Fünf Stimmungsblöcke: Die Fanszene bei Preußen Münster ist gespalten

»Ein Paradies für Fans«

Im Sommer 2012 ergriff er schließlich die Initiative, er wollte Fans und Vorstand an einen Tisch bringen. »Wir standen vor einem Scherbenhaufen. Der Ruf des Klubs war unterirdisch. Alle Beteiligten wussten, dass es so nicht weitergehen konnte.« Doch der erste Annäherungsversuch scheiterte grandios, denn die Aussprache sollte in der VIP-Tribüne des Stadions stattfinden. Auch die Presse war geladen: eine Kriegserklärung für die Ultras. Schließlich sagten alle relevanten Gruppen ab. »Auch wir mussten da erst reinwachsen. Ein Verhältnis zwischen Vorstand und Fans gab es hier vorher doch gar nicht«, sagt Krimphove. Heute trifft man sich nur noch im stillen Kämmerlein. Mal getrennt voneinander, mal alle gemeinsam. Sowieso wird mittlerweile in Münster auf allen Ebenen sehr viel miteinander gesprochen. Sachlich. Auf Augenhöhe. Das ist vorbildlich, das Vertrauen gilt als halbwegs wieder hergestellt. Gegenseitige Zugeständnisse gehören dabei dazu, man lässt sich seine Freiheiten. Um Konflikte beim Einlass zu vermeiden, bekommen die einen ihren separaten Eingang, die anderen eine Farbspende und freie Flächen, um ihren Block zu verschönern. Im Gegenzug müssen Graffitis von den Versorgungsständen entfernt und gewisse Grundregeln an den Spieltagen eingehalten werden. Böller sind heute in Münster geächtet.

So hat sich eine einigermaßen entspanntere Atmosphäre rund um das marode Stadion an der Hammer Straße entwickelt. Fans reparieren in Eigenregie die Stufen der Stehränge, lackieren Wellenbrecher und renovieren Eingangsbereich und Toilettenhäuschen. »Unser Stadion ist ein Paradies für Fans. Wir stellen uns nicht in den Weg, wenn alle sich an die Regeln halten«, sagt Krimphove. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Fans nachmittags im Stadion ungestört den Grill anwerfen können. Irgendein Tor auf dem weitläufigen Areal steht sowieso immer offen. »Wo gibt es das denn sonst?«, fragt Krimp­hove. Man müsste in der Tat lange suchen.

Selbst die Feindschaft zwischen »Deviants« und Block O hat sich auf eine gegenseitige Geringschätzigkeit runtergekühlt. Zwischenfälle werden seltener, offene Abneigung ist nun bloße Ignoranz. Man kennt das aus kaputten Ehen, wenn beide Seiten koexistieren. Wenn nur noch geguckt wird, nicht mehr geredet. Das kann gut gehen –oder irgendwann dramatisch werden. Führende »Deviants« sollen bereits ihren Abschied angekündigt haben, eine interne Neuordnung scheint zwangsläufig. Vielleicht sind einige einfach nur müde. Oder zu alt für den ganzen Mist.

Eine virtuelle Blauhelm-Truppe

Nahezu parallel entstand Ende der Saison 2011/12 im Preußen-Forum der Website westline.de die Initiative »Gemeinsame Kurve« (AGK), eine Art virtuelle Blauhelm-Truppe, die davon träumt, die Lücke zwischen den Gruppen physisch und verbal zu schließen. AGK will aber kein neuer Ultrablock sein und sucht weder die Nähe zu den »Deviants« noch zum Block O.

»Die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Kurve und gemeinsamem Support ist in allen Gruppen gleichmäßig vorhanden«, weiß Fanprojektler Andreas Bode und ergänzt: »Die schrittweise Annäherung einzelner Gruppen hat eine Dynamik in Gang gesetzt, die nicht mehr aufzuhalten sein wird.« Tatsächlich haben bereits zahlreiche Fans ihren Umzug in eine gemeinsame Kurve vollzogen. Sogar kleine Choreografien wurden präsentiert, auf offenen Treffen wird über mögliche Konflikte und Chancen diskutiert. Aus der Idee einiger weniger ist mittlerweile eine kleine Massenbewegung geworden. Jüngst kündigten sogar die Ultras aus Block O einen kollektiven Blockwechsel an. Zum Saisonstart werden sie ihren angestammten Platz verlassen und die AGK im Nachbarblock N unterstützen. Ohnehin erlebt die hiesige Fanszene einen enormen Zulauf. Innerhalb von drei Jahren stieg der Zuschauerschnitt um 171 Prozent von 3306 auf 8986. Man könnte fast glauben, Münster erlebe derzeit eine Neuauflage des Westfälischen Friedens.

Doch mit ihrem Umzug rücken die Block-O-Ultras im Stadion eben auch wieder näher an die »Deviants«. Sicherheitsabstand gewährleistet künftig nur noch ein Zaun. Alle Seiten sind sich sicher: Neue Konflikte sind eine Frage der Zeit. Auch Andreas Bode dämpft die romantische Verklärung der aktuellen Entwicklung: »Jeder weiß, dass der sportliche Erfolg hier Ruhe einkehren lässt. Deswegen haben sich Themen der Fanszene verlagert.« Statt über den Vorstand und Trainer zu motzen, spricht man nun über die unterirdische sanitäre Versorgung im Stadion, den Fettgehalt der Stadionwurst oder eben eine gemeinsame Kurve. »Das zeigt, wie sehr sich die gesamte Situation entspannt hat«, sagt Krimphove.
Zurück an die Bushaltestelle: Ob die »Deviants« sich denn auch vorstellen könnten, eines Tages Teil einer gemeinsamen Kurve zu werden? Tom Sahl lächelt. Spuckt aus. Dazu könne er nichts sagen. Nur so viel: Man wolle eher sein eigenes Ding machen. Es sei zu viel passiert. Was denn genau? Doch dann kommt die Linie 5. Tom steigt in den Bus und fährt ab. Zurück bleiben ein bisschen Spucke, viele Fragezeichen und die Erkenntnis: Es bleibt weiter kompliziert in der Fanszene von Preußen Münster.

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