Fußball

Von Didi und Boula

Dank einer überragenden Defensivabteilung kassierte der HSV in der letzten Saison lediglich 30 Gegentore. Und obwohl es nicht zur direkten Qualifikation für die Champions League reichte, waren sich Fans und Funktionäre einig, dass die Vereinszukunft rosig sei. Nach dem Abgang des Belgiers van Buyten, dem unglücklichen Nullnull gegen Osasuna, dem verpatzen Ligastart und dem Abschied des „Kannibalen“ Boulahrouz sieht es plötzlich anders aus. Imago Es regt sich Unmut. Innerhalb von wenigen Wochen verloren die Hamburger zwei Garanten ihres jüngsten Erfolges, sprich: die komplette Innenverteidigung, die so manchen Stürmer an den Rand der Verzweiflung brachte. Van Buyten spielt neuerdings für die Bayern, und heute meldet Chelsea, der Wechsel des niederländischen Nationalspielers sei endgültig perfekt. 13 Millionen Euro fließen von der Themse an die Elbe – aber was nützt das schöne Geld, wenn die Abwehr in Stücke gerissen wird? Der Unmut ist im HSV-Forum am dringlichsten formuliert: „Die Einkaufspolitik ist gut, aber die Verkaufspolitik furchtbar.“ Der Verein steht unter Zugzwang. Das Transferfenster bleibt noch bis Ende des Monats geöffnet.

Dietmer Beiersdorfer, seines Zeichens Sportdirektor beim HSV und seit Amtsantritt Hoffnungsträger der Hanseaten, wird zärtlich und der i-Manie folgend Didi gerufen. „Danke Didi,“ ist eine häufige Grußbotschaft aus dem Internet, was Zufriedenheit mit Didis bisheriger Arbeit ausdrückt. „Hoffentlich hat Didi bald mehr Ruhe,“ ist dagegen neu und Ausdruck für die ungewohnten Sorgen der Fans. Gemeint sind Didis Strapazen der letzten Wochen, die schlaflosen Nächte, in denen er Gedanken nachhing, die um den anstehenden Umbau der Mannschaft und den schweren Autounfall kreisten. Letzte Woche überstand er den Ausflug auf die Gegenfahrbahn unverletzt, der morgige Kurztrip nach Pamplona könnte jedoch nachträglich zum Schleudertrauma führen.

Betreten der Baustelle

„Wir werden ihn genauso ersetzen, wie wir van Buyten ersetz haben,“ verspricht Trainer Thomas Doll und will nichts von blindem Aktionismus wissen. „Wir haben noch Zeit,“ beeilte er sich deshalb zu sagen. Über potentiellen Ersatz für Boulahrouz wurde indes schon kräftig spekuliert. Doch ähnlich wie die Stürmersuche gestaltet sich auch das Vorhaben, einen Top-Verteidiger zu holen, als mühsam. Jede Menge Namen – Martin Skrtel (Zenit St. Petersburg) und Jean- Alain Boumsong (Newcastle United), um nur zwei zu nennen –, aber keine Zusagen. Der direkte Tausch von Boulahrouz gegen Huth, den bei Chelsea in Ungnade gefallenen deutschen Nationalspieler, war wohl nicht mehr als ein Gerücht. „Ich hätte diese Baustelle nicht gebraucht,“ sagte HSV-Vorsitzender Bernd Hoffmann treffend.

Geplant war die Sache ganz bestimmt nicht. Noch im Mai wurde der Vertrag mit Boulahrouz, den sie einst liebevoll Boula tauften, bis 2010 verlängert. „Wir können Meister werden und in Europa weit kommen, wenn die Mannschaft so zusammenbleibt,“ orakelte der Niederländer, um sich nach 52 Bundesliga Spielen vom HSV frühzeitig zu verabschieden. Meister will er jetzt in England werden und die angestrebte Bühne Europas wird er im Chelsea-Trikot betreten dürfen, weil er im Hinspiel gegen Osasuna fehlte. „Boula hat die Verletzung simuliert,“ mutmaßt die HSV-Forumsstimme Marcus, „wenn du mal zwischen den Zeilen gelesen hast was Didi gesagt hat, das ist nichts anderes als...“ Die Verschwörungstheorie endet hier.

Glauben an den Erfolg

Dietmar Beiersdorfer hatte die Frage eines ARD-Reportes nach den Hintergründen des Transfers zu umschiffen versucht. Es gelang ihm zwar, die wenigen Fakten in drei Sätze zu packen, eine plausible Antwort konnte er allerdings nicht geben. „Es gibt sicher viele Geschichten, die wir als Fans nicht mitbekommen,“ schreibt Marcus noch weiter, bevor er seinen Eintrag beendet. Ob Boulahrouz seinen Abgang frühzeitig vorantrieb, ob er womöglich nicht clever genug war und Probleme mit der Straßenverkehrsordnung hatte – das kann von den Fans frank und frei diskutiert werden. Eine abschließende Erklärung der Funktionäre wird mit Sicherheit noch folgen. Und wenn nicht, dann hat es HSVjessy bislang auf den Punkt gebracht: „Spieler kommen und gehen. Doch was mir bleibt ist der Verein!“

Morgen (20.45/live in der ARD) wird sich zeigen, ob der Abwehrriegel noch steht und dem HSV letztlich die rosige Zukunft verheißt. Gegen Osasuna geht es um Millioneneinnahmen, die im Erfolgsfall noch einmal investiert werden können, falls sich heraus stellt, dass die Abgänge doch nicht zu verkraften sind. Didi wird sich darum kümmern, er genießt weiterhin vollstes Vertrauen. Den Schock wird der Sportdirektor gemeinsam mit den Fans verdauen und sich zunächst auf eine seiner Stärke konzentrieren: die Einkaufspolitik. Der Unmut wird sich dann schon von alleine legen.

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