Explosive Stimmung beim FCN

Showdown mit dem Baron

Beim 1. FC Nürnberg geht es drunter und drüber: Verpatzter Saisonstart, Fanproteste und Torwart-Rauswurf. Heute steht der Club bei der Mitgliederversammlung vor einer Zerreißprobe. Alexander Endl von »Clubfans United« mit einer Bestandsaufnahme.

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Die Fußball-Welt schaut wieder einmal nach Nürnberg und schüttelt den Kopf. Abstieg, komplette Kaderumwälzung, verpatzter Saisonstart, Aufsichtsratsrücktritte, Fanproteste – da war er also wieder, der »Club«, wie man ihn von früher kannte und schon fast vergessen glaubte, spätestens seit der Regie Bader/Hecking.

Eine sportliche Krise nach einem Abstieg mit personellem Umbruch und entsprechenden Anlaufschwierigkeiten - das wäre nüchtern betrachtet die naheliegendste Erklärung, doch Teile des Umfelds wollen sich damit nicht mehr zufrieden geben und so erwächst aus der sportlichen Krise die strukturelle Vereinskrise. Um das alles wirklich zu verstehen, was am Nürnberger Valznerweiher in diesen Tagen passiert, benötigt es einen Grundkurs Vereinsstruktur. Der Club ist, im Gegensatz zu den meisten anderen Vereinen im Profigeschäft, weiterhin als klassischer »e.V.« organisiert.

Es geht um fünf Posten im Aufsichtsrat

Das bedeutet, dass das zentrale Entscheidungsorgan des Vereins die Mitgliederversammlung ist. Das wiederum heißt, dass alle im Verein Verantwortlichen sich (mindestens) einmal im Jahr den Mitgliedern erklären (müssen). Gleichzeitig wählen die Vereinsmitglieder einen neunköpfigen Aufsichtsrat des FCN und jener Aufsichtsrat ist wiederum dafür zuständig die Vorstände des Vereins personell zu besetzen. Aber nicht nur das: Er genehmigt auch die Verträge für Spieler und Trainer. Was es  nicht bedeutet: Die Mitglieder können den Vorstand weder direkt wählen noch abwählen. Sie können die personelle Besetzung also nur indirekt beeinflussen, idealerweise getrieben von deren fachlichen Kompetenzen - manchmal aber auch schlicht danach, ob sie gerade für oder gegen die handelnden Vorstände sind. So ist das eben mit der Demokratie, die Protestwähler.

Diese komplizierte Konstruktion ist Teil der momentanen Unruhe. Denn just am  Dienstag steht eine jener großen Mitgliederversammlungen an, die über Wohl und Wehe des Vereins entscheiden können. Meist sind diese Versammlungen eher dröge und langatmig, doch diesmal ist Brisanz in der Sache, denn gleich fünf Positionen im Aufsichtsrat sind vakant. Es bedeutet, dass theoretisch eine geordnete Fraktion mit einer einzigen Wahl die Mehrheit im Aufsichtsrat übernehmen könnte und so den ganzen Verein auf den Kopf stellen kann.

Der Showdown – die Chance der Opposition

Normalerweise verhindert die Satzung eine solche konzertierte Blockbildung, getragen von dem Momentum der Stunde und einhergehenden Revoluzzergeist, dadurch, dass nur drei Posten pro Versammlung neu besetzt werden. Dieser Schutzmechanismus versagt diesmal aber, zwei Rücktritte kurz vor der Versammlung machen den Rahmen größer und so ist der Showdown für die Versammlung eröffnet, die Opposition wittert ihre große Chance.

Es sind die beiden Rücktritte der Aufsichtsräte Schamel und Müller vom 26.08.2014, die - ob gewollt oder unfreiwillig (zumindest im Falle Müller)  - einen Prozess in Gang setzten. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte nur eine Revolution von Innen kommen, nun ist sie kraft anstehender AR-Wahl von Außen möglich - ein Fest für jeden Politiker, Populisten und Spin Doctor. Angeführt wird die Gruppe der Opposition, die sich »Pro Club 2020« nennt, von Hanns-Thomas Schamel. Der Unternehmer, phänotypisch vom Schlage Mario Adorf, wird von der Lokalpresse gern als Meerrettich-Baron oder Kren-König bezeichnet. Er passt also insoweit ideal in die Reihe Nürnberger Größen wie Teppichkönig Roth oder Baulöwe Schmelzer.

Der Meerrettich-Baron

Schamel hatte sich einst mit einer pathetischen Rede einen Platz im Aufsichtsrat gesichert, diesen nun aber aus eigenen Stücken verlassen mit der Begründung, nicht mehr mit dem jetzigen Vorstand und Aufsichtsrat zusammenarbeiten zu können. Am Vorabend seines Rücktritts hatte sein Misstrauensantrag gegen Sportvorstand Martin Bader keinen Erfolg gehabt. Einziger Unterstützer dieses Antrags im Aufsichtsrat war der frühere Radioreporter Günther Koch.

Nur wenige Tage nach seinem Rücktritt nahm Schamel zwar nicht den Rücktritt vom Rücktritt, aber doch eine Kehrtwende und verkündete die erneute Kandidatur für den Posten, den er gerade eben noch bereitwillig aufgab.  Es liegt nahe, dass Schamel die Gunst der Stunde nutzt und sich mit einem Team von Unterstützern neu positioniert, um im Aufsichtsrat nun eine Mehrheit zu erlangen. Der Rücktritt verschaffte ihm dabei eine sicher nicht unerwünschte mediale Aufmerksamkeit und entledigte zugleich lästige Verpflichtungen gegenüber dem Verein, die sich aus dem AR-Mandat ergaben. Welches Konzept konkret hinter »Pro Club 2020« steht, ließ Schamel allerdings bisher weitgehend offen und setzt auf die große Bühne JHV, dort werde er sein Konzept exklusiv dem großen Publikum vorstellen, so heißt es.

Zu radikal will Schamel allerdings nicht wirken, auch eine Zusammenarbeit mit Bader schließt Schamel vorsorglich nicht aus.