Frankfurts Torjäger Alex Meier

Aufs Herz hören

Nach fünfmonatiger Verletzungspause meldet sich Frankfurts Torschützenkönig Alex Meier mit einem Dreierpack zurück. Grund für seinen Erfolg ist auch altmodische Vereinstreue.

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Der Kellner im Taj Mahal auf der Schweizer Straße in Frankfurt reicht ihm mit einer eleganten Handbewegung die in Kunstleder eingebundene Speisekarte, und Alex Meier legt sie ungesehen zur Seite. Er war schon oft hier und weiß, was er zu Abend essen will: Mango-Curry oder Chicken Chilli. Die beiden Gerichte in dem indischen Restaurant schmecken ihm vorzüglich, warum sollte er noch etwas anderes probieren? »Wenn ich etwas Gutes gefunden habe, reicht mir das. Dann muss ich nichts Neues versuchen.«

Er lacht kurz, weil er selbst merkt, dass er zwar nur etwas über seine Essensvorlieben sagen wollte, aber in den zwei Sätzen alles über seine Lebenseinstellung steckt: Für immer Chicken Chilli, für immer Eintracht Frankfurt. Bewährtes will er festhalten, und so geht Alex Meier, Torschützenkönig der zurückliegenden Bundesligarunde, mit 32 in seine zwölfte Saison für die Eintracht. »Ich bin in der Nähe von Hamburg aufgewachsen«, sagt er, »aber so langsam bin ich ein Frankfurter Jung’.«

»So langsam bin ich ein Frankfurter Jung’.«

Instinktiv würde man ja sagen, dass es einen wie ihn eigentlich gar nicht mehr gibt. Einen mit solcher Vereinstreue. Der Profifußball führt uns die Schnelllebigkeit unserer Zeit im Extremen vor Augen, jedes halbe Jahr wechseln Spieler in Scharen die Klubs, heute Mainz, morgen Moskau. Bei vielen Fans, die ja immer bleiben, hat das eine Sehnsucht nach dem Früher ausgelöst, in Frankfurt etwa nach Hölzenbein, Grabowski und Nickel oder nach den Neunzigern mit Bindewald, Binz und Weber.

Alles Spieler, die praktisch ihre gesamte Karriere bei einem Verein verbrachten. In Wahrheit wechselten die treuen Profis der Vergangenheit die Vereine nicht, weil das nicht so leicht möglich war wie heute. Und, das ist die überraschendere Erkenntnis, es gibt wider den globalen Trend auch heute in fast jedem Profiverein den lokalen Helden, der wie Alex Meier lieber bleibt als wandert.

In einem Verein zu Hause

Beim Blick auf die dominierenden Teams der jüngsten Jahre lässt sich sogar vermuten, dass die vermeintlich altmodische Vereinstreue ein höchst moderner Erfolgsfaktor ist. Die großen Siegerteams von heute sind oft um einen Kern von Profis gewachsen, die schon lange im Verein sind: der FC Barcelona mit Xavi, Andrés Iniesta und Lionel Messi, der FC Chelsea mit John Terry, Frank Lampard und Petr Cech, der FC Bayern mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller. Boris Groysberg interessiert sich zwar nicht für Fußball, aber er kann dieses Phänomen erklären. Der Wirtschaftsprofessor aus Harvard lehrt seit Jahren, dass Unternehmen zu besessen davon seien, die besten Talente einzukaufen. Groysberg untersuchte in einer Studie die führenden Investmentbanken der Wall Street und stellte fest, dass die Performance von Topbankern sank, sobald sie die Firma wechselten. Groysberg schloss daraus, dass die Arbeitsleistung auch von dem Gefühl abhängt, sich sicher und geborgen zu fühlen, von der Gewissheit, die Methodik und die Struktur der Firma zu kennen. In einer Zeit, in der – nicht nur im Fußball – die berufliche Veränderung grundsätzlich als hip gilt, vergessen viele schnell, welche Kraft aus dem Gefühl entsteht, in einem Verein zu Hause zu sein.

Das Zuhause für Alex Meier wurde Eintracht Frankfurt zufällig. Mit 21 Jahren war er ein schlaksiger Junge mit feinster Technik am Ball, von dem aber niemand so recht wusste, ob er nun ein Stürmer oder ein offensiver Mittelfeldspieler war. 2004 bot ihm die Eintracht als damaliger Zweitligist einen Ausweg, als er beim Hamburger SV mit der Selbstfindung nicht weiter kam. Damals schien der Transfer ein Vereinswechsel wie hunderte in jeder Saison zu sein. Und dass Alex Meier elf Jahre später immer noch bei der Eintracht ist, liegt auch daran, dass er in den ersten Frankfurter Jahren recht schwankend spielte. Die großen Offerten, die ihn vielleicht in Versuchung gebracht hätten, gingen jedenfalls nicht ein. Aber sein Verweilen in Frankfurt verdeutlicht eben auch, dass er eine seltene menschliche Gabe besitzt: Das zu schätzen, was er hat. Seit 13 Jahren fährt Alex Meier auch an denselben Ort in den Urlaub, nach Miami. Ist doch schön dort.

Pidi, sein bester Kumpel, kommt mit etwas Verspätung ins Taj Mahal, blondgefärbte Haare zu dunkler Haut, ein Nasenring und eine Wärme in den Augen, die ihn sofort sympathisch macht. Pidi führt in Berlin eine PR-Agentur für Modelabels, aber zu jedem Heimspiel der Eintracht kommt er nach Frankfurt, um Alex zu sehen. Jetzt staunt er erst einmal: »Moment mal, ihr esst Mango-Curry und Chicken Chilli? Das Gleiche, was wir immer nehmen. Hast du die Bestellung übernommen, Alex?«