Freut man sich als Ersatzspieler über den Titel?

»Wir spielten die EM im Tipp-Kick nach!«

Zu jeder Turniermannschaft gehören auch Spieler, die oft vergeblich auf ihren Einsatz warten. Hier sind sechs Männer, die mit Deutschland den EM-Titel gewonnen haben.

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René Schneider, EM 1996
»Das Verletzungspech bei dieser EM war gewaltig. Steffen Freund hatte sich einen Kreuzbandriss zugezogen, Dieter Eilts war ebenfalls schwer verletzt und auch Jürgen Klinsmann fiel zwischenzeitlich aus. Dadurch bin ich als junger Spieler im Verlauf des Turniers immer näher an die erste Elf gerückt. Beim Endspiel durfte ich mich während der Verlängerung sogar warm machen. Ich lief ganz alleine auf der Seite des Tores von Andreas Köpke, weil wir ohnehin nur noch einmal wechseln durften. Das wäre es natürlich gewesen, ausgerechnet im Finale reinzukommen! Doch plötzlich traf Oliver Bierhoff, und alles war vorbei. Für einen Moment wusste ich nicht, welche Bedeutung dieser Treffer hatte, die Regelung war relativ neu. Aber dann bin ich mit einem Sprint über den ganzen Platz zu Bierhoff gelaufen.«


René Schneider (2012, Bild: Albrecht Fuchs)

Jens Todt, EM 1996
»Das Turnier steht für mich unter dem Motto: einmal Adrenalin und zurück! Ich wurde ja erst zum Endspiel eingeflogen, weil sich so viele Spieler verletzt hatten. Das Halbfinale hatte ich noch als Betriebsausflug mit Werder Bremen besucht. Dann kam beim Abendessen der Anruf von Berti Vogts: ›Morgen um 8.15 Uhr geht’s los!‹ Als nach dem Finalsieg die Medaillen verteilt wurden, hielt mich Physiotherapeut Klaus Eder zurück, weil nicht klar war, ob es auch für mich eine gab. Sonst wäre es peinlich für die Queen, wenn sie plötzlich mit leeren Händen dastünde. Ich habe die Medaille nachträglich bekommen, später wurde sie leider bei einem Einbruch gestohlen. Hiermit fordere ich den Dieb auf, mir das verdammte Ding zurückzugeben! Obwohl ich nicht auf dem Platz stand, war ich nämlich sehr froh, dabei zu sein.«


Jens Todt (2012, Bild: Albrecht Fuchs)

Caspar Memering, EM 1980
»Zu jener Zeit gab es einen großen HSV-Block in der Nationalelf, davon habe ich sicher profitiert. Außerdem hat sich Paul Breitner in seiner ›Bild‹-Kolumne für meine Nominierung starkgemacht, für mich völlig überraschend. Dass ich zu Turnierbeginn nicht in der Startelf stehen würde, war allerdings klar. Nach dem Auftaktsieg gegen die Tschechoslowakei, einem müden 1:0, klopfte es bei Horst Hrubesch und mir an der Tür, und plötzlich stand Trainer Jupp Derwall im Zimmer. Ich ging davon aus, dass er ein paar Takte mit Horst reden will, doch dann sprach er mich an: ›Lieber Cappi, hör zu. Wenn Klaus Allofs morgen gegen Holland noch mal so schwach spielt wie gegen die Tschechen, dann bist du dran.‹ Und was macht Allofs? Schießt alle drei Tore gegen die Holländer. Da hab ich den Nagel gesucht, an den ich meine Schuhe hängen kann.«


Caspar Memering (2012, Bild: Albrecht Fuchs)