Fährt Zypern auch noch zur EM?

Cyprus Thrill

Albanien, Nordirland, Island und Wales sind die großen Überraschungen der EM-Qualifikation. Die größte Sensation könnte allerdings Zypern gelingen.

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»Zur historischen Einordnung«, schrieb der »Guardian« am Montagmorgen. »Als Wales sich das letzte Mal für ein Turnier qualifizierte, war Elvis mit dem Jailhouse Rock auf Platz 1 der Charts und Preston North End gewann die Englische Meisterschaft.«
 
Ähnlich hätte die Zeitung auch die überraschende EM-Qualifikation von Nordirland beschreiben können. Einziger Unterschied: Als die Mannschaft das letzte Mal bei einem Turnier teilnahm, bestimmten Madonna, Wham! und Europe die Charts, und der FC Liverpool wurde Englischer Meister.
 
Doch es geht noch größer und sensationeller. Zum Beispiel in Island und Albanien, deren Nationalmannschaften sich zum ersten Mal überhaupt für ein großes Fußballturnier qualifiziert haben.
 
Island, Albanien, Wales, Nordirland – die Fußballwelt steht ein bisschen Kopf. Aber die größte Sensation könnten wir heute Abend erleben, wenn sich die Nationalmannschaft Zyperns mit einem Sieg gegen Bosnien-Herzegowina auf Play-Off-Platz drei schiebt – zumindest wenn Israel nicht in Belgien gewinnt. Dass das nicht so unwahrscheinlich ist, zeigt das Hinspiel vor einem Jahr. Da gewann Zypern in Zenica mit 2:1.
 
Wie konnte das alles nur passieren? Zypern? Fußball? Blicken wir zurück. Und beginnen bei einem, den sie einst den zyprischen Fußballgott nannten.

»Ich kann es nicht mehr hören!«
 
Noch heute gibt es Tage, an denen kommt Rainer Rauffmann kaum zur Ruhe. Zumeist dann, wenn sich eine zyprische Vereinsmannschaft in einem Europapokal-Wettbewerb außergewöhnlich gut anstellt. Als etwa Anorthosis Famagusta in der Champions-League-Saison 2008/09 gegen Inter Mailand 3:3 spielte und auch Werder Bremen ein 2:2 abtrotzte, musste der ehemalige Angreifer in unzähligen Sportzeitungen die Spiele analysieren.
 
Rauffmann war 1997 zu Omonia Nikosia gewechselt, schoss dort sagenhafte 181 Tore in 152 Spielen, wurde viermal Torschützenkönig und hätte 1998 mit 42 Saisontreffern sogar den Goldenen Schuh Europas geholt, wenn der Koeffizient der zyprischen Liga nicht so niedrig gewesen wäre. 2002 ließ er sich im Alter von 35 Jahren einbürgern und spielte in der EM-Qualifikation fünfmal für Zypern. Ganz Zypern war in jenen Jahren im Rauffmann-Fieber. Selbst in einer Comedy-Serie rief der fußballverrückte Protagonist jede Folge einmal seinen Namen: »Rauffmann! Rauffmann! Schon wieder ein Tor! Ich kann es nicht mehr hören!«

Ein Blinder wie Rauffmann
 
Er, der Zypern-Experte aus Kleve, muss an solchen Tagen also erklären, dass der Fußball auf Zypern seit den Neunzigern sehr viel besser geworden sei. Dass auch Omonia oder APOEL Erfolge feiern. Dass auch mit der zyprischen Nationalmannschaft zu rechnen sei. Um die neue Stärke des zyprischen Fußballs zu unterstreichen, sagt er dann gerne: »Ein Blinder wie ich würde dort heute keine 40 Tore mehr schießen.«
 
Früher dachte man, Rauffmann sei ein Träumer. Zypern und Fußball? Das hörte sich an wie Ghana und Schlittenfahren. Die sollten froh sein, wenn sie gegen San Marino oder die Nationalmannschaft des Vatikans gewinnen. Ein Blick auf die unsägliche Fifa-Weltrangliste gibt den Spöttern sogar heute noch Recht: Zypern belegt dort Platz 114, hinter Burundi, Botswana und Kitts und Nevis, dicht gefolgt von Aruba.
 
Dabei liegen in Wahrheit Welten zwischen dem Fußball in Aruba und jenem Zypern. Gerade in den vergangenen Jahren bestätigte sich die Prognose von Rauffmann. Beinahe heimlich mauserten sich verschiedene zyprische Mannschaften zu regelrechten Geheimtipps.

APOEL Nikosia im Champions-League-Viertelfinale
 
In der Saison 2011/12 zog etwa APOEL Nikosia mit einem 4:3 in Lyon ins Champions-League-Viertelfinale ein. Davor hatte sich die Mannschaft gegen den FC Porto, Zenit St. Petersburg und Schachtar Donezk durchgesetzt. In jener Spielzeit verdiente der Klub mit einem Schlag 13 Millionen Euro, vier Millionen mehr als das gesamte übliche Jahresbudget.
 
Auch Omonia machte seine Sache ganz ordentlich, scheiterte in den letzten Jahren nur äußerst knapp an den Europapokal-Hauptrunden, dieses Jahr mit einem 2:2 und 0:0 gegen Bröndby Kopenhagen, 2014 mit einer knappen Niederlage bei Dynamo Moskau.
 
Die zyprische Division 1 war nun längst keine Liga mehr, in der bessere Beckenbauer-Altherren-Cup-Teams aufeinander trafen – oder vermeintlich Blinde wie Rainer Rauffmann. Hier gab es mit einem Mal gutes Geld zu verdienen. Es kamen in den vergangenen Jahren ehemalige Nationalspieler aus Argentinien oder Portugal. Aktuelle Nationalspieler aus der Elfenbeinküste oder dem Senegal. Ehemalige Premier-League-Spieler und Profis aus Brasilien.