Fußball

Bürohengste und Vertragspoker

Mit leisen Tönen und klugen Transfers, aber auch mit dem Mut zu unpopulären Entscheidungen hat Dietmar Beiersdorfer den Hamburger SV wieder zu einer Größe in der Bundesliga gemacht. Im Interview sagt er, warum er Sergej Barbarez ziehen ließ, was ihn an Uli Hoeneß’ Geschäftsgebaren nervt und wieso er Trainer Thomas Doll bewundert. Imago Herr Beiersdorfer, mit welchen Gefühlen setzen Sie sich morgens in der HSV-Geschäftsstelle an den Schreibtisch?

Meistens schaffe ich es gar nicht an den Schreibtisch, weil mich irgendwer vorher schon abfängt. Und den Rest des Tages renne ich von Termin zu Termin: Bundesliga, Scouting, Nachwuchs.

Anders gefragt: Wie fühlt sich ein Fußballer als Bürohengst?

Gut. Obwohl ich die A-Lizenz gemacht habe, wollte ich nie wirklich als Trainer auf der Bank sitzen. Der Managerjob lag mir mehr.

Ist es erstrebenswert, die Leichtigkeit des Profis mit der Erbsenzählerei des Managers zu tauschen?

Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, mit Geld zu jonglieren, sondern in der Möglichkeit, gestalten zu können. Und so den Verein nach vorne zu bringen, der mir schon als Spieler sehr viel gegeben hat.

Wie schwer fiel Ihnen der Abschied vom Profi-Dasein?

Es hat mich einige Zeit gekostet, mit dem Karriere-Ende klar zu kommen. Das lag wohl auch daran, dass ich durch eine Verletzung dazu gezwungen wurde.

Das berühmte Loch nach der Karriere?

Als ich beim AC Reggiana spielte, verletzte mich ein Gegenspieler am Auge. Es bestand die Gefahr, links das Augenlicht zu verlieren. Die Linse hatte sich gelockert. Das Problem daran: Dadurch, dass ich in Italien spielte, hatte ich keinen direkten Bezug mehr zu einem Klub in Deutschland. Eine direkte Weiterbeschäftigung kam also nicht in Frage. Das hat mich erst einmal fast ein Jahr zurückgeworfen.

War es nicht erholsam, nach den stressigen Profi-Jahren erst einmal zur Ruhe zu kommen?

Zuerst dachte ich das auch. Aber die Ruhe kam schneller als erhofft. Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich keinen festen Zeitplan mehr zu haben. Das ging soweit, dass ich mich am Samstagnachmittag fragte, warum niemand anruft, ob ich zum Spielen vorbeikomme.

Wie haben Sie sich aus diesem Loch befreit?

Ich habe mein BWL-Studium wieder aufgenommen und für ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen gearbeitet. Nach meinem Diplom habe ich als Wirtschaftsprüfungsassistent einige Sportartikler und u.a. auch den HSV geprüft.

Wie sehr sind Sie ein Wirtschafter? Spekulieren Sie mit Aktien?

Nein.

Mal ehrlich, Sie haben nicht, wie viele Fußballer, beim Börsenboom Geld investiert – und beim Platzen der Internet-Blase verloren?

Nein, nie. Wann soll das gewesen sein?

Der Crash war 2001.

Das war nach Beendigung meiner Profi-Laufbahn. Da war ich wohl gerade knapp bei Kasse (lacht).

Ihr Präsident Bernd Hoffmann sagt, mit dem Vorstand Christian Reichert, Katja Kraus und Ihnen könne man Pferde stehlen, so groß sei das Vertrauen. Wie sehen Sie das?

Genauso. Unser Verhältnis ist über die Jahre gewachsen. Wir ergänzen uns sehr gut und haben schwierige Momente wie die Trainerentlassungen von Kurt Jara und Klaus Toppmöller gemeinsam gemeistert. Das schweißt zusammen.

Wie sind denn die Hierarchien im Vorstand?

Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Bernd, Christian und ich sind im selben Alter – Katja etwas jünger, aber Frauen sind im Allgemeinen ja auch etwas reifer als Männer.

In welchen Perioden kann man im schnelllebigen Fußballgeschäft realistisch planen?

Fußball ist ein Perpetuum mobile: Einen fertigen, abgeschlossen Kader wird es nie geben. Immer wieder ergeben sich neue Dynamiken innerhalb des Marktes im allgemeinen und innerhalb eines Teams. Deshalb habe ich als sportlicher Leiter die Aufgabe, frühzeitig zu erkennen, wann ein Spieler über den Leistungszenit hinaus ist oder welche Spieler eine schnellere Entwicklung als der Verein nehmen und möglicherweise abgeworben werden. Wenn man diese Faktoren bei Vertragsabschlüssen bedenkt, sind auch Mehr-Jahres-Pläne eingeschränkt umzusetzen.

Beispiel: Daniel van Buyten. Der FC Bayern hat ohne Legitimation schon frühzeitig mit ihm verhandelt. Wie finden Sie solche Branchen-Tricks?

Bayern hat mit dem Berater gesprochen, dabei wurden auch Zahlen genannt. Auch wenn es nicht den Regeln entspricht, will ich mich nicht beschweren. Es kann auch mal vorkommen, dass ich beiläufig mit einem Berater rede, wenn ich mir in ein, zwei, drei Jahren, eventuell auch kurzfristiger, die Verpflichtung seines Schützlings vorstellen kann (lacht).

Wo werden die Anstandsgrenzen dann übertreten? Wann werden Sie sauer?

In die Luft gehe ich grundsätzlich gar nicht. An der Aktion der Bayern hat mich geärgert, dass Uli Hoeneß bekannt gab, Daniel sei sich mit Bayern einig. Da wurde der Spieler zum Spielball öffentlicher Vereinspolitik und damit verletzt man die Interessen unseres Klubs.

Was bezweckt er damit?

Ich habe keine Zeit, mich in Hoeneß hinein zu versetzen.

Wie wichtig war in Ihrer Amtszeit die Beförderung von Thomas Doll zum Cheftrainer?

Während wir im Vorstand sehr gut harmonieren, fehlte uns auf dem Trainerposten lange der geeignete Mann. Ich habe schon nach der Trennung von Kurt Jara im Oktober 2003 über Thomas nachgedacht. Damals hielt ich seine Beförderung noch für ein bisschen früh. Als Toppmöller ein Jahr später ging, war der Zeitpunkt ideal.

Was machte gerade diesen Zeitpunkt so optimal?

Toppmöller hatte eine sehr „eigene“ Art, mit der Mannschaft umzugehen. Jedenfalls gelang es Thomas sehr schnell, das Vertrauen der Spieler zu gewinnen.

Was zeichnet den Trainer Thomas Doll aus?

Er symbolisiert den frischen Wind, der beim HSV weht. Er identifiziert sich zu 120 Prozent mit dem Job und dem Verein. Darüber hinaus ist es klasse, wie er mit den Spielern umgeht, sie einstellt, sie trainiert, einfach professionell und leidenschaftlich arbeitet.

Sie lernten Doll als Aktiver 1991 beim HSV kennen. Beschreiben Sie mal, wie Sie ihn als Spieler aus dem Osten in Erinnerung haben?

Er war schon immer ein energiegeladener Mannschaftsspieler mit einem hohen Potential als Solist. Schon als er hier ankam, war klar, dass er besondere Fähigkeiten hat.

Hatte er Starallüren?

Nein, er ist ein sehr reflektierender Mensch. Nach seinem Wechsel 1991 zu uns entwickelte er sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Schon nach einer Saison ging er nach Italien. Diesen Trubel zu verarbeiten, war bestimmt nicht leicht. Ich sage es mal so: Er hat sich in allen Bereichen sehr stark entwickelt.

War die Entscheidung, Sergej Barbarez ziehen zu lassen, die bislang unangenehmste Entscheidung als sportlicher Leiter beim HSV?

Nein, denn diese Entscheidung habe nicht ich getroffen, sondern er.

Warum musste er gehen?

Wir haben ihm ein Angebot zu verringerten Bezügen gemacht. Dieses Angebot enthielt auch eine nicht näher definierte Perspektive im Verein für mindestens drei Jahre nach der Karriere. Er hat es abgelehnt.

Barbarez hingegen sagt, der Ablauf der Verhandlungen habe ihm vermittelt, dass man ihn beim HSV gar nicht halten wollte.

Sergejs Einschätzung und die des HSV waren nicht deckungsgleich, das kann man sagen. Dennoch hätten wir ihn gerne behalten. Ich muss allerdings sagen, dass er sich keinen Gefallen damit tut, wie er jetzt mit der Geschichte in der Öffentlichkeit umgeht. Da spreche ich aus eigener Erfahrung.

Inwiefern?

Ich wurde 1992 – obwohl ich noch vier Jahre Vertrag hatte – vom HSV verkauft, weil der Trainer (Egon Coordes, Anm.d.Red.) durch meinen Verkauf andere, für ihn wichtigere Spieler holen konnte. Ich war stinksauer. Ich habe diese Dinge aber nie so extrem in der Öffentlichkeit ausgetragen. Sergej ist verletzt, das war ich auch. Aber Wunden heilen, wie Sie sehen – heute sitze ich in verantwortlicher Position beim HSV.

Noch mal zum Mitschreiben: Wieso verzichtet der HSV auf einen zentralen Spieler wie Barbarez?

Wir haben unseres Erachtens ein gutes Angebot gemacht. Man muss auch loslassen können. Denn wir haben gelernt, dass es manchmal mindestens so wichtig sein kann, einen Spieler zu verlieren, wie einen neuen zu holen.

Sie sprechen in Rätseln.


Es ist mein Job, einen Spieler nicht nur nach seiner Stellung innerhalb der Mannschaft zu beurteilen, sondern auch nach dem Wert, den er aktuell und zukünftig für den Verein darstellt. Dann muss ich fragen: Würden wir den Spieler auch von einem anderen Verein nach Hamburg holen? Bei dem von uns gemachten Angebot plus der Perspektive nach der Karriere, ja! Ansonsten nein. Zumal wir seit 2003 versuchen, unserer Strategie folgend, kontinuierlich Spieler mit hohem Potential zu verpflichten, die den Karrierezenit noch nicht erreicht haben.

Braucht der Verein langfristig nicht auch wieder einen echten Star?

Keine Stars? Wir haben 2006 acht Spieler bei der WM. Vor acht Jahren war es mit Markus Schopp aus Österreich nur ein einziger. Das zeigt, wie wir an Qualität zugelegt haben.

Mit welchen Attributen würden Sie das HSV-Image aktuell beschreiben?

Beierdorfer (überlegt). Das hier ist aber wirklich ein Interview für Fortgeschrittene.

Vorschlag: In den 90ern war der HSV ein biederes Urgestein mit sichtbaren Merkmalen einer Grauen Maus. Heute erleben wir ein enthusiastisches Team mit Spielkultur auf hohem Niveau. Sehen Sie das ähnlich?

Schon möglich, dass die Außenwahrnehmung des HSV in den 90ern wenig greifbar, wenig profiliert und zu wenig tiefgründig war. Uns ist klar, dass wir den Verein zeitgemäßer gestalten und ihm die Leidenschaft zurückgeben müssen.

Wie sicher fährt der Hamburger SV in der gegenwärtigen Erfolgsspur?


Nach dem dritten Platz in der vergangenen Saison wird unsere Erfolgskurve vielleicht etwas flacher als in den letzten beiden Jahren (lacht).

Verliert man als Manager manchmal die Freude am Fußball?


Bei einem Profi kommt es vor, dass ihm bei Spielen gegen unterklassige Mannschaften der Kampfeswillen und die Spielfreude verloren gehen. Spieler können sich auch mal fallen lassen. Als Manager ist der Druck viel größer, denn man fühlt die Verantwortung für den Klub direkter und permanenter.

Wie kommen Sie mit der Belastung bei wichtigen Spielen klar, etwa dem Saisonfinale gegen Werder Bremen?

Während des Spiels habe ich nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Ich war hundertprozentig überzeugt, dass wir gewinnen. Aber in den Tagen danach habe ich das Ergebnis permanent mit mir herumgeschleppt. Es hat gedauert, bis ich mich über die tolle Saison unserer Mannschaft wieder freuen konnte.

Wie äußert sich das? Fließen bei Ihnen auch Tränen?

Das nicht, aber es hat in mir eine tiefe Unruhe ausgelöst. Ich habe Tage gebraucht, um wieder konzentriert bei der Sache zu sein.

Nun ist unklar, ob es der HSV in die Champions League schafft. Welche Auswirkungen hat das gegenwärtig auf Ihren Job?

Ganz einfach: Was das Budget angeht, planen wir nicht mit der Qualifikation zur Champions League. Platz fünf in der kommenden Saison und ein ordentliches Abschneiden im UEFA-Cup 2006/07 ist Grundlage unserer Planung. Sportlich sieht das natürlich anders aus.

In Italien haben Vereine die wirtschaftlichen Risiken im Fußballgeschäft durch gekaufte Spiele minimiert. Ist sowas auch bei uns denkbar?


Wir haben schon beim Hoyzer-Skandal gesehen, dass Spiele verschoben werden können. Wenn auch in diesem speziellen Fall nicht durch die Vereine. Warum sollte so etwas also in Deutschland unmöglich sein?

Wie finden Sie es, dass der HSV in der Saison 2007/08 wahrscheinlich in der Telekom-Liga aufläuft?

So wie früher in Österreich. Mit dem Sponsor auf dem Po? (lacht).

Ja, zum Beispiel.

Nein, im Ernst. Mir ist nicht bekannt, wie der Markenname genau sein wird: Telekom-Liga, Telekom-Bundesliga oder T-Com-Bundesliga. Wie auch immer, wir haben es auch mal anstößig gefunden, als das Volkspark-Stadion plötzlich AOL-Arena hieß. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Wir haben die Geister gerufen…

Schon klar, aber da spricht wieder der Wirtschafter. Was sagt Ihr Fußballer-Herz zu dieser ästhetischen Metamorphose?

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich für die Beibehaltung des Urbegriffs „Bundesliga“ plädieren. Aber wie gesagt, meine Fußball-Romantik konzentriert sich eher auf andere Bereiche als auf Namensrechte.

Zum Beispiel?

Ich bin daran interessiert, eine hohe Identifikation der Spieler mit der Stadt und dem HSV herzustellen. Dazu ist es wichtig, dass die Regeln des Spiels nicht verwässert oder gar verändert werden. An der Abseitsregel darf nichts verändert werden. Außerdem bin ich strikt dagegen, Kameras im Kabinentrakt unterzubringen. Denn das Spiel muss bleiben wie es ist.

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