Fußball

Rivalen: Hertha vs Schalke

Da staunt der Fachmann und der Schalker wundert sich. Spielt Schalke in der Hauptstadt, schlägt den Anhängern der Knappen die totale Abneigung der Berliner entgegen. Die Königsblauen haben sich zum Erzrivalen der Hertha-Fans aufgeschwungen - und wissen selber nicht genau, warum. Imago Schalke - ein Unwort für Fans von Hertha BSC Berlin. Bei jedem Heimspiel pressen viele der Kuttenträger aus der Ostkurve des Olympiastadions ihren ehrlichen Hass auf Königsblau durch die Kehlen. Am Samstag kommt es zum Schalker Gastspiel in Berlin. Bei den Hertha-Fans kribbelt es mit Blick auf das Duell mit dem vermeintlichen Erzrivalen schon seit Wochenbeginn. In Schalke dagegen rätselt man über den Grund der tiefen Berliner Abneigung.

`Uns schlägt dort teilweise purer Hass entgegen, schlimmer als früher in Dortmund. Keine Ahnung, weshalb´, sagt Rolf Rojek, Vorsitzender des Schalker Fanklub-Dachverbandes. Für viele Schalker sei Berlin einmal eine Reise wert gewesen. Doch inzwischen überlegten zahlreiche Anhänger, ob sie ihre Mannschaft wegen der drastischen Antipathie überhaupt noch in die Hauptstadt begleiten sollen, so Rojek. Rund 5000 werden am Samstag erwartet. Schalke muss ein bisschen herhalten für das Dilemma, in dem sich Herthas Fans befinden. Denn gäbe es Schalke nicht, hätte Berlin gar keinen ernstzunehmenden Rivalen. Hansa Rostock (220 km entfernt) und Energie Cottbus (130 km) liefern zwar Ostderby-Charakter, doch beide spielen in Liga zwei, und die deutsch-deutsche Geschichte verhinderte zudem die Entstehung einer jahrzehntelangen Historie zwischen den Klubs. Auch der VfL Wolfsburg (220 km) taugt nicht zu einer leidenschaftlichen Fanfeindschaft.

`Im Ruhrgebiet gibt es etliche Derbys, bei denen der ganze Pott kribbelt. Das fehlt uns hier´, sagt Manfred Sangel, seit über 35 Jahren Hertha-Fan und Chef einer Hörfunksendung über Hertha im Offenen Kanal. Höchstens Union Berlin käme als echter Lokalrivale in Frage. Doch der Kultklub aus dem Osten krebst in Liga vier herum. Herthas Vorsitzender Bernd Schiphorst weiß gar nicht so genau, warum Schalke in Berlin derart verhasst ist. Der Präsident verweist dann gerne auf Herthas Pressestelle, wo man die nötigen Informationen sammeln könnte. Sein Unwissen hielt Schiphorst aber nicht davon ab, die Abneigung bei der perfekt inszenierten Mitgliederversammlung im November als Stimmungsmacher zu instrumentalisieren. `Wie heißt er noch dieser Klub aus Gelsenkirchen? Ich habe den Namen vergessen´, scherzte Schiphorst, um Wohlwollen bei den Fans zu erzeugen, denen schonend ein 35-Millionen-Euro-Schuldenberg gebeichtet werden musste. Auch Manager Dieter Hoeneß ließ sich die Chance nicht nehmen, auf den Anti-Schalke-Zug aufzuspringen. `Ganz ehrlich, die gehören nicht zu meinen Lieblingsvereinen´, sagte er. Doch Hoeneß legt immer wieder auch den Finger genau in die Wunde, wenn er Masse und Treue der Schalker Fans mit der Berliner Situation vergleicht. `Da muss nur das Licht angehen, und 30.000 stehen auf der Tribüne.´

Der Hertha-Hass wuchs aus zwei Wurzeln. Zum einen erstritt Schalke im Jahr 1971/72 das Weiterkommen in der ersten Pokalrunde gegen Berlin erst am Grünen Tisch und gewann schließlich die Trophäe. Zum anderen musste Hertha nach der Saison 1964/65 wegen Zahlung verbotener Handgelder und überhöhter Ablösesummen zwangsabsteigen, während Schalke nach dem Bundesligaskandal 1971 in der Liga bleiben durfte. Das wurmt die Berliner bis heute. Auch die Aufarbeitung des Bundesligaskandals sei unterschiedlich gehandhabt worden. `Bei uns hat keiner der Betrüger je wieder einen Fuß in die Tür bei Hertha bekommen. Das war in Schalke anders. Und das macht uns stolz´, sagt Sangel. Dreieinhalb Jahrzehnte sind inzwischen vergangen. Schalker verteilen ihre Abneigung heute leidenschaftlich auf Borussia Dortmund, Rot-Weiß Essen, den 1. FC Köln oder den MSV Duisburg. Aber Hertha? `Ich fand es sogar traurig, dass die im UEFA-Pokal verloren haben. Ich würde gerne mal eine Berliner Fanversammlung besuchen, wenn ich eingeladen würde´, sagt Rojek. Doch die Jungs aus der Ostkurve sind weit von einer Verbrüderung in Blau und Weiß entfernt - auch mangels Alternativen.

Marcel Grzanna, sid