Football Leaks: Dubioser Investor

Worauf hat sich der Klub da eingelassen?

Doyen schloss seine Deals jahrelang ungestört in den Hinterzimmern der Fußballwelt ab. Bis eine Gruppe aus Portugal im vergangenen September begann, interne Dokumente im Internet zu veröffentlichen. Die Enthüller betreiben die Plattform Football Leaks und wollen anonym bleiben. Jeden Tag veröffentlichen sie neue Dokumente, geheime Verträge und E-Mails. Bisher hat kein Klub die Echtheit der Dokumente angefochten. Im Interview mit 11 FREUNDE Anfang Februar sagte Football Leaks: »Wir besitzen noch mehr als 500 Gigabyte an Dokumenten.« Einer der Namen, der darin bislang immer wieder auftaucht: Doyen Sports.

»Wir kommentieren diese Leaks nicht«, schreibt Doyen Sports in einer Mail an 11 FREUNDE, »wir wurden Opfer eines Einbruchs in unsere IT-Systeme.« Doyen zweifelt zudem an der Echtheit mancher Dokumente. An welchen genau, mochte der Pressesprecher auf Nachfrage nicht sagen. Einen Fragenkatalog ließ Doyen unbeantwortet.

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Dabei glauben renommierte Experten für Sport- und Verbandsrecht an die Authentizität der Veröffentlichungen. »Die Dokumente tragen Unterschriften und beinhalten komplexe Konstruktionen, die man sich kaum ausdenken könnte. Ich glaube, dass sie echt sind«, sagt etwa Antoine Duval, Experte für internationales Sportrecht, der am Asser-Rechtsinstitut in Den Haag forscht. Auch die heiklen Dokumente zwischen Doyen und Twente Enschede hält er für glaubwürdig. Ebenso wie der niederländische Verband, der sich darauf bei seiner Sanktion für Twente berief. Der Verein akzeptierte die Strafe, der Vorsitzende Aldo van der Laan trat zurück.

Van der Laan und sein Vorgänger Joop Munsterman sollen die einzigen Verantwortlichen bei Twente gewesen sein, die die Deals mit Doyen aushandelten. Beide waren in Personalunion sowohl Aufsichtsrats- als auch Vorstandsvorsitzende des Vereins. »Sie kontrollierten sich selbst«, sagt der Journalist Peter Wekking von der Zeitung »Voetbal international«. Van der Laan und Munsterman wollten sich auf Nachfrage nicht äußern. Die Vorgänge sind heikel und könnten ein juristisches Nachspiel haben. Wie hat sich Twente erst in diese Lage gebracht? Wenn man alle Verträge, Vereinbarungen und Mails durchsieht, wird klar, auf was sich der Klub da tatsächlich eingelassen hat.

Die heiklen Dokumente geben tiefe Einblicke:

Am 25. Februar 2014 schlossen Twente und Doyen einen Vertrag. Darin sicherte sich Doyen die Anteile an sieben Spielern. Der Verein erhielt fünf Millionen Euro. Für jeden einzelnen Fußballer wurden verschiedene prozentuale Beteiligungen vereinbart. Beim Stürmer Luc Castaignos waren es 50 Prozent, die Doyen erhält, beim Rechtsaußen Quincy Promes 30 Prozent. Sechs der sieben waren Anfang 20, sie alle versprachen große Transfererlöse in der Zukunft. Twente ist bekannt dafür, seine Talente für viel Geld an europäische Topklubs zu verkaufen, wie etwa Eljero Elia, Bryan Ruiz oder Luuk de Jong.

Doch Doyen sicherte sich für alle erdenklichen Szenarien ab, die Verträge sind ihre Gewinngarantie. Selbst wenn die Spieler die großen Erwartungen nicht erfüllen würden, also an Marktwert verlieren, sicherte der Verein dem Fonds eine Garantiesumme zu. Diese erhöhte sich jedes Jahr um zehn Prozent. Bei Castaignos lag sie im ersten Jahr bei 1,5 Millionen Euro, im zweiten bei 1,65.



Der Investor kassiert immer mit

Doch das ist nicht alles: Wird der Spieler verliehen, kassiert Doyen mit. Selbst wenn ein Spieler verletzungsbedingt seine Karriere beenden muss, muss Twente diese Garantiesumme zahlen. Alles ist geregelt. Die Risiken bei Verletzungen liegen beim Verein, nicht bei Doyen. Twente verpflichtet sich, die Investoren über jeden Schritt möglicher Verhandlungen über die Spieler zu informieren. Kein Angebot, kein Gespräch, kein Dokument, keine Vermittler, kein Kontakt mit anderen Vereinen oder Beratern durfte den Investoren aus Malta verschwiegen werden. Und: Es gab einen festgelegten Zeitpunkt, an dem Doyen das Engagement bei einem Spieler beenden kann (»put option«). Bei Castaignos war es beispielsweise der 31. August 2015. Twente war dann verpflichtet, diese Vertragsauflösung anzunehmen und Doyen dafür auszubezahlen. Die Gesamtsumme dieser Auslösung bei allen Spielern beträgt 6,3 Millionen Euro. Doyens Minimaleinnahme.

Die große Frage, die sich bei einem solchen Geschäft nicht nur die FIFA stellt: Wie selbständig entscheidet ein Verein unter diesen Bedingungen über den Verkauf eines Spielers?
Ein Beispiel aus dem Sommer 2015 verdeutlicht Twentes Dilemma. Eintracht Frankfurt wollte den Stürmer Castaignos kaufen, mehreren Berichten zufolge für 2,5 Millionen Euro. Das lag unter dessen anvisiertem Marktwert. Möglichkeit 1: Twente lehnt ab und behält Castaignos. Dann aber hätte Doyen seine Auflösungsoption ziehen können.

Die Folge wäre: Twente muss 1,8 Millionen an Doyen zahlen. Möglichkeit 2: Twente nimmt das Angebot an. Doch auch dann muss der Klub 1,8 Millionen an Doyen zahlen. So hoch war da die Garantiesumme, die die Investoren bei einem Wechsel von Castaignos bekommen. Immerhin wären 700 000 dann noch für Twente geblieben. Nicht viel, aber eine Einnahme. Twente verkaufte Castaignos an Frankfurt. So oder so: Der Verein musste bei beiden Varianten viel Geld an Doyen abgeben. Wofür entscheidet man sich in einer solchen Lage? Solche Verträge können dazu führen, dass ein Klub gezwungen ist, seine Schlüsselspieler zu verkaufen. Tatsächlich spielt von den sieben Profis heute nur noch einer in Enschede.