Fans im Zeitalter der Dekadenz

Geld oder Liebe

94.000.000 Euro kostet der Fußballspieler C. Ronaldo. Eine perverse Summe, finden viele Fans. Dabei sind sie es, die das Geld ins System tragen. Und sie sind es auch, die den Hahn zudrehen können. Ein Vorschlag zum Boykott.  Fans im Zeitalter der DekadenzImago 94.000.000. Neun. Vier. Null. Null. Null. Null. Null. Null. Vierundneunzig Millionen. Wie man es auch schreibt, dreht und wendet – die Summe, die Real Madrid für Cristiano Ronaldo an Manchester United überweist, sprengt die Vorstellungskraft. Plopp.

Versuchen wir, uns ihr ganz vorsichtig anzunähern, vielleicht passiert dann nichts: 94 Millionen kämen zusammen, wenn alle Einwohner der Philippinen je einen Euro in ein riesiges Sparschwein werfen würden. Nehmen wir an, jeder Philippino bräuchte zehn Sekunden, um die Münze in den Schlitz zu schieben und Platz für den Hintermann zu machen – dann würde dieser Prozess 30 Jahre dauern. 30 Jahre, fast so lange wie von der letzten Meisterschaft des 1. FC Köln bis heute. Netter Versuch: Aber auch das kann kein Mensch fassen.

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Dürfen wir, die wir nach Sonderangeboten im Joghurt-Regal schauen, die wir froh sind, wenn wir mal einen vergessenen Groschen in der Jeanstasche finden und die wir einen achtstelligen Betrag aufgrund unseres Seins also gar nicht begreifen können, dürfen wir denn da überhaupt mitreden? Ja, wir dürfen.

Wir müssen sogar. Wir müssen uns aufregen über die dramatische Divergenz zwischen dem Klima der Depression, das die Wirtschaftskrise hervorruft, und dem Klima der Maßlosigkeit, das sich in den Chefetagen der europäischen Fußballklubs hält. Zwischen dem Arbeiter, der es sich nicht leisten kann, mit seinem Sohn ein Erstligaspiel zu besuchen, und den Profis, die es sich leisten können, mit dem Hubschrauber zum Training zu fliegen. Zwischen oben und unten. Zwischen uns und »denen«.

Mein Gott, man ist ja schon gezwungen, wie Lafontaine zu sprechen! Schlimm. Aber wenigstens meinen wir es ernst: 94.000.000, das ist zuviel, mit nichts mehr zu rechtfertigen. Schluss, aus. Aus! Hören Sie mich, Herr Top-Manager?

Wahrscheinlich nicht. Solange genügend Geld im System der europäischen Top-Vereine zirkuliert, wird sich kein Boss bemüßigt fühlen, die Transferbudgets auf ein ziviles Maß zu reduzieren. Ganz grundsätzlich sollten wir davon ausgehen, dass bestimmte Sicherungen hier schon seit langem durchgebrannt sind. Auf Skrupel zu warten hat sich als vergeblich erwiesen. Und auch die Verbandsfunktionäre werden – abgesehen von ein paar zerknirschten Interviews – der Dekadenz nicht Einhalt gebieten. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter gab sogar lächelnd zu, er begrüße den Ronaldo-Transfer: »Die Leute wollen Stars.« Stars, das sind nach Blatter also Spieler, die wahnsinnig viel Geld kosten.

Bleiben die »Leute«, wie Blatter sie so herrlich volksnah nennt – die Fans. Sie sind es schließlich, die dem System stetig Geld zuführen. Erst wenn sie es unterlassen, besteht Hoffnung auf ein Gesundschrumpfen des Geschäfts. Doch wer macht mit?

Oliver Kreuzer, die Tennishalle, der Papst

Viele gähnen, sie sind müde. Sie sagen, die Diskussion, ob derart astronomische Zahlungen angemessen sind, habe einen Bart. Ändern werde sich eh nichts. Im Gegenteil: Immer schlimmer sei es geworden.

Tatsächlich wurde schon diskutiert, als Roger van Gool 1976 für eine Million Mark vom FC Brügge zum 1. FC Köln wechselte, die Diskussion begleitete 1984 auch Kalle Rummenigges Weg von München nach Mailand. Oliver Kreuzer, dem halbbegabten Vorstopper des Karlsruher SC, wurde 1991 selbst schwindelig, weil der FC Bayern fünf Millionen Mark für ihn zückte, und so ächzte er via »Sport Bild«: »Ich bin so teuer wie 'ne Tennishalle!« Als Gianluigi Lentini 1992 für 18,5 Milliarden Lire (9,6 Millionen Euro) von Torino Calcio an den AC Milan verkauft wurde, schaltete sich sogar der Vatikan ein und bezeichnete das Geschäft als »unanständig«.

Selten war man so d'accord mit dem Papst. Am Vorabend des Zusammenbruchs aller Maßstäbe hätten die Verbände die Chance gehabt, sich die Frage noch einmal laut zu stellen: Wie viel ist ein Tor wert? Wie viel ist eine Grätsche wert? Ein Einwurf? Und auch: Wie viel ist ein Mensch wert, wenn man schon für ihn zahlt? Eine abschließende Antwort darauf hätte es ja gar nicht gebraucht, man will die alten Herren von der FIFA schließlich nicht in die Sinnkrise stürzen. Die Einführung einer Obergrenze für Ablösesummen hätte schon gereicht.

Anfang des neuen Jahrtausends war es jedenfalls zu spät, eine Umkehr nicht mehr möglich. Die Transfersummen erreichten eine Größenordnung, die sich gänzlich abgekoppelt hatte vom sportlichen Wert eines Spielers. Das Geschachere war zu einer Sportart an sich geworden: Wer angelt sich den schillerndsten Fisch für den exzessivsten Preis? Profis wurden Statussymbole von Mogulen wie Berlusconi, Abramowitsch und Perez, vorgezeigt wie Villen, Yachten, Limousinen, Playmates.

Jener Florentino Perez, Präsident von Real Madrid, holte 2001 Zinedine Zidane für 73,5 Millionen Euro von Juventus Turin, der, na gut, damals immerhin der beste Spieler der Welt war. Doch ihm folgte David Beckham von Manchester United, ein latent abgehalfterter Flankenspezialist, auf dessen fußballerisches Potenzial Real getrost hätte verzichten können. Dennoch waren seine Dienste Baulöwe Perez über 40 Millionen wert, legitimiert von einem neuartigen Argument: Beckham schaffe eine Konsumsphäre – Trikots mit seinem Namen würden verkauft, Real könne mittels seiner Popularität den eigenen Markenwert erhöhen –, innerhalb derer sich der Transfer amortisieren werde. 

Das hat offenbar funktioniert. Nicht nur nur in ökonomischer Hinsicht, auch die Öffentlichkeit gewöhnte sich an diese Form der Mischkalkulation. Wenn dieser Tage für Cristiano Ronaldo 94 Millionen Euro ausgegeben werden, rechnen nun sogar die Journalisten dienstfertig vor, inwiefern der Transfer sich lohne und montieren schlau das Wort »Popstar« gleich mehrfach in ihre Texte.

»Hurrah, es funktioniert«, frohlocken die Mogule. »Scheint ja zu funktionieren«, wundert sich der Fan und dreht seinen in der Jeans wiedergefundenen Groschen um.

Stofffetzen und Wimpel-Sets zu Phantasiepreisen


Ja, es funktioniert. Aber nicht aus sich selbst heraus, sondern nur solange, wie der blöde Fan den ganzen Scheiß mitmacht. Solange er sich Stofffetzen mit darauf geflockten Buchstaben zu Phantasiepreisen kauft und stolz damit herumläuft (dabei müsste er doch Geld kriegen, wenn er an seinem Körper schon Reklame für den Klubsponsor macht). Solange er zu überzogenen Konditionen Eintrittskarten löst, in einer entwürdigenden Prozedur Bier kauft, Würstchen kauft, Brezeln kauft und dann noch ein Wimpel-Set für die Kleinen und am Ende den Restbetrag auf der Chip-Karte verfallen lässt. Solange er dafür bezahlt, Fußballspiele, die ein frei zugängliches Kulturgut sein sollten, im Fernsehen zu sehen, und nicht wenigstens auf die »Sportschau« wartet. Solange er die Konsumsphäre aufrecht erhält, in der sein beschissener kleiner Groschen aus seiner Jeanstasche auf Cristiano Ronaldos Konto zirkuliert.

Freilich ist Cristiano Ronaldo ein Top-Athlet. Ihn anschauen zu wollen kann man niemandem vorhalten. Auch ist es kein Verbrechen, sich ein Trikot zu kaufen, Bier zu trinken, einen Decoder zu mieten.

Doch wer es tut, darf sich nicht aufregen, dass Cristiano Ronaldo sich nun selbst 57 Mal in Gold aufwiegen lassen kann. Er muss das alles über sich ergehen lassen: C. Ronaldo, den Neureichen, das Blingbling-Lächeln, das Öl auf seinen Muskeln, den getoasteten Teint, Dolce und Gabbana, seine neue Freundin Paris Hilton, die Fotos, Küsse, Speichel, so billig und doch so unendlich reichreichreich und noch mal reich.

94.000.000. Neun. Vier. Null. Null. Null. Null. Null. Null. Vierundneunzig Millionen. Solange wir da mitmachen, ist es auch unsere Schuld.