Freier, Hashemian und die Killertomaten

Heimkehr der verlorenen Söhne

Mit einigen spektakulären Transfers bestätigt der VfL Bochum seinen Ruf als Klub der verlorenen Söhne. Neben Freier und Hashemian kehrt sogar der 40-jährige frühere VfL-Torwart Thomas Ernst zurück in den Schoß der Familie. Freier, Hashemian und die KillertomatenImago Das Thema Rückkehr mit seinen Konnotationen von Rache oder Versöhnung ist ein bedeutendes Thema der Kinogeschichte. 192 Mal kommt die Rückkehr in deutschen Filmtiteln vor. Im Kino ist fast alles schon mal zurückgekehrt: Aliens, Dracula, Godzilla, der unglaubliche Hulk und sogar Killertomaten.

[ad]

Im Film geht mit derlei Rückkehren meist wenig Freude einher. Das unterscheidet ihn vom Fußballklub VfL Bochum. Dort zieht sich die Rückkehr vereinseigener Helden als stete Erneuerung der Euphorie durch die wechselvolle Vereinsgeschichte: 1984 ist der Lokalmatador Jupp Tenhagen unter dem Jubel der Fans heimgekehrt, 1989 Uwe Wegmann, 1998 Stefan Kuntz und 2001 Dariusz Wosz.

Im Verein feiern sie diese Häufung von Heimkehren als Beweis der örtlichen Idylle. Demnach wären der Kopfballheld Vahid Hashemian, der Mittelfelddribbler Paul Freier sowie der Sportdirektor Thomas Ernst in diesem Sommer auch nicht deswegen zum VfL zurückgekehrt, weil sie keinen besseren Klub gefunden hätten, sondern weil sie sich beim VfL Bochum nach eigener Aussage stets besonders wohl gefühlt haben.

Bochum begrüßt die verlorenen Söhne

Freier und Hashemian waren vor vier Jahren ausgangs einer als Höhepunkt ihres fußballerischen Schaffens gewürdigten Spielzeit fortgegangen, um in Leverkusen und bei Bayern München noch größer herauszukommen. Weil das nicht gelang, kehren sie nun zurück. Wenn alle Fußballer nach Bochum zurückgekehrt wären, die dort einst in den Fußballhimmel gestartet und andernorts wieder abgestürzt waren, dann hätte den kleinen Klub im Kohlenpott eine gewaltige Rückreisewelle überschwemmt.

Die Rückkehr solch hochkarätiger Abtrünniger wie Theofanis Gekas (2007 zu Bayer Leverkusen), Thomas Christiansen (2003 zu Hannover 96), Yildiray Bastürk (2001 zu Bayer Leverkusen) oder Hans-Joachim Abel (1982 zu Schalke 04) steht noch aus, aber vor allem in letzteren Fällen ist damit kaum noch zu rechnen. Die Ansammlung von Heimkehrern in diesem Sommer stellt ohnehin den Höhepunkt der Bochumer Geschichte dar, denn so viele verlorene Söhne wurden bislang noch nie auf einmal begrüßt.

Hashemian und Freier sind diesmal sogar die beiden maßgeblichen Verstärkungen für die neue Saison, und der VfL soll für Freier sogar die vereinshistorische Rekordtransfersumme von 1,8Millionen Euro bezahlt haben. Hashemian, 32, kehrt aus Hannover zurück, Freier, 28, aus Leverkusen und der frühere VfL-Torwart Thomas Ernst, 40, vom FSV Frankfurt, wo er ebenfalls administrativ tätig war. Ernst, genannt »Gustl«, ersetzt als Vorstandsmitglied beim VfL Bochum den zum 1. FC Kaiserslautern vergraulten Stefan Kuntz.

Notlandung des Hubschraubers

2004, als Freier und Hashemian den VfL Bochum verließen, war das bislang herausragende Jahr des Klubs. Unter der Anleitung des Trainers Peter Neururer qualifizierte sich das Team für den Uefa-Pokal, und der FC Bayern fischte sich Hashemian, der in der Liga unter anderem das Siegtor gegen die Münchner erzielt hatte. Zum »Hubschrauber« hatten sie den sprunggewaltigen Iraner in Bochum befördert und nach jedem seiner Tore das Geräusch rotierender Rotorblätter eingespielt.

Doch in München und zuletzt Hannover war der Hubschrauber notgelandet. »Vahid will genauso wie Paul Freier zeigen, dass er in den Jahren, in denen er weg war, zu Unrecht nicht so oft spielen konnte«, sagt Bochums Trainer Marcel Koller. Der Schweizer glaubt, dass die beiden nicht mehr ganz so jungen Spieler noch einmal zu alter Stärken finden können. Der Sportchef Thomas Ernst stimmt zu: »Paul wird für mehr Kreativität und Überraschung sorgen, denn sein Spiel ist nach wie vor von Unbekümmertheit geprägt.«

Der bald 29-jährige Freier strebt beim VfL sogar die Rückkehr ins Nationalteam an, in dem er es bislang auf 19 Einsätze gebracht hat. Obwohl er zurzeit wegen eines gebrochenen kleinen Zehs nicht spielen kann, ist er grundsätzlich zuversichtlich. »Ich traue mir zu, wieder an die Tür zum Nationalteam anzuklopfen«, sagt er und erläutert seine Strategie: »Wenn meine Leistung im Verein stimmt, dann kommt die Nationalmannschaft von ganz allein.«

16 Tore in 117 Ligaspielen hatte Freier zwischen 1999 und 2004 für Bochum geschossen, Hashemian waren zwischen 2001 und 2004 in 87 Ligaspielen sogar 34 Tore gelungen. An diese Marken wollen die beiden anknüpfen, und sollte dies gelingen, bräuchte Bochum keine neuerlichen Abwerbeversuche großer Konkurrenten zu fürchten. Dafür, und das ist der größte Vorteil von Rückkehrern, wären Paul Freier und Vahid Hashemian dann wirklich zu alt.