Fredi Bobic über den Höhenflug der Eintracht

»Wenn die Großen schwächeln, müssen wir da sein«

Früher war Frankfurt für Fredi Bobic nur ein ganz normales Auswärtsspiel. Heute schwärmt der Vorstand von der einzigartigen Atmosphäre. Und hat mit der Eintracht eine ganze Menge vor.

Alina Emrich
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195

Fredi Bobic, gut, dass wir Sie hier im Frankfurter Stadion angetroffen haben. Wir waren schon auf dem Weg zur Geschäftsstelle am Riederwald.
Sie schauen halt viel zu selten in Frankfurt vorbei. Sonst wüssten Sie, wo ich mein Büro habe.

Hehe. Wir wollten eigentlich darauf hinaus, dass die Eintracht ihre Räumlichkeiten weit über das Stadtgebiet verstreut hat.
Wir arbeiten daran, dass sich das rasch ändert. Dieses Jahr beginnen die Bauarbeiten für die neue Geschäftsstelle direkt an der Arena. Die Eintracht braucht eine sportliche Heimat. Derzeit muss ich einmal ums halbe Stadion laufen, wenn ich mit den Mitarbeitern sprechen will. Oder mich ins Auto setzen und eben zum Riederwald fahren.

Was wussten Sie von der Eintracht, als Sie hier anfingen?
Nur das Übliche. Großer Traditionsverein, begeisterungsfähiges Umfeld, spannender Arbeitsplatz. Aber die ganze Geschichte der Eintracht, die legendären Europapokalspiele, die Meisterschaft 1959, das musste ich mir alles erarbeiten. Niko Kovac und ich haben festgestellt, dass wir früher als Spieler achselzuckend nach Frankfurt gefahren sind, ohne die Stimmung im Stadion wahrzunehmen. Für uns war das ein stinknormales Auswärtsspiel. Das ist heute natürlich anders.

Was ist an der Eintracht besonders?
Die tiefe Verwurzelung des Klubs in der Stadt und der Region. Kaum ein Auto, auf dem nicht ein Eintracht-Aufkleber zu sehen ist. Und nehmen Sie die Stimmung im Stadion. Wir haben in dieser Saison schon so oft daheim verloren. In anderen Stadien wären die Zuschauer mit gesenkten Köpfen nach Hause marschiert oder hätten gepfiffen. Aber unsere Mannschaft wurde mit Applaus verabschiedet. Weil die Spieler gekämpft und bis zur letzten Minute gerackert haben. Das wird hier honoriert. Wie enthusiastisch das Umfeld sein kann, hat man übrigens auch beim Pokalfinale gesehen. Da war halb Frankfurt in Berlin.

War das Pokalfinale der Höhepunkt Ihres bisherigen Schaffens in Frankfurt?
Nein, das Halbfinale in Gladbach! Zum Elfmeterschießen bin ich hinunter zur Bank gegangen, hab mich locker angelehnt und die Situation genossen. Wir waren ja nicht der Favorit. Um mich herum sind alle bei jedem Schuss ausgetickt, zwischendurch hat auch der Stadionsprecher ein wenig die Contenance verloren. Und als wir dann gewonnen hatten und sich die große Spielertraube auf dem Spielfeld bildete, dachte ich bei mir: »Jungs, ihr steht im Pokalfinale. Ihr wisst gar nicht, was auf euch zukommt!«

Das Finale ging verloren.
Aber das Endspiel hat dem Klub und den Anhängern großes Selbstvertrauen gegeben. Weil selbst die Dortmunder, die ja wirklich eine große und aktive Fanszene haben, hinterher beeindruckt von der großartigen Unterstützung aus der Frankfurter Kurve waren. Und weil es gezeigt hat, was wir mit harter Arbeit und einem klaren Konzept erreichen können.

Harte Arbeit, dieses proletarische Ethos wird von Funktionären oft und gerne bemüht. Was bedeutet das denn konkret für die Eintracht?
Dass wir eine Vorstellung davon entwickeln, wo wir hinwollen. Auch gerne gewählt werden Aussagen wie: Ich arbeite von früh morgens bis spät abends. Aber es stimmt. Ich treffe mich mit dem Trainer auch schon mal erst kurz vor Mitternacht, weil es früher nicht passt. Oder der Fakt, dass ich im Dienste der Eintracht fast schon drei Mal die Welt umrundet habe. Wir schauen auf jede Kleinigkeit, haben ein begeisterungsfähiges Team, das mitzieht. Natürlich sind wir gerade kein Kandidat für große Titel. Wir spielen nicht um die Meisterschaft mit. Als wir irgendwann kurzzeitig auf Platz drei standen, war das eine schöne Momentaufnahme, aber mir war klar: Da gehören wir eigentlich nicht hin. Derzeit ist ein einstelliger Tabellenplatz für die Eintracht wie ein Titelgewinn.

Weiß das auch das Umfeld des Klubs? Ihr Vorgänger Heribert Bruchhagen war fast täglich damit beschäftigt, allzu hohe Erwartungen zu dämpfen.
Das muss ich gar nicht mehr, jedem hier ist klar: Wir sind ein gehobener Ausbildungsverein, wir liefern Talente an die Großen. Das bedeutet, dass unsere Aussichten, uns den Bayern und Dortmundern anzunähern, derzeit und in der näheren Zukunft sehr überschaubar sind. Aber es haben immer wieder Mannschaften geschafft, vorne reinzurutschen. Wenn die großen Mannschaften schwächeln, müssen wir da sein. Dortmund war schon so gut wie tot – das war 2005 – und ist 2017 eine globale Marke. Und Borussia Mönchengladbach ist vor fünf Jahren knapp dem Abstieg entronnen. Heute ist das ein hervorragend geführter Klub, der immer in der Lage ist, sich für die Champions League zu qualifizieren.