Flügelflitzer Yuri Zhirkov im Porträt

Russlands Ronaldinho

Beim entscheidenden Spiel am Samstag gegen Deutschland setzt Russlands Coach Guus Hiddink neben Arsenal-Star Andrej Arshavin seine Hoffnungen in Yuri Zhirkov, der im Sommer zum FC Chelsea wechselte. Ein Porträt des Linksaußen. Flügelflitzer Yuri Zhirkov im Porträt Es geht los wie bei Maradona. Blitzschnell nimmt der Spieler mit der Nummer 18 an der Mittellinie den Ball hoch und spitzelt ihn in den freien Raum. In kürzester Zeit hat er die beiden in seiner Nähe befindlichen Gegner hinter sich gelassen. Mit raumgreifenden Schritten eilt er in Richtung Strafraum. Kurz vor dem Sechzehner droht das Spielgerät zu enteilen, doch mit dem langgestreckten rechten Bein bringt der Sprinter das Leder wieder zurück in die Bahn. Ein Flachschuss mit dem starken linken Fuß durch die Beine von Torhüter Wächter. Tor.

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Staunende Zeugen

Im Dezember 2006 wurde die halbe Mannschaft des Hamburger SV zu staunenden Zeugen von Yuri Zhirkovs Fußballkunst. Neun Sekunden brauchte der russische Nationalspieler, um das Runde über eine Distanz von 50 Metern ins Eckige zu treiben - vorbei an fünf Feldspielern plus Torwart. Damals dribbelte sich der Linksfuß noch im Trikot des Moskauer Armeeklubs ZSKA durch die gegnerischen Abwehrreihen. Seit dem Sommer steht er an der Seite von Deutschlands »Capitano« Michael Ballack in der Mannschaft des FC Chelsea.

So haben es die Londoner jedenfalls geplant, als sie das blaue Trikot mit der obligatorischen Nummer 18 im Sommer der Öffentlichkeit präsentierten. Roman Abramowitsch hatte Zhirkovs Rückennummer in Millionen Pfund aufgewogen und diesen stolzen Betrag in seine alte Heimat überwiesen. Zhirkov ist damit teurer als Arshavin. Doch seinen Wert konnte er bislang nicht unter Beweis stellen. Eine Knieverletzung setzte ihn bis Ende September außer Gefecht. Während seiner Rekonvaleszenz startete das Team von Coach Ancelotti mit sieben Siegen aus acht Spielen durch bis an die Spitze.

Russlands Linke heißt Zhirkov

Zhirkov ist auf der linken Seite beheimatet. Wo genau, ist Ansichtssache. Bei ZSKA gab er meist den Offensivwirbler und Flankenschläger. Im Nationalteam setzt ihn Trainer Hiddink dagegen erfolgreich als Außenverteidiger ein. Zhirkov war bei der EM im vergangenen Jahr einer der Auffälligsten in einem auffälligen russischen Team. Der holländische Trainer hofft, dass sein linkes Juwel am Samstag an alter Wirkungsstätte wieder funkelt.

Das Luzhniki-Stadion, über dessen Untergrund seit Wochen ganz Deutschland diskutiert, kennt Yuri Zhirkov zur Genüge. 2005 und 2006 gewann er mit den »Pferden«, so der Spitzname seines Ex-Vereins, den Titel in der russischen Premier League. 2005 gelang darüber hinaus der große Wurf in Europa, als die Moskowiter den UEFA-Cup gewannen. Im Finale in Lissabon brachte die Nummer 18 die Moskauer mit seinem Treffer zum 2:1 auf die Siegerstraße.

Während seiner Zeit in Russland hat Zhirkov grandiose Tore erzielt und teils messieske Dribblings vorgeführt. Die Medien verpassten ihm den Spitznamen »Russischer Ronaldinho«. Dabei ist er mit seiner Größe von 1,78 Meter eigentlich zu groß, um als klassischer Dribbelkünstler durchzugehen. Arshavin (1,72 m) auf russischer Seite, aber auch den Deutschen Marin (1,70 m) und Trochowski (1,69 m) ist dieses Attribut dagegen auf den Leib geschneidert.

Zhirkov ist Frings und Ronaldo

Zhirkov ist ein schwer beschreibbarer Spielertyp, er ist ein dauerlaufender Derrwisch auf dem Flügel, der die körperliche Robustheit eines Torsten Frings mit der Schnelligkeit eines Cristiano Ronaldo vereint. Dazu kommt eine exzellente Ballbehandlung. Unter dem Strich bleibt Unberechenbarkeit stehen.

Kein leichtes Los für die deutsche Defensive, die sich auf den einen oder anderen Vorstoß des Linksverteidigers einrichten kann und gleichzeitig natürlich auch Arshavin, den Torschützen aus dem Hinspiel und zweiten Derrwisch der »Sbornaja«, im Auge behalten muss. Bundesliga gegen Premier League lautet der Untertitel für das Duell in Moskau.

Andrej Kanchelskis, der selbst neun Jahre in Großbritannien kickte, prophezeite Yuri Zhirkov im Sommer gegenüber einer russischen Zeitung eine ähnlich prominente Rolle in der besten Liga Europas wie Andrej Arshavin. Der schrieb sich im April in die Annalen der Premier League, als er alle vier Tore für Arsenal im Spiel an der Liverpooler Anfield Road erzielte.

Kanchelskis hält Zhirkov für »trainingsfleißig und bescheiden«. Wenn sich an diesen Eigenschaften nichts ändert, läuft der russische Ronaldinho immerhin keine Gefahr, in der zweiten Hälfte seiner Karriere die Dekadenz und Lustlosigkeit des ehemaligen Weltfußballers aus Brasilien anzunehmen.