Falcao in der Krise

Ein Torschuss in drei Spielen

Eine Szene vom zweiten Gruppenspieltag verdeutlichte Falcaos Zustand perfekt. Die Cafeteros führten mit 1:0 gegen Brasilien, als ihr Mittelstürmer eine Konterchance erhielt. Er sprintete mit dem Ball durch die gegnerische Hälfte auf die brasilianische Verteidigung zu. Links bot sich James Rodríguez als Anspielstation an, rechts Juan Cuadrado. Falcao verlangsamte das Tempo, schaute nochmals kurz und schoss aus rund zwanzig Metern aufs Tor. Natürlich ging der Ball am Tor vorbei. Wie so oft: In den ersten drei Spielen brachte der 29-Jährige überhaupt erst einen einzigen Schuss auf das gegnerische Gehäuse.

Mittlerweile werfen die durchwegs schwachen Leistungen auch bei den treuesten Anhängern Falcaos Fragen auf. Zumal seine Sturmkollegen überzeugen. Für das Duell gegen Brasilien hatte Pékerman Teófilo Gutiérrez aufgestellt. Der Angreifer in Diensten von River Plate brillierte gegen die Seleção. »Teo veränderte alles«, schrieb anschließend die kolumbianische Zeitung El Tiempo. Und auch Pékerman stimmte zu: »Es gab nur eine Veränderung, aber sie war entscheidend.« Ein positives Wort zu Falcao? »Ich sah ihn auf dem Niveau seiner Teamkollegen.« Ein Lob klingt anders.

Droht die Bank?

Dabei schneidet Pékerman sogar sein taktisches System auf Falcao zu. Die Kolumbianer spielen in einem 4-2-2-2 – also mit einem Zweimannsturm. Denn als alleinige Spitze funktioniert Falcao erst recht nicht. Doch dafür muss Superstar James Rodríguez, der im letzten Sommer für 80 Millionen Euro zu Real Madrid wechselte, auf den Flügel ausweichen. Seine bevorzugte Position als Zehner bleibt ihm verwehrt.

Die Glanzleistungen bei der letzten WM wurden zudem in einem 4-2-3-1 bestritten. Damit wirkte Kolumbien im Mittelfeld stabiler und in der Offensive weniger ausrechenbar, wenn die vordersten Spieler immer wieder rochierten und sich gegenseitig Räume verschafften. Interessanterweise stellte Pékerman bei dieser Copa hin und wieder auf das alte WM-System um. Etwa im zweiten Gruppenspiel gegen Brasilien, als Falcao für Flügelspieler Víctor Ibarbo ausgewechselt wurde; oder in der letzten Partie gegen Peru, als Falcao für Portos Jackson Martínez weichen musste, der fortan als verkappter Zehner und nicht als zweite Sturmspitze fungierte. In beiden Fällen gab die taktische Veränderung einen positiven Impuls.

»Torjäger sind schwer zu bewerten«

Pékerman sagte kürzlich: »Es gibt zwei Positionen im Fußball, die etwas Besonderes verlangen: Der Torhüter und der Torjäger – und sie sind schwer zu bewerten.« Doch mittlerweile muss auch der 65-jährige Nationalcoach eingestehen, dass sein Torjäger entweder weiterhin in einem Formtief steckt oder ihm langfristig das alte Leistungsvermögen fehlt. Ihn auf die Bank zu setzen, das traut sich Pékerman nicht.

Kolumbien trifft im Viertelfinale der Copa América Freitagnacht auf Argentinien. Die womöglich letzte Chance für Falcao.