Fritz Balogh, Nationalspieler

Einer flog durch Neckarau

Fritz Balogh galt als kommender Star des süddeutschen Fußballs, er lehnte ein Angebot aus Mailand ab und spielte lieber für den VfL Neckarau. Bis er aus einem fahrenden Zug fiel und starb. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Fritz Balogh, Nationalspieler Dass er überhaupt auf dem Platz steht, ist ein Wunder. Fritz Balogh, 29, Nationalspieler, ist wie so viele seiner Mannschaftskollegen nur knapp dem Grauen des Weltkriegs entkommen. 18 war er, als die Deutschen 1939 ihr Nachbarland Polen überfielen und einen sechsjährigen Akt der sinnlosen Zerstörung starteten. 18, Wehrpflichtalter. Doch Balogh, im damaligen Pressburg geboren, hat den Krieg überstanden. Es ist der 22. November 1950, Deutschland spielt gegen die Schweiz, das erste Länderspiel für die blutjunge BRD. Und Balogh steht für Deutschland auf dem Rasen im Stuttgarter Neckarstadion. Es ist sein erstes Länderspiel, natürlich. Welch ein Moment. Für Balogh, für seine Mitspieler, für den deutschen Fußball. Nach dem Spiel – die BRD-Auswahl gewinnt mit 1:0 durch ein Tor von Herbert Burdenski – bekommen die Kicker ein Gastgeschenk überreicht: Ein original Schweizer Taschenmesser. Balogh wird es sein Leben lang nicht mehr hergeben.

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Fünf Jahre zuvor war der vom Krieg quer durch Europa geschwemmte Balogh in Neckarau gestrandet, einem kleinen Stadtteil im von den US-Amerikanern besetzten Mannheim. Beim VfL findet der Pressburger schnell Anschluss, auch wenn die wenigen Trainingskiebitze den dürren Hungerhaken zunächst nur müde belächeln. Sie befürchten ernsthaft, der grazile Neuling könnte sich verletzen, wenn er zu fest gegen den Ball träte. Kurze Zeit später sind die Kritiker auch schon verstummt. Jeder Blinde muss erkennen, dass dieser schmale Kerl ein Naturtalent ist. Wie er den Ball berührt, ihn quasi schwerelos über den Rasen treibt, Gegenspieler schlichtweg ignorierend – das ist große Klasse!

Ein Angebot aus Mailand

Die Tore von Halbstürmer Balogh bringen den VfL Neckarau in die Oberliga Süd. Jetzt dreht der grazile Techniker erst richtig auf, schießt mit 32 Toren die zweitmeisten Treffer und macht sich schnell einen Namen als waghalsiger Flügelsprinter, dem kein Weg zu weit und kein Gegenspieler zu viel ist. Im Sommer 1950 schickt der große AC Mailand einen Abgesandten nach Mannheim, der braucht lange, um das Vereinsgelände vom VfL Neckarau zu finden. Im Gepäck: Ein Angebot für Fritz Balogh. Milans ungarischer Trainer Lajos Czeisler will den flinken Offensivmann unbedingt haben. Das ist ein Angebot, über das es nachzudenken lohnt. Balogh fragt noch einmal nach: Ja, Czeisler will ihn in seiner Mannschaft sehen. Allerdings als Ergänzungsspieler für den großen Gunnar Gren, 1948 Olympiasieger mit Schweden und zu Beginn der fünfziger Jahre gemeinsam mit seinen Landsleuten Niels Liedholm und Gunnar Nordahl die größte Attraktion im italienischen Fußball. Balogh sagt Czeisler freundlich ab.

Für den VfL hat sich der Stürmer damit bereits zu Lebzeiten unsterblich gemacht. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Am 14. Januar 1951 spielt Neckarau gegen die Bayern aus München – und verliert 3:5. Die Stimmung auf der Rückfahrt im Zug nach Mannheim ist entsprechend verhalten. Als die Mannschaft den heimatlichen Bahnhof erreicht, fehlt ein Spieler. Fritz Balogh ist unauffindbar. Erst später bekommen die Fußballer die grausame Nachricht: Fritz Balogh ist tot. Seine Leiche wird neben der Bahnstrecke gefunden. In der Nähe von Nersingen, einem kleinen Örtchen bei Ulm, war der Halbstürmer aus dem fahrenden Zug gefallen. Ein tragisches Unglück, das sich bis heute niemand erklären kann. Später heißt es: Balogh habe sich auf dem Weg zur Toilette gegen eine nicht korrekt verschlossene Tür gelehnt. Aber auch diese Erklärung bleibt reine Spekulation.

Eine ganz besondere Erinnerung

Unzählige Mitleidsbekundungen aus dem In- und Ausland erreichen den VfL, der Verein ruft spontan das »Fritz-Balogh-Turnier« ins Leben, das Jugendturnier wird bis heute ausgetragen. Als Fritz Balogh, der Nationalspieler, beerdigt wird, steckt in seiner Jackentasche eine ganz besondere Erinnerung. Wenige Meter neben der Leiche, hatten die Helfer ein original Schweizer Taschenmesser gefunden.
 
Heute wäre Fritz Balogh 90 Jahre alt geworden.