Frankfurt-Bochum: Erinnerungen an das Pokalfinale 1988

Feinrippunterwäsche im ultimativen Reibetest

Wunderbar wäre es aber auch, wenn ein paar Folgen der »Schwarzwaldklinik« auf das Magnetband gebannt wären. Der samtweiche Schwerenöter Sascha Hehn, wie er im Cabrio davonbrausend den Krankenschwestern den Kopf verdreht. Der charmante Dr. Klaus Brinkmann, der jede noch so klaffende Wunde mit Nonchalance und Altersmilde zugenäht bekam. Weichgezeichnete Momente, die eine ganze Republik zum Träumen einluden. Träume von einem besseren Gesundheitssystem, sicheren Renten, blühenden Landschaften.

Aber natürlich besteht auch die Gefahr in menschliche Abgründe zu blicken. Was, wenn hier private Erotik-Aufnahmen aus einem fremden Schlafzimmer in meine Hände geraten sind? Behaarte Achseln, wabbelige Bauchfalten, schmatzende Intimbereiche. Wacklige Kameraführung, Feinrippunterwäsche im ultimativen Reibetest. Momente der Liebe, verdorrte Schmuddelphantasien einer längst eingeschlafenen Ehe. All das schwirrt mir manchmal durch den Kopf, wenn die unschuldige Kassette in meinem Regal stehen sehe. Es macht mir Angst.

Das verschwitzte Maulfwurfhaar von Wlodzimierz Smolarek

Doch hoffe ich insgeheim natürlich auf eine schlichte Aufnahme des wohl langweiligsten DFB-Finales der jüngeren Vergangenheit. Die monotonen Gesänge von der Tribüne, die einschläfernde Kommentierung von Heribert Faßbender. Auf dem Feld wogt das verschwitzte Maulfwurfhaar von Wlodzimierz Smolarek hin und her, tapst Uwe Leifeld hauchzart ins Abseits und glänzen die bunten Schuhe von Lajos Detari, mit denen der Ungar in der 81. Minute den entscheidenden Zauberfreistoß in den Giebel schmeichelt. Wunderbare Erinnerungen an stumpfen Arbeiterfußball, an eine unbeschwerte Fußballzeit fernab der Superlativierung heutiger Tage. All das setzt seit Jahren bei mir zuhause Staub an. Es ist eine Schande.

Lajos Detari im Interview: Hier geht es lang >>>

Doch die Tage werden dunkler, das Wetter bedrückender und bald schon ist Weihnachten. Und dieses mal habe ich einen Plan: Ich werde meiner Schwester einen konkreten Wunsch zukommen lassen. Liebes Schwesterherz, ich brauche keine Kerzenständer, keine Wasserkocher, keine Gutscheine mehr. Ich habe genug davon. Alles, was ich brauche, ist ein Videorekorder.