Fan-Original von Union Berlin

Fünf Leben in einem

Er flog ins All, landete im Knast und soff mit Lemmy. Aber vor allem befand er sich immer auf Tour mit seiner großen Liebe Union Berlin. Wer dem Lebenskünstler »Andora« einmal begegnet, vergisst das nicht.

Robert Eikelpoth
Heft: #
174

Der folgende Text entstand im Rahmen der Reihe »Fan-Originale« fürs Heft #173 und wird hier erstmals vollständig veröffentlicht. Weitere Porträts gibt es über Frankfurts Strip-Adi und Nürnbergs Leierkastenmann.

Das Bild dieses Mannes prägt sich ein. Wer sich einmal die Alte Försterei besucht hat, wird ihn bemerkt haben: Auf dem Kopf wahlweise einen Bauhelm oder eine Cap übersät mit Aufklebern, große, stämmige Statur, krachende Stimme, grauer Bart, manchmal eine umgestaltete Gesichtsmaske vor den Augen, wie sie Spieler nach Nasenbeinbrüchen tragen, manchmal eine selbst gestaltete Fahne in der Hand, unendliche rot-weiße Accessoires am Körper.

Fragt man Unioner zu diesem Typen, so sagen sie, er nenne sich »Andora« und sei gleichsam ein echter Fan wie Künstler. Nun ist ein gewisses Maß an Wahnsinn für beide Beschäftigungen nicht gerade hinderlich. Die Einträge im Internet zu »Andora« lassen dann auch aufmerken. Er war Kosmonaut, DDR-Dissident, Musiker, Maler. Damit nicht genug: Er gilt als erfolgreichster deutscher Popart-Künstler, war Sozialpädagik-Student, Heizer, Küster, Fahrstuhlführer, Stationshelfer, Schriftsteller, entwarf ein Logo für MTV, das Design einer Rakete, die ins Weltall geschickt wurde, designete den Mantel von Henry Maske und einen Rennwagen. Das wirkt wie fünf Leben in einem.

Er wohnt in einem Union-Museum

»Andora« meldet sich direkt per Mail. Über Union reden? Sofort. »Unterwegs im Universum unter dieser Nummer zu erreichen. Von meiner Maschine gesendet.« Wenig später bittet er in seine, nun ja, Wohnung? Sein Atelier? Fabrik? Sein Mausoleum des Lebens und Wirkens? Es gibt erst einmal kein Klingelschild, doch viel dringender bräuchte man eine eigene Karte für die Einrichtung. Installationen, Fahnen an den Wänden, auf dem Tisch liegen unzählige Stempel, Bälle, an der Wand gerahmte Trikots, Malereien, Kunstwerke, Jacken.

Die Räume sind voll mit Gegenständen, die man so nirgends sonst gesehen hat, ein Wimmelbild der Kreativität, doch fein säuberlich angeordnet. Ein Spruch von Andora flirrt durch den Raum: »Atze, du musst auf die Nuancen achten!« Mal sitzt er, dann springt er auf. Nimmt die rote Brille in der Mitte auseinander. Er schiebt den Pullover den Arm hoch, die Tattoos kommen zum Vorschein, das umgestaltete Union-Logo mit dem Schriftzug: 1. FC Kunst. Die Hose ist aufgerissen, die weißen Schuhen mit bunten Farbspritzern springen auf und ab wie bei Actionfiguren, an einer Hand rotiert der Totenkopf-Ring mit blau-roten Gehirn. Es gibt Tee und Portwein. Andora schmaucht Zigarre.

Erster Spielbesuch 1968 – er musste den besoffenen Vater nach Hause bringen

»Da hamse mir dit Ding an die Titte geheftet. Ick sach, ick trag sonst nur Silber.« Er spricht über die bronzene Vereinsnadel, die ihm Union Berlin zur 30-jährigen Mitgliedschaft überreicht hat. Im Jahr 1968 hat ihn sein Vater mitgenommen zum Pokalfinale in Halle. Vom Spiel weiß er nicht mehr viel, seine wichtigste Tat war, den besoffenen Vater nach Hause zu bringen. Fortan war Andora aber beseelt von diesem Verein, reiste über die Dörfer, zu Spielen gegen Mannschaften wie Vorwärts Stralsund. Es war zu jener Zeit mehr als ein Bekenntnis zu einem Fußballklub, Union galt als Hort der Dissidenten. Schon damals riefen sie bei Freistößen im Stadion bewusst doppeldeutig: »Die Mauer muss weg.« Ein Gegenpol zum als »Stasiklub« verschrienen, von der Staatsführung verhätschelten BFC Dynamo.