Freigeist der Bundesliga: Wolfgang Kleff wird 70

»Da bist du ja immer noch, alter Junge!«

Dass die Blumenfarm kurz darauf verkauft wurde und Kleff nun ohne Frührente in Afrika und einen Arbeitgeber dastand? Dass er dann doch bis 1987 für Rot-Weiß Oberhausen, Bochum und dem FSV Salmrohr das Tor hüten musste? Dass er, der Europapokalheld von einst, im 900-Seelen-Kaff Salmrohr auf Asche trainierte und ein Jahr lang im Hotel schlief? Dass eine von ihm eröffnete Herren-Botique mehr Schulden als verkaufte Hemden hinterließ? Dass er Jahre später am Herzen erkrankte, und 2009 aufgrund eines Schlaganfalls haarscharf am Tod vorbei schrammte? Dass all das schöne Geld, verdient mit vielen tausend Paraden und mörderischen Zweikämpfen, drauf ging, weil Kleff weder eine Krankenversicherung abgeschlossen, noch nach dem Ende der Laufbahn Arbeitslosengeld beantragt hatte? Dass er nur überlebte, weil die Ärzte einen Herzschrittmacher einsetzten und Wasser aus seiner Lunge saugten?

»Einen 500er Mercedes werde ich mir nicht mehr leisten«

Wie denkt er darüber an seinem 70. Geburtstag?

»Nun«, beginnt Wolfgang Kleff, der durch das Leben gesegelt ist wie früher durch den Strafraum. »Tja«, räuspert sich dieser Glücksritter der Fußballszene, »das waren zum Teil schon teuflische Zeiten.« Aber soll er sich jetzt darüber beklagen, dass die Kohle weg ist und »ich mir in diesem Leben bestimmt keinen 500er Mercedes mehr kaufen werde«? Dass bei einem, der früher nach jedem Heimspiel einen 30 Zentimeter langen »Herrenstreifen« in seinem Mönchengladbacher Lieblingscafé verputzte, die Pumpe heute nur noch 60 Prozent Leistung schafft? Macht es Wolfgang Kleff, diesen unverbesserlichen Optimisten, nicht fertig, dass er alt geworden ist?

»Soll ich ihnen sagen, was ich mache, wenn ich morgens in den Spiegel schaue?«, kontert der Ex-Torwart mit einer Gegenfrage und beantwortet die gleich selbst: »Dann sehe ich mich kleinen Scheißer im Spiegel und sage mir: Da bist du ja immer noch, alter Junge!« Was Wolfgang Kleff sagen will: »Ich freue mich über jeden Tag.« Sogar noch mehr als früher, als er jung und fit und berühmt war. Die Geburt seiner Kinder – eine Tochter, ein Sohn – haben den nach eigener Aussage introvertierten und feinfühligen Mann ein noch besseres Gespür für die schönen Momente im Leben verschafft. Die Krankheiten, Operationen und Tänze auf der Rasierklinge des Lebens haben ihn »irgendwie devoter« gemacht. Er glaubt nicht unbedingt an Gott, aber an eine höhere Macht, bei der sich bei seinen seltenen Besuchen in der Kirche bedankt. Und er hat sich eine eigene Lebensphilosophie gebastelt, die irgendwie sehr zu einem passt, der früher sein Geld damit verdiente, Tore zu verhindern in einem Spiel, das von Toren lebt. Der Fußballprofi war und Profis nun mal damit umgehen müssen, das es nicht nur große Siege, sondern auch große Niederlagen gibt.

»Das Leben«, sagt Wolfgang Kleff, »besteht daraus, zu akzeptieren.« Er tut das. Und beschreibt sich selbst als »weich, gutgläubig, fast naiv«. Ein kleiner Junge sei er immer gewesen, immer geblieben. Heute wird er 70 Jahre alt. Man kann ihm nur gratulieren. Vielleicht ja mit Flamingoblumen.