Familie, Fußball und Tischtennis: Hollands Robin van Persie

Die durchzechte Nacht mit einer Stripperin

So gut er sportlich zurechtkam, so anfällig schien er für das rauschhafte Leben, das populären Fußballprofis abseits des Platzes zufällt. Nach dem Gewinn des FA-Cups mit Arsenal und seinem Debüt in der holländischen Nationalmannschaft wurde er Anfang Juni 2005 in Rotterdam wegen des Verdachts auf Vergewaltigung verhaftet. Er saß mehrere Wochen im Gefängnis, dann wurde die Anklage fallengelassen. Robin war nach durchfeierter Nacht mit ein paar Freunden und einer Stripteasetänzerin in einem Hotelzimmer gelandet, wo viel gelacht und wohl auch mehr als nur geknutscht wurde. Als die Jungs es zu weit trieben und ihre Klamotten versteckten, suchte die Frau verärgert das Weite. Robins Glück war, dass sie unmittelbar danach niemandem etwas von einer  Vergewaltigung erzählte. Stattdessen hörte ein Angestellter des Hotels, wie sie am Telefon mit ihrem Abenteuer mit dem berühmten Fußballer prahlte.

Später entschied das Gericht, den Fall zu den Akten zu legen, weil keine Beweise vorlagen und die Aussagen des Mädchens zu widersprüchlich waren. Robin kostete die Episode fast seine Ehe. Aber letztlich hielt seine marokkanische Frau Bouchra zu ihm, unterstützte ihn und kümmerte sich darum, die besten Anwälte einzuschalten. »Was wir durchgemacht haben, hat unsere Beziehung nur noch stärker gemacht«, sagt sie heute. Eine bittere Lektion, die Van Persie jedoch offenbar half, erwachsen zu werden, mit nunmehr 21 Jahren. Unter Wenger entwickelte er sich zu einem der besten Stürmer der Welt und wurde sowohl bei Arsenal als auch später bei Manchester United zum besten Spieler der Saison gewählt.

»Meine große Stärke ist, dass ich alles genau gleich mache«

Manchmal fragen mich die Leute: »Der Sohn deines Freundes, wie ist der eigentlich so?« Ich antworte: »Gesund. In vielerlei Hinsicht gesund.« Robin denkt gesund und lebt gesund. Es klingt wie ein Klischee, aber er achtet auf vernünftige Ernährung, gönnt sich Ruhepausen, raucht und trinkt nicht. Seine drei Hobbys, in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit: Familie, Fußball und Tischtennis. Er ist auf erstaunliche Art und Weise langweilig. »Ich glaube, meine größte Stärke ist, dass ich immer alles genau gleich mache. Manche Stürmer drehen durch, wenn sie ein Tor gemacht haben, aber ich konzentriere mich weiter auf meine Aufgabe. Und wenn ich mal ein paar Wochen nicht getroffen habe, gerate ich nicht in Panik. Das nächste Tor fällt bestimmt, keine Sorge. Seele und Geist sind viel wichtiger als der Körper. Wir spielen oft dreimal in der Woche, und das steht man nur durch, wenn du emotional ausgeglichen bist und versuchst, eine innere Balance zu finden.«

Im Sommer 2012 stand Robin van Persie vor der vielleicht schwierigsten Entscheidung seines Lebens: Arsenal verlassen? »Ich war zwiegespalten. Ich liebe den Klub, das fantastische Stadion, das Publikum, die Atmosphäre. Aber ich bin ein Siegertyp, und es war Zeit, ein paar Titel zu gewinnen.« Mit Manchester United wurde Van Persie auf Anhieb Meister. Doch die anschließende Saison nach dem Rücktritt von Alex Ferguson wurde ein Desaster. Frühzeitig verabschiedete sich United aus Europa und aus dem Titelrennen der Premier League. Fergusons Nachfolger Moyes musste gehen. Wenig verwunderlich also, dass sich Robin van Persie auf die WM freute. Die Niederlande waren wieder einmal früh qualifiziert. Das Turnier in Brasi­­lien könnte sein letzter Anlauf sein.

Sein Vater ist sich sicher, wie es weitergeht

Vor dem Turnier sagte der Stürmer: »Wir haben eine tolle Mannschaft, eine gute Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten. Für einige von uns wird es die vielleicht letzte Chance sein, einen großen Titel zu gewinnen. Für mich, aber auch für Wesley Sneijder und andere.« Van Persie ist inzwischen 30, das Karriereende kommt in Sicht. Er hat entschieden, seine Laufbahn bei Excelsior Rotterdam zu beenden. Bereits vor ein paar Jahren hat er dem Verein eine ansehnliche Summe für die Jugendarbeit gestiftet. Der Klub hat inzwischen eine Tribüne nach dem berühmtesten Sohn benannt. Wann immer Robin in Rotterdam ist, schaut er vorbei. Hier ist sein Zuhause.

Mehr als zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit ich ihm damals beim Kicken im Käfig neben dem Spielplatz zum ersten Mal zugeschaut habe. Und eigentlich ist es eine rhetorische Frage, ob er all das erreicht hat, wovon er als kleiner Junge träumte. »Ja«, antwortet er. »Natürlich. Ich bin genau dort, wo ich immer sein wollte. Ich bin immer noch ein Kind, und mein größter Traum ist, so lange wie möglich dieses Kind zu bleiben, das ich noch in mir spüre.«

Wenn sein Vertrag in Manchester ausläuft, wird er 33 Jahre alt sein. Anschließend wird er also zu Excelsior zurückgehen. Und dann? Sein Vater, der die Karriere von Anfang an begleitet hat, gibt die Antwort: »Ich glaube, dass er dann als Trainer nach London oder Manchester zurückgeht. Das wird das nächste Ziel für ihn sein: der beste Trainer der Welt zu werden.« Aber er sollte wohl erst einmal die Wahrsagerin befragen, denn vielleicht sieht sie ja auch das voraus.