahr 1963.

Eigentlich dauert die sportliche Talfahrt der Niedersachsen schon länger an. Mittlerweile sind es elf Punktspiele in erfolgloser Serie. Konsequent kann daher nur sein, die anstehende Ursachenforschung nicht ausschließlich auf dem Rücken des Trainers auszutragen. Ilja Kaenzig, Manager der Roten und mitverantwortlich für die offenbar verfehlte Einkaufspolitik, steht daher ebenfalls in der Kritik und muss sich darauf einstellen, dass womöglich sein Landsmann René C. Jäggi bald der Führungsetage angehören wird. Seit zwei Monaten buhlt 96-Boss Martin Kind um die Gunst des Schweizers. Eine Entscheidung soll bis Ende der Woche erfolgen. „Entweder wir einigen uns bis dahin [...]. Oder wir einigen uns nicht, und dann wird es eine andere Lösung geben“, so Kind. Etwas beliebig klingt das.

Aufbauen nicht retten

Im Fall der Trainerfrage geht das Namenskarussell hingegen schon fast in Willkür über: Dieter Eilts, U21-Nationaltrainer, gilt wahrscheinlich als Wunschkandidat, gleich dahinter rangiert der ehemalige 96-Profi und heutige Aachen-Trainer Dieter Hecking; Jürgen Kohler hatte sich zunächst selbst ins Gespräch gebracht, verabschiedete sich aber anschließend in die Elfenbeinküste, um die dortige Nationalmannschaft zu betreuen; dann sind da noch Bruno Labbadia und die beiden Jäggi-Vertrauten Christian Gross (FC Basel) und Erik Gerets (Galatasaray Istanbul). Eines steht jedoch schonfest: Der Neue soll nicht wieder ein kurzfristiger „Retter“, sondern ein nachhaltiger „Aufbauer“ sein. Martin Kind schwebt eine „zukunftsorientierte Entscheidung vor, die mutig und risikobehaftet sein kann.“ Einer aus der jungen Generation, einer wie Klinsmann, Doll oder Klopp. Spätestens bis zum DFB-Pokalspiel am 9. September beim Regionalligisten Dynamo Dresden soll ein Trainer präsentiert werden.

Ob er die nächste Runde erreichen, und die frustrierte Mannschaft aus dem Ligakeller holen kann, daran wird sich der neue Trainer messen lassen. Allzu viel Zeit für Experimente darf er in Anbetracht der prekären Lage und des nervösem Umfelds nicht erwarten. Vielleicht sollte er wieder auf Thomas Brdaric zurückgreifen. Mit der Verbannung des Stürmers auf die Tribüne hat sich Neururer freilich keine Freunde gemacht. Bislang wird mit Nachdruck dementiert, dass eine interne Mannschaftsabstimmung den Stein letztlich ins Rollen gebracht haben soll. „Es war eine Konsequenz aus dem Verlauf der vergangenen Wochen. Thomas spielt nicht effektiv genug“, begründete der geschasste Trainer seine einsame Maßnahme. Apropos Konsequenz: Die ist in Hannover auch aus Neururers Leistung gezogen worden: 25 Spiele, fünf Siege, elf Unentschieden und neun Niederlagen. Wahrlich keine gute Empfehlung für die dreizehnte Runde.

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